Mehr als die Hälfte der Bewohner der kenianischen Hauptstadt Nairobi ist geimpft – in ländlichen Regionen sind die Zahlen deutlich niedriger.

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Stavros Nicolau, Geschäftsführer des südafrikanischen Covid-Impfstoff-Herstellers Aspen, überraschte die Öffentlichkeit jüngst mit einer verblüffenden Nachricht. Seine Firma müsse die Herstellung von Aspenovax, einem Generikum des Impfstoffs der US-Firma Johnson & Johnson, bald einstellen, gab Nicolau bekannt: Denn bislang sei bei seinem Unternehmen keine einzige Bestellung des Vakzins eingegangen. Als Aspen im vergangenen November die Produktion aufnahm, wurde die Tatsache noch in aller Welt als Durchbruch gefeiert. Erstmals stellte Afrika sein eigenes Covid-Vakzin her: auf dem Kontinent, der bislang bitter über die "Impfstoff-Apartheid" klagte – den Umstand, dass sich die reichen Länder fast alle Vakzine unter den Nagel gerissen hatten, während arme Länder leer ausgingen. Sollte das jetzt nicht mehr länger gültig sein?

Wo Afrika bei den Impfquoten doch noch immer weit abgeschlagen ist: Nur vier Prozent der fast zwölf Milliarden weltweit verabreichten Dosen wurden in afrikanische Oberarme gespritzt. Nur eine oder einer von sechs erwachsenen Afrikanerinnen und Afrikanern ist durch die Impfung geschützt, 84 Prozent der Bevölkerung sind gar nicht oder nur unzureichend vor dem Virus geschützt. Die Zahlen haben 45 afrikanische Kirchenführer jetzt bewogen, sich mit einem Brandbrief an den gestern in Washington veranstalteten Covid-Gipfel zu wenden: "Wir fordern sofortige Maßnahmen", heißt es darin, "die massive Ungleichheit in der weltweiten Antwort auf die Pandemie zu beenden." Haben die Bischöfe ihre Zeitung nicht gelesen?

Impfstoff entsorgt

Zumindest hätte ihr Appell differenzierter ausfallen müssen. Denn in Wahrheit kann von Impfstoffknappheit in Afrika keine Rede mehr sein: Weit über 600 Millionen Dosen wurden inzwischen auf den Kontinent gebracht, hunderte Millionen weiterer sind angekündigt. Nach Angaben des afrikanischen Zentrums für Seuchenkontrolle wurden bislang nicht einmal zwei Drittel der gelieferten Impfstoffe an den Mann oder die Frau gebracht, 29 Staaten hätten nicht einmal die Hälfte verimpft. Da die Vakzine ein Haltbarkeitsdatum haben, mussten tausende Portionen bereits weggeworfen werden. Südafrika versuchte, seine überschüssigen Bestände kostenlos abzugeben, fand aber keinen Interessenten dafür. Also müssen für die schlechten afrikanischen Impfquoten andere Umstände verantwortlich sein.

An mangelnder Bereitschaft der Bevölkerung kann es auch nicht liegen. Die unabhängige Forschungsinitiative Perc führte eine Umfrage in 19 afrikanischen Staaten durch: Fast 80 Prozent der befragten Personen waren durchaus willig, sich impfen zu lassen. Der Rest habe keinen triftigen Grund gesehen oder misstraue grundsätzlich allem, was von der Regierung komme. In Südafrika werden dafür auch die sozialen Netzwerke verantwortlich gemacht: In denen tummelten sich unverhältnismäßig viele "Antivaxxers" und Kritiker der Regierung, heißt es. Doch solange die Verweigerer höchstens 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wäre das WHO-Ziel zu erreichen, mindestens 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mit einer Impfung zu schützen.

Unterschied zwischen Stadt und Land

Ein viel größeres Problem ist, dass viele afrikanischen Staaten Schwierigkeiten haben, ihre Bevölkerung zu erreichen: Vor allem jene Teile, die fernab der Hauptstadt in entlegenen Regionen, im Dschungel oder in der Pampa leben. Das gilt für Vakzine, die auf eine Kühlkette angewiesen sind, besonders: Den Impfstoff beim Transport über Stunden oder gar Tage bei minus 70 Grad zu halten ist nahezu unmöglich. Mehr als die Hälfte der Bewohner der kenianischen Hauptstadt Nairobi ist geimpft – im Bezirk Mandera, der in der Halbwüste an der Grenze zu Somalia liegt, sind es nicht einmal zehn Prozent. Ein Phänomen, das in Afrika fast in allen Bereichen anzutreffen ist: Während sich die Regierungen noch einigermaßen um die Städter kümmert, bleibt die an der Peripherie auf dem Land lebende Bevölkerung von öffentlichen Diensten weitgehend ausgeschlossen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihre Botschaft deshalb schon umformuliert. Statt der Lieferung von Impfstoffen fordert sie jetzt, den Armutsstaaten bei der Verteilung der Vakzine beizustehen: "Weil die Pandemie nicht zu beenden ist, bevor nicht für jeden und überall der Zugang zu Impfstoffen, zu Tests und Medikamenten gesichert ist." Was Medikamente angeht, ist der Appell der Kirchenführer dann doch gerechtfertigt. Wie noch bis vor wenigen Monaten bei den Impfstoffen ist die Apartheid heute bei den Medikamenten am Werk: Die Pfizer-Pille Paxlovid, der gute Erfolge bei der Covid-Behandlung nachgesagt werden, wurde bereits zu 98,7 Prozent in den Industrienationen aufgekauft. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 13.5.2022)