Wien – Am Samstag spielen die beiden Urgesteine Alexander Grünwald und Markus Suttner ein letztes Mal für die Austria. Es wird kein lockeres Auslaufen, in der Partie gegen Sturm Graz (17 Uhr, Sky) geht es um den begehrten dritten Platz, der direkt in eine europäische Gruppenphase – Europa oder Conference League – führt.

Vor diesem großen Finale blickt Grünwald im Gespräch mit dem STANDARD noch einmal auf seine lange Karriere in Wien-Favoriten zurück. Von der Champions League bis zur drohenden Insolvenz hat er alles miterlebt.

Alexander Grünwald: "Plötzlich ist man 33 und hat nur noch eine Partie vor sich."
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

STANDARD: Kommt das Karriereende für einen Profi schneller, als ihm lieb ist?

Grünwald: Wenn man jung ist und mit dem Fußball anfängt, denkt man, dass man ewig Zeit hat. Ein paar Matches, ein paar Verletzungen, plötzlich ist man 33 und hat nur noch eine Partie vor sich. Aber ich habe einiges erlebt. Für mich ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, Adieu zu sagen. Und das passt auch so. Ich gehe mit einem guten Gefühl.

STANDARD: Welchen Tipp würden Sie dem jungen Alexander Grünwald mitgeben?

Grünwald: Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Aber ich würde mir wohl mehr Gelassenheit empfehlen. Man muss als Profi die Ruhe bewahren, wenn es weniger gut läuft. Jeder Fußballer ist irgendwann mit einer schwierigen Situation konfrontiert. Aber ein Match auf der Ersatzbank bedeutet nicht das Karriereende.

STANDARD: Hatten Sie jemals Zweifel?

Grünwald: Ich hatte nach Verletzungen Zweifel, ob mein Körper dem Sport noch gewachsen ist, ob ich auf mein altes Level zurückkommen kann. An meine fußballerischen Fähigkeiten habe ich immer geglaubt. Da hatte ich immer genügend Selbstvertrauen. Das ist für einen Leistungssportler nicht unwichtig.

STANDARD: Verletzungen haben Ihren Weg geprägt. Konnten Sie Ihr Potenzial ausschöpfen?

Grünwald: Ich denke, dass ich das Potenzial für das eine oder andere Spiel im Nationalteam gehabt hätte. Aber ich hatte mit 14 Jahren den ersten Kreuzbandriss. Später sind ein paar dazugekommen. Plus Knorpelschaden, Schulter und Knöchel. Unter diesen Voraussetzungen kann ich mit dem Erreichten nicht unzufrieden sein.

STANDARD: 2013 fielen sie wenige Tage vor der Champions League mit einem Kreuzbandriss aus.

Grünwald: Wir waren Meister, sind in die Champions League eingezogen. Wir haben uns einen Traum erfüllt, und ich war daran beteiligt. Dann habe ich mir im Training unnötig das Kreuzband gerissen. Ich habe sofort gewusst, dass der Traum vorbei ist. Ich bin sozusagen aufgewacht. Das tut heute noch weh.

STANDARD: An welches der 329 Spiele für die Austria erinnern Sie sich am liebsten?

Grünwald: Es gab einige Highlights. Wenn ich eine Partie auswählen muss, dann das 4:0 gegen Mattersburg im Mai 2013. Wir haben damals vor eigenem Publikum den Meistertitel fixiert. Und das nach einer überragenden Saison mit Punkterekord. Wenn man sieht, wie dominant Red Bull Salzburg die vergangenen Jahre aufgetreten ist, weiß man den Wert dieser Leistung zu schätzen.

Meisterfeier 2013: Der eine, Alexander Grünwald, spielt seine letzte Partie, der andere, Manuel Ortlechner, ist mittlerweile Sportdirektor.
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STANDARD: Wo würden Sie die aktuelle Saison einordnen?

Grünwald: Sie ist ganz vorne dabei. Unsere Leistung ist eine Überraschung, wenn nicht sogar mehr. Die Voraussetzungen waren die schwierigsten, seitdem ich da bin. Ich dachte, wir würden ganz unten mitspielen. In den ersten Runden war es auch so. Was dann passiert ist, muss man dem Trainerteam hoch anrechnen. Die jungen Spieler haben sich entwickelt, alle sind mit der Aufgabe gewachsen.

STANDARD: Nun ist eine Europacup-Gruppenphase möglich. Wie geht die Mannschaft damit um?

Grünwald: Wir sind bereits Vierter, wir haben uns schon für den Europacup qualifiziert. Damit hat niemand gerechnet. Jetzt heißt es, noch einmal alle Kräfte bündeln, um den dritten Platz zu fixieren. Wir sind alle erfolgshungrig, egal ob am Anfang oder am Ende der Karriere. Wir wollen diese Gruppenphase und dem Verein ein paar Einnahmen bescheren.

STANDARD: Sie wechseln in den B2B-Bereich, sind künftig in der Partner-Akquise der Austria tätig. Wie wichtig ist da der Europacup?

Grünwald: Ich bin ein Berufsneuling, aber man kann erahnen, dass eine europäische Gruppenphase für Sponsoren und Partner sehr attraktiv ist. Ziel des Vereins muss es sein, regelmäßig solche Erfolge einzufahren. Wir müssen die Austria wieder konstant vorne reinbringen. Die vergangenen Jahre waren sportlich und wirtschaftlich nicht einfach für den Verein.

STANDARD: Sie sprechen den Schuldenberg der Austria an. War das als Spieler immer auszublenden?

Grünwald: Nein, das war nicht möglich. Ich bin hier verwurzelt. Da macht man sich Sorgen. Es ging ums Überleben. Und es geht noch immer ums Überleben. In einer schwierigen Phase haben viele Menschen den Klub unterstützt. Es sind erste Schritte gesetzt worden. Aber es müssen weitere folgen.

STANDARD: Vereinstreue ist ein seltenes Gut im Fußball. Die meisten Spieler Ihrer Qualität suchen ihr Glück im Ausland. Warum haben Sie Österreich nie verlassen?

Grünwald: Ein absoluter Topklub ist nie an mich herangetreten. Es hat aber Optionen gegeben. Ich hätte im Ausland sicher mehr Geld verdienen können, habe mich aber für die Austria entschieden. Wenn ich sehe, wie oft die Spieler heutzutage wechseln, ist es schon etwas Besonderes, fast ausschließlich für einen Verein gespielt zu haben. Das macht mich stolz, ich bereue nichts.

STANDARD: Sie haben viele Spieler kommen und gehen sehen. Können Sie einen hervorheben?

Grünwald: Das ist keine schwierige Entscheidung. Milenko Ačimovič war genial. Als junger Spielmacher konnte ich mir viel von ihm abschauen. Wenn er am Ball war, konnte immer etwas Außergewöhnliches passieren. Da war jeder Pass gefährlich. Für solche Kicker zahlen die Leute Eintritt. (Philip Bauer, 21.5.2022)

Genialer Ballverteiler: Milenko Ačimovič.
Foto: Reuters/Zolles