Der britische Premierminister Boris Johnson sieht sich mit zwei weiteren Niederlagen konfrontiert.

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London – Die britischen Konservativen von Premierministers Boris Johnson haben bei zwei Nachwahlen schwere Niederlagen erlitten: Die Tories unterlagen am Donnerstag sowohl im Wahlkreis Tiverton and Honiton im Südwesten Englands als auch im Wahlkreis Wakefield in Nordengland bei Nachwahlen für je einen Sitz im britischen Unterhaus. Die Wahlen hatten als Stimmungstest für Johnson gegolten, der wegen der Partyaffäre während des Corona-Lockdowns stark unter Druck steht. Er will nun auf die Wähler "hören".

Die Konservativen verloren Tiverton and Honiton, wo sie seit mehr als hundert Jahren die Abgeordneten gestellt hatten, laut Freitagfrüh veröffentlichten Ergebnissen an die Liberaldemokraten. In Wakefield setzte sich die Labour-Partei durch. Bereits im Dezember hatten die Tories eine Nachwahl in dem als Konservativen-Hochburg geltenden Wahlkreis North Shropshire verloren.

Parteivorsitzender Dowden tritt zurück

Der Co-Generalsekretär der konservativen Partei, Oliver Dowden, trat Freitagfrüh zurück. Er erklärte, die Partei könne nach zwei vernichtenden Nachwahlniederlagen nicht wie gewohnt weitermachen und jemand müsse die Verantwortung übernehmen.

"Die gestrigen Nachwahlen sind das letzte in einer Reihe von sehr schlechten Ergebnissen für unsere Partei. Unsere Anhänger sind verzweifelt und enttäuscht über die jüngsten Ereignisse, und ich teile ihre Gefühle", sagte Dowden in einem Rücktrittsschreiben an Johnson. "Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Jemand muss die Verantwortung übernehmen, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es unter diesen Umständen nicht richtig für mich wäre, im Amt zu bleiben."

Johnson selbst will unbeirrt weitermachen; er werde auf die Wähler "hören", versicherte der Regierungschef während eines Besuchs in Ruanda. Er fügte aber hinzu: "Wir werden weitermachen und auf die Sorgen der Menschen eingehen." Kürzlich hatte Johnson eine Misstrauensabstimmung in der eigenen Unterhausfraktion überstanden.

Sexualdelikte

Die Nachwahl in Tiverton and Honiton wurde nötig, weil der Abgeordnete Neil Parish sich im April nach Beschwerden darüber zurückgezogen hatte, dass er im Parlament auf seinem Mobiltelefon Pornos geschaut hatte. Die Nachwahl in Wakefield wurde angesetzt, nachdem sich der Abgeordnete Imran Ahmad Khan nach seiner Verurteilung wegen eines sexuellen Übergriffs auf einen 15-jährigen Buben zurückgezogen hatte.

Analysten werteten die Niederlagen Johnsons als ein Zeichen für die tiefe Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler nach monatelangen Skandalen und der angestiegenen Lebenserhaltungskosten in Großbritannien.

"Zeit, dass Johnson geht"

Die Liberaldemokraten gewannen den Sitz von Tiverton und Honiton, in einem zutiefst konservativen Teil Südwestenglands, mit einer Mehrheit von über 6.000 Stimmen. Sie stürzte damit eine Mehrheit von mehr als 24.000 Stimmen, welche die Konservativen 2019 errungen hatten.

"Heute Abend haben die Menschen in Tiverton und Honiton für Großbritannien gesprochen. Sie haben eine laute und klare Botschaft gesendet: Es ist an der Zeit, dass Boris Johnson geht, und zwar sofort", sagte der siegreiche Liberaldemokrat Richard Foord. "Mit jedem Tag, den Boris Johnson im Amt bleibt, bringt er weitere Schande, Chaos und Verwahrlosung."

Labour-Chef Keir Starmer deutete als Oppositionschef den Ausgang der Nachwahl in Wakefield nun als Zeichen dafür, dass seine Partei auch die nächsten landesweiten Wahlen 2024 gewinnen könne. "Wakefield hat gezeigt, dass das Land das Vertrauen in die Tories verloren hat", erklärte Starmer. "Das Ergebnis ist ein klares Urteil über eine konservative Partei, der die Energie und die Ideen ausgegangen sind." (met, Reuters, APA, 24.6.2022)