"Be kind to one another" lautete die Regel der Entertainerin Ellen DeGeneres, die sie offenbar selbst missachtete.

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Irgendwann hat jeder Spaß ein Ende, im Fall von Ellen DeGeneres ist das der 26. Mai. Nach 19 Jahren hört die US-amerikanische Comedienne auf. Zur letzten Show kommt Jennifer Aniston, Pink ist angesagt und Billie Eilish.

Es ist ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge. The Ellen Show konnte sich als erfolgreicher Gegenentwurf zum männlich dominierten Talk- und Comedy-Genre behaupten. Das Finale hätte groß sein können. Ist es aber nicht.

Kratzer am Image

Denn ausgerechnet die Feministin und Verfechterin von Geschlechtergerechtigkeit fiel 2020 einer Debatte zum Opfer, die in der Folge von #MeToo hochkam. In ihrer Show zu arbeiten soll nämlich gar nicht lustig gewesen sein. Entgegen der dauerfröhlichen und stets zu Späßen aufgelegten Stimmung in der NBC-Show soll ein unguter Umgangston geherrscht haben. Produzenten der Show gingen freiwillig, nachdem eine interne Untersuchungskommission Vorwürfen von Bullying und Rassismus bis hin zu sexueller Belästigung nachgegangen war. DeGeneres habe von den Missständen zumindest gewusst, manches habe sie sogar gefördert, hieß es. Eine Entschuldigung änderte nichts: Das Strahle-Image war angekratzt. Und zwar ordentlich.

Lieb sein!

Für eine, deren Maxime "Be kind to one another!" lautete und die höfliche Umgangsformen als hohes Gut wertete, ist ein solcher Leumund natürlich ein vernichtendes Urteil und ein bitterer Beigeschmack, der bleibt. Konnte man bis vor wenigen Jahren noch argumentieren, bei einem Mann würden derartige Ruppigkeiten eher akzeptiert, so gilt das seit #MeToo nicht mehr. Insbesondere im Showbusiness ist der Spielraum für Machtmissbrauch glücklicherweise geschrumpft. Das gilt für alle Geschlechter, und auch männliche Spitzenkräfte müssen mittlerweile Verhaltensregeln einhalten.

Das Outing

Bis vor dieser Affäre galt Ellen als uneingeschränkte Lichtgestalt für Frauen und Queerness, eine Heldin des Humors und mutig noch dazu. In der Serie Ellen spielte DeGeneres eine New Yorker Buchhändlerin, die sich mit ihrer Dauerquasselei immer wieder in heikle Situationen begab. Am 30. April 1997 passierte genau das, als sich die Figur Ellen öffentlich outete. Was Wochen vor diesem Outing in Nachrichten los war, kann man heute seinen Enkelkindern erzählen. Wahrscheinlich würden sie es nicht glauben. "Ich habe so Angst, endlich Farbe zu bekennen", sprudelte es aus der Buchhändlerin Ellen, als sie endlich Farbe bekannte. Zwei Folgen brauchte sie dafür, im Gegensatz zur schwungvollen Sitcom zog es sich in die Länge.

Das endgültige Outing war dramaturgisch wiederum gekonnt: "Ich bin lesbisch", sagte Ellen Morgan / Ellen DeGeneres das erste Mal unabsichtlich ins Mikro der Abflughalle des Flugs 358 nach Pittsburgh, wahrscheinlich am New Yorker JFK-Flughafen. Ellens "Erste" war übrigens Laura Dern (Enlightened, Big Little Lies). Und was heute niemanden, wirklich niemanden mehr stört, war damals Daueraufreger und der Anfang eines Endes. Nach dem Outing verlor die Sitcom an Schwung, alles drehte sich nur noch um das eine. Ein entsprechendes Maß an Homophobie unter den Zuschauerinnen und in der Gesellschaft trug schließlich dazu bei, dass Werbekunden ihre Verträge kündigten. Nur ein Jahr später war Schluss mit Ellen.

Gags, Gags, Gags

Aufgeben war keine Option. 2003 startete DeGeneres mit der Ellen Show, die sie mit einem geschätzten Vermögen von 330 Millionen US-Dollar zu einer der reichsten Showgrößen in Hollywood machte. Ihre Prominenz wusste sie in den Dienst der guten Sache zu stellen. Ein Spendenaufruf nach dem Hurrikan Katrina brachte zehn Millionen US-Dollar ein. Die Emmy-Verleihung nach dem 11. September 2001 eröffnete sie mit dem Gag des Jahrzehnts: "Was könnte die Taliban mehr ärgern, als eine homosexuelle Frau in einem Anzug zu sehen, die von Juden umgeben ist?" Sie ist Trägerin von Barack Obamas Freiheitsmedaille und erhebt ihre Stimme gegen Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Noch ein Gag gefällig? In der Liste von "Trumps besten Momenten" zeigte sie den Präsidenten, wie er einem Elfjährigen mit den Worten "great job" fürs Rasenmähen im Weißen Haus dankt. Und weiter nichts. Im Spin-off Ellen’s Game of Games versenkte sie Trump in einer Montage, das Haarteil flog extra nach.

Gespielter Witz

Nicht jeder Witz saß. Die Reihe Celebrity Pranks!, in der sie Prominente erschreckt, verursachte beinahe körperliche Schmerzen, ebenso mitunter zäh triefender Pathos.

Den Ruhm konnte das allerdings – oder vielleicht genau deshalb – nicht schmälern. DeGeneres veröffentlichte Bücher, lieh Disneys Fisch Dorie ihre Stimme und verkauft Spielzeug für Haustiere.

Was bleibt

Was hat Ellens Popularität für die LGBTQ-Community bewirkt? Im Mainstream-TV spielen schwule und lesbische Darsteller längst nicht nur mehr in der Problemzone mit. Vor allem das epische Serienfernsehen hat wesentlichen Anteil daran, dass homosexuelle Charaktere und Geschichten zur Fixausstattung gehören. Sexuelle Orientierung ist heute im Showbusiness kein besonderes Thema. Den Boden dazu hat Ellen DeGeneres bereitet. Böse zu Mitarbeitern sein oder sie gar ignorieren darf man trotzdem nicht.

Nach mehr als 3.200 Folgen und mehr als 4.000 Gästen ist also Schluss. Ellens Ende scheint hingegen nicht nahe: Berichten zufolge soll die Sendung auch nach der letzten Folge den ganzen Sommer über mit Gastmoderatoren und Wiederholungen auf anderen Sendern weiterlaufen. Die 64-jährige Entertainerin selbst bleibt über Pläne vage. (Doris Priesching, 17.5.2022)