Boris Beckers schwerster Gang an der Seite seiner Partnerin Lilian de Carvalho Monteiro.

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Becker wurde hernach umgehend in Gewahrsam genommen.

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London – Die Geschworenen hatten den einstigen Tennis-Weltstar vor drei Wochen in vier von 24 Anklagepunkten für schuldig befunden. Angesichts seiner deutschen Vorstrafe wegen Steuerhinterziehung sowie der Schwere der Vorwürfe sei nur eine Haftstrafe infrage gekommen, erläuterte Richterin Deborah Taylor. Der 54-Jährige wurde umgehend in Gewahrsam genommen.

Wie an allen Verhandlungstagen des Prozesses war Becker auch am Freitag in Begleitung seiner Partnerin Lilian de Carvalho Monteiro erschienen. Zu dunkelblauem Anzug und hellblauem Hemd trug er eine Krawatte in den lila-grünen Farben des All England Lawn Tennis & Croquet Clubs. An dessen Heimstatt im Südlondoner Mittelschichtviertel Wimbledon hatte der damals 17-Jährige 1985 sensationell das Grand-Slam-Turnier gewonnen und damit auf einen Schlag die Herzen der Tennisfans erobert. Zwei weitere Wimbledon-Siege sowie drei andere Grand-Slam-Triumphe machten den Deutschen zur Tennislegende – in den vergangenen Jahren verdingte er sich bei der BBC als fachkundiger Kommentator vor Ort.

Damit ist es nun bis auf weiteres vorbei. Legt man die Erfahrung anderer in Southwark Verurteilter zugrunde – das dortige Krongericht verhandelt fast alle wichtigen Wirtschaftsstrafsachen Englands –, dürfte Becker die erste Nacht entweder im berüchtigten, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Südlondoner Gefängnis Wandsworth oder im Hochsicherheitsknast Belmarsh weit im Osten der Hauptstadt verbringen. Nach dem langen Wochenende – die Briten feiern den 1. Mai arbeitnehmerfreundlich erst am Montag – kann der Delinquent auf die Verlegung in ein moderneres, weniger furchterregendes Quartier hoffen. Hingegen ist an Freigang erfahrungsgemäß frühestens nach einem Jahr zu denken.

Intensive Anteilnahme

Unter intensiver Anteilnahme der Londoner Boulevardmedien hatte Becker am Donnerstag noch einmal das Leben in Freiheit genossen. Sparen mochte der verurteilte Insolvenzbetrüger dabei nicht: Nicht nur reiste er, so die "Daily Mail", mit einem der berühmten schwarzen Taxis quer durch die britische Hauptstadt; eine neue Sporttasche kaufte er statt beim Discounter im Nobelkaufhaus Harrods, wie der "Daily Mirror" notierte. Besonders interessiert zeigte sich die Medienmeute am anderthalbstündigen Besuch einer unscheinbaren Wohnung in Notting Hill. Anschließend habe ein "überaus tätowierter Mann in schwarzer Weste" dem Reporter die Auskunft darüber, was der Besucher denn in der etwas spelunkenhaften Wohnung zu suchen gehabt habe, verweigert, wie die "Times" naserümpfend feststellte.

Das große Interesse der britischen Öffentlichkeit am Tennispromi hatte gewiss auch mit Schadenfreude zu tun. Insgesamt überwog aber das Bedauern über den tiefen Fall eines stark gealterten Jünglings, den die sportbegeisterte Nation vom Tag seines Wimbledon-Triumphes an ins Herz geschlossen hatte. Ausführlich blätterte die öffentlich-rechtliche BBC nicht nur die sportlichen Höhepunkte von "Bum-Bum-Boris" aus; mit hoher sprachlicher Eleganz erinnerte der Moderator die Zuschauer auch an Beckers "Begegnung" mit einer Kellnerin im Nobelrestaurant Nobu. Das Resultat war seine Tochter Anna, deren zunächst in Abrede gestellte Vaterschaft Becker später nicht nur anerkannte, sondern auch erstnahm.

Berufung möglich

Vom Gefängnis aus kann der Verurteilte sowohl gegen die Höhe seiner Strafe wie gegen das Urteil selbst Berufung einlegen. Allerdings konnte am Ende des Prozesses eigentlich kein Zweifel daran bestehen, dass die elf zufällig ausgewählten Frauen und Männer die insgesamt 24 Vorwürfe gegen Becker gründlich abgewogen hatten. Immerhin sprachen sie ihn in 20 Einzeldelikten frei.

"Schuldig" aber lautete der Urteilsspruch der Geschworenen in Bezug auf vier schwerwiegende Punkte der Anklage von Kronanwältin Rebecca Chalkley: Nach seiner Insolvenz 2017 hatte der Bankrotteur hohe Summen auf private Konten transferiert, offenbar im naiven Glauben, dies vor der Insolvenzbehörde geheimhalten zu können; zudem verschwieg er den Besitz seines Elternhauses in Leimen bei Heidelberg und ein darauf liegendes Darlehen in Höhe von 825.000 Euro sowie den Besitz lukrativer Aktien.

Am Freitag blätterte Chalkley noch einmal das Sündenregister des Verurteilten auf, referierte ausführlich Beckers mondänen Lebensstil und dessen lässigen Umgang mit seinen Trophäen und den vielen Millionen von Preisgeldern. Verteidiger Jonathan Laidlaw räumte zwar das "kriminelle" Verhalten seines Mandanten ein, beteuerte aber wortreich, dies sei "nicht in böser Absicht geschehen". Die Verurteilung habe Becker "öffentlich gedemütigt" und ihn mit leeren Händen zurückgelassen: "Das ist nichts weniger als eine Tragödie." Sein Plädoyer für eine Bewährungsstrafe aber stieß bei Richterin Taylor auf taube Ohren. (Sebastian Borger aus London, 29.4.2022)