Bald geht ein Ruck durch die Gesellschaft, bis das letzte Sicherungsseil reißt. So ergeht es Menschen, die nur ihre Ruhe haben wollen, keine Konflikte, keine Konkurrenz, keine Kritik aushalten, keinen Wettbewerb.

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I Perfide

Nur vier Jahre nach Kriegsende schrieb Bert Brecht eines seiner weitsichtigsten Gedichte. Wahrnehmung heißt es, und es schaut auf die harten Kriegsjahre zurück und auf das, was für die Menschen in Europa nun ansteht: "Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns / Vor uns liegen die Mühen der Ebene."

Wir leben bekanntlich in Zeiten, in denen die Aufmerksamkeitsspanne der Leute immer geringer wird. Sie lesen und denken die Dinge nicht zu Ende. Sie hören nur die Hälfte, also die Sache mit dem Gebirge, das hinter uns liegt. Längst schon ist das anders. Kein Krieg, eine wohlhabende Konsumgesellschaft, ein ausgebauter Sozialstaat, keine Rede mehr vom Schicksal der Massen, die vor der Industrialisierung, wie Thomas Hobbes wusste, nichts weiter erwartete als ein "schmutziges, brutales und kurzes Leben". Die Transformationen der letzten zwei Jahrhunderte machten aus einer Agrar- eine Industriegesellschaft, die wiederum von der Mitte des vergangenen Jahrhunderts immer stärker zu einer wurde, in der wissensbasierte Dienstleistungen unser Leben bestimmen. Die Topografie dieser Welt besteht aus den Mühen der Ebene, und deren Gangart verlangt von den meisten nicht mehr Muskeleinsatz und Schweiß und mühsames Hochklettern bei ständiger Absturzgefahr, sondern etwas viel Perfideres: die Einsicht, dass es ziemlich gefährlich ist, in der Wissensgesellschaft auf Leistung zu verzichten.

Wir wollen unsere Ruhe – immer gerade weiterlaufen, ohne Widerstände.

Gewiss: Die Ebenen sehen nicht danach aus. Sie ziehen sich endlos, die "plains" der Konsumgesellschaft, weit und offen, aber eben auch ziellos, ohne dass das Auge einen Gipfel, ein Ziel erkennen kann. Nun hat es der Mensch, genauer sein Gehirn, der Sitz seines Bewusstseins, gern gemütlich. Der Biedermeier, der "innere Schweinehund", ist uns angeboren, der Müßiggang das evolutionäre Ideal. Deshalb kriegen wir nicht genug von Ferien, Urlaub, Auszeit, und wenn jemand Work-Life-Balance sagt, dann ist niemand wirklich dran interessiert, dass sich diese Zustände die Waage halten. Wir wollen unsere Ruhe – immer gerade weiterlaufen, ohne Widerstände.

Der Stand der Dinge passt ideal zur geopolitischen Lage. Putin und seine Spießgesellen haben es auf den wohlstandsverwöhnten Westen abgesehen, das sagen sie auch ganz offen, nur die Angesprochenen wollen das – siehe Ruhebedürfnis – nicht hören. Sie meinen, das würde sich schon wieder legen. Doch das ist falsch. Der Typ ist, wie diese Typen immer sind, sie suchen Streit, weil sie glauben, zu Unrecht zu kurz gekommen zu sein. Dass das westliche konsumistische System den eigenen staatlichen Gewerken überlegen ist, konnten schon die Sowjets nicht aushalten. Sie waren nicht die Ersten. Als die deutsche Wehrmacht kapitulierte, standen die, denen ihr "Führer" Askese und Fitness à la "Kruppstahl" und "Windhunden" verordnet hatte, vollschlanken Amerikanern gegenüber, die mit Schokolade um sich warfen, und so der militärischen Niederlage noch eine moralisch-ideologische hinzufügten. Eine Kränkung, die sich, wie man an ihrem Antiamerikanismus sehen kann, noch in der vierten, fünften Folgegeneration verbreitet. Fakt ist jedenfalls, dass die dicken Amerikaner für unsere Freiheit ins Hochgebirge stiefelten. Wir machen Urlaub, während die Ukraine brennt. Ferien statt Freiheit. Das zahlt auf Putins Kalkül ein. Er kennt uns besser als wir selbst.

II Am Rand: ein Ruck

Was jetzt stört, ist nicht mehr Mord, Vergewaltigung, Angriffskrieg und die Perspektive, bald selbst zu den Opfern zu zählen, sondern der Ärger in Staus, bei unpünktlichen Zügen und in endlosen Warteschlangen auf Flughäfen, hohe Sprit- und Ticketpreise und bei alledem noch eine miese Organisation, die wiederum – auch das darf man nicht vergessen – der miesen Lohnpolitik der "Mobilitätsdienstleister" geschuldet ist. Bei Karl Kraus geht ein hoher K.-u.-K-Militär im Ersten Weltkrieg ins berühmte Restaurant Meissl & Schadn in Wien, verlangt dort ein "Rostbratl", was der Kellner aber leider nicht bringen kann, denn "es ist Krieg", wie der Angestellte kleinlaut anmerkt, und Fleisch gibt es keins. "Hören S’ mir auf mit Ihrem blöden Krieg", fährt der Generalstäbler den Ober an. So ungefähr sind wir auch drauf. Die Politik, der angesichts von Inflation, Krieg, neuerlicher Corona-Welle und miserablem Vorsorgemanagement die Muffe geht, sagt lieber nichts – sie tut so, als ob alles nicht schlimm wird im Herbst, und die Bevölkerung tut so, als ob sie das glaubt. Gemeinsam stolpern sie wie Schlafwandler über die Hochebene, nie den Zusammenhang zwischen eigenem Handel und dessen Folgen erkennend, bis der Rand des Plateaus erreicht ist.

Dann geht ein Ruck durch die Gesellschaft, bis das letzte Sicherungsseil reißt.

So ergeht es Menschen, die nur ihre Ruhe haben wollen, keine Konflikte, keine Konkurrenz, keine Kritik aushalten, keinen Wettbewerb. Vermeintlich fortschrittliche Pädagogen empfehlen nur mehr Spiele, bei denen es weder Gewinner noch Verlierer gibt. Das ist sicher gut gemeint, aber grundfalsch gedacht. Denn die Verlierer im Sport sind möglicherweise die Gewinner in Deutsch, Mathematik, Englisch – so selten soll das nicht vorkommen. Beim Fußballspielen die Tore addieren und durch zwei zählen – das ist keine Ironie mehr. Dabei gibt es nur Verlierer.

So ergeht es Menschen, die nur ihre Ruhe haben wollen, keine Konflikte, keine Konkurrenz, keine Kritik aushalten, keinen Wettbewerb.

Die, die sich bemüht hätten und sich künftig hüten würden, sich noch einmal fürs Siegen anstrengen zu müssen. Und die Zweitplatzierten erst recht. Wozu noch rennen, wenn es dabei nichts zu gewinnen gibt? Also nichts. Eine Kultur, die den Begriff des Gewinnens und des Verlierens aufgibt und den des "zweiten Siegers" an seine Stelle rückt, hat was zu verbergen, vielleicht sogar Dreck am moralisch stets aufgerichteten Stecken, und dafür spricht nicht nur das Trauma der Niederlagengeschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert, sondern auch ihr Faible für Mittelmaß und Durchschnitt. Freunde der Gleichmacherei schreiben das gerne ihrem Hang zur Gerechtigkeit zu, aber vielleicht geht es um nichts anderes als um den alten Komplex, nicht "schuld" sein zu wollen am Desaster der Niederlage. Wo es keine Gewinner gibt, kann es auch keinen Verlierer geben. Und das, zweifelsohne, meint meistens die Nivellierer selbst.

Es ist zutiefst unfair, unterschiedliche Talente, Fähigkeiten und Interessen über einen Kamm zu scheren. Gerechtigkeit ist Einzelgerechtigkeit, so oft und so gut wie möglich. Gleiches gleich, Ungleiches ungleich. Demokratie ist das Biotop der positiven Differenz, der Diversity. Für die Bewältigung der vielfältigen Krisen – Klima, Inflation, Krieg, Energie, Soziales und Teilhabe – wird es nicht reichen, den Wettbewerb zu verleugnen und die Vielfalt wegzusperren. Neid schießt keine Tore.

III Freizeit

Und ja, die alte Leistungsgesellschaft, bei der es nur um körperliche "Ertüchtigung" und Fleiß ging, hat zu Recht an Bedeutung verloren. Dass körperliche Anstrengungen in Zeiten der Digitalisierung und der Wissensgesellschaft nicht mehr nötig sind, sondern freiwillig auf sich genommen werden können, das ist ein Fortschritt, gut und richtig.

Das Ding ist nur: Was wir uns physisch ersparen, müssen wir uns geistig raufschaffen. Weniger körperliche Arbeit heißt mehr Anstrengung im Kopf, dem Ort, an dem man akute und langfristige Probleme löst. Doch die Döserei setzt sich eben auch dort fort, eine ausgeprägte "intellectual lazyness", Denkfaulheit, geistige Trägheit also. Dazu die bereits oben erwähnte Faulheit, Debatten mit Argumenten und Fakten zu führen, auch das, wie jeder weiß, der es je tat, ein mühsames Geschäft. Intellektuelle schreiben Listen, in denen sie um Ruhe bitten wie einst der Generalstäbler bei Meissl & Schadn, "hören S’ mir auf mit dem Krieg!".

Die Masse und Mittelschicht stellt sich den Herausforderungen, indem sie mehr Freizeit fordert. So wird, nach Belgien und Großbritannien, nun auch in den deutschsprachigen Ländern die Viertagewoche gefordert. Dass unsere Vorfahren mehr Freizeit wollten, war mehr als verständlich – die Arbeit war mühselig, machte krank und ließ die Leute früh sterben. Aber jetzt? Vier Tage? Warum nicht zwei, ganz ernst gemeint? Denn wenn die Arbeit Freude machen würde, die eigene Arbeit wäre, eine Sache, die man gerne tut und nicht muss – dann wären auch zwei gute Tage okay. Aber für die meisten gibt es weder zwei noch vier gute Tage, keine fünf, keine sechs, und auch einer wäre mies. Bekanntlich gibt es, wusste Theodor Adorno, kein richtiges Leben im falschen. Deshalb kann Freizeit und Urlaub den Schmerz nur lindern. Es geht aber darum, ihn erst gar nicht zu spüren.

Fast alle Arbeitszeitverkürzungen der letzten Jahrzehnte waren Mogelpackungen. Was an Freizeit reinkam, wurde an Arbeitsverdichtung in den Rest der Woche gepackt.

Und noch was: Fast alle Arbeitszeitverkürzungen der letzten Jahrzehnte waren Mogelpackungen, erstellt von beiden Seiten der Tarifpartner. Was an Freizeit reinkam, wurde an Arbeitsverdichtung in den Rest der Woche gepackt. Die meisten Leute sind heillos überfordert, nicht erst seit Corona. Dazu kommen als Brandbeschleuniger immer absurdere Forderungen an Berufseinsteiger. Mit 25 hat man am besten ein Studium erfolgreich hinter sich gebracht, spricht fließend drei Sprachen, kann natürlich eine Website und ein paar Social-Media-Kanäle betreuen, Vorträge halten und bei alldem gut aussehen. Damit es heiter bleibt, finden sich bei solchen Job-Descriptions dann auch die Hinweise auf eine hippe Unternehmenskultur, Latte und Yoga gratis. Auch ein Masseur kommt vorbei. Komödie und Farce als Basis der Human Resources.

Wir haben uns in der Ebene verlaufen.

Es wird Zeit, sich klarzumachen, was ist. Die nächsten Jahre werden anstrengend, und es ist spielentscheidend, dass wir mit den Spielchen aufhören, die wir spielen. Die Spielchen mit dem In-Ruhe-gelassen-Werden, die Spielchen mit der falschen, weil ungerechten Gleichheit, die Spielchen mit dem Verzetteln in Arbeit, Beruf und Freizeit. Es ist höchste Zeit, Inventur zu machen. Diese Gesellschaft muss ihren Kram zusammenbringen, Ziele am Horizont markieren, drauf losgehen. Und die Feinde der Demokratie bekämpfen, wo immer sie stehen. Das ist nicht bequem, nicht einfach, und auch nicht sicher. Es geht also um die Wahrnehmung und um die Wurst.

Aber ehrlich, wer wüsste das nicht? (Wolf Lotter, 6.8.2022)