"Der dunkle Herrenanzug ist sichtbarer Ausdruck für Selbstregierung und Selbstdisziplinierung." Eva Flicker, Universität Wien.
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Stellen Sie sich einen Mann bei einem wichtigen Business-Meeting vor. Und jetzt bei einer Präsentation. Bei einer Veranstaltung auf der Bühne. Bei einer Hochzeit. Eines ist in Ihrer Vorstellung wahrscheinlich immer gleich: die Garderobe des Herrn. Er trägt Anzug. Schlicht, dunkel, weißes Hemd, mit oder ohne Weste, perfekt sitzende Stoffhose, ein Stecktuch, Manschettenknöpfe und Krawatte oder Fliege. Man könnte sagen: ein zeitloses Outfit.

Aber seit wann und warum? Die Wissenschafterin Anja Meyerrose verfasste ihre Dissertation über den Herrenanzug und ist sich sicher: England ist die Wiege des Anzugs. Aber auch die Möglichkeit der Massenfertigung in Amerika hat ganz entscheidend zur Durchsetzung und Verbreitung des Anzugs beigetragen. Und zwar in der Zeit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert.

In Europa drehten sich damals die Machtverhältnisse. Adel und Königshäuser verloren an Bedeutung. Eine neue Gesellschaftsschicht gewann an Einfluss. Die neuen Mächtigen waren Bürger: Händler und Unternehmer. Die Verarbeitung von Baumwolle aus den Kolonien unterlag in England noch keinen Regulierungen. Deswegen verlegten Handelnde aus Europa und der Welt ihre Textilverarbeitungsindustrie ins englische Hinterland.

Die Händler verband weder Herkunft noch Religion. Sich über einen gemeinsamen Kleidungsstil zu definieren, erklärt Anja Meyerrose, lag damit nahe. Man eiferte ästhetisch nicht den Imperialen nach, sondern übernahm die gedeckten Farben der Arbeiterschicht – schlicht und in Anlehnung an die englische Reit- und Jagdkleidung. Das weiße Hemd zeigte, dass Sie keiner körperlichen Arbeit nachgehen, ganz im Gegensatz zu den Arbeitenden in den blauen Hemden, den sogenannten "blue collar workers".

Als Kleidung von der Stange in Massen produziert

In Amerika wurde der Anzug maschinell produziert und konnte somit wesentlich billiger und in großer Stückzahl gefertigt werden. Ready-to-wear, also Kleidung von der Stange, ermöglichte es mehr Menschen, einen Anzug zu kaufen. So verbreitete er sich im rasenden Tempo auch in Europa.

"Der Anzug hat sich seit circa hundert Jahren kaum verändert", stellt Monica Titton fest. Sie ist Senior-Wissenschafterin für Soziologie und Modegeschichte an der Universität für angewandte Kunst in Wien. "Wenn man über Männermode spricht, dann spricht man de facto vom Anzug. Im Grunde genommen ist er das einzige modische Outfit der Herren seit Mitte des 19. Jahrhunderts." Doch warum?

Denn eigentlich ist er relativ unpraktisch: wenig Bewegungsfreiheit und nur für eine bestimmte Temperatur geeignet. Ganz zu schweigen von der geringen Möglichkeit, durch Farben, Muster oder Schnitte der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Eva Flicker, Professorin für Soziologie an der Universität Wien, schreibt: "Der dunkle Herrenanzug ist sichtbarer Ausdruck für Selbstregierung und Selbstdisziplinierung."

Teil der Einflussreichen und stereotypen Männer

Die Persönlichkeit verschwindet hinter der Uniform des Büroangestellten. Der Anzug entindividualisiert. Man verschmilzt zu einer Masse. Man ist Teil des Clans der Einflussreichen. Die verstärkten Schultern und der gerade Schnitt verstärken stereotype Vorstellungen von Männlichkeit.

Stark, emotionslos, durchsetzungsfähig, pragmatisch etc. Unausgesprochen wird der Anzug vom Gegenüber demnach mit dieser Art von Männlichkeit in Verbindung gesetzt und dadurch mit den Attributen Seriosität, Macht, Glaubwürdigkeit und Professionalität positiv verknüpft. Deshalb meint Monica Titton: "In einer immer noch sehr heteronormativ geprägten Arbeitswelt kann ein Mann noch immer nichts anderes anziehen."

In der Kunst- und Kulturszene sieht das anders aus: Brad Pitt trug auf der Premiere seines neuesten Films einen Rock, Harry Styles bricht als Sänger mit Spitzentops und Outfits in quietschigen Farben die konventionellen Vorstellungen von "Männermode". Auch in der LSBTIQ-Szene wird mit dem Anzug als Norm gebrochen oder explizit damit gespielt. Monica Titton ist deshalb der Meinung: "Nur Männer, die wirklich frei sind, tragen keinen Anzug."

Silicon Valley spielt nach eigenen Regeln

Es gibt aber noch andere (unerwartete) Moderebellen – Männer, deren Aufbegehren nicht unbedingt eine Fashion-, Gender- oder Kapitalismuskritik darstellt: Start-up-, Tech- und IT-Nerds des Silicon Valley. Steve Jobs zeigte sich vor allem im schwarzen Rollkragenpullover. Mark Zuckerbergs schwarzer Hoodie, sein blauer Pullover oder sein graues T-Shirt sind ebenfalls ein Statement: Ich muss mich nicht anpassen. Ich spiele nach meinen eigenen Regeln. Unsere Branche ist auch ohne ästhetische Machtdarstellung einflussreich.

"Der Anzug hat sich seit circa hundert Jahren kaum verändert." Monica Titton, Universität für angewandte Kunst.
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Kritisch wird es, wenn die Vorstellungen heteronormativer Männlichkeit wie Überlegenheit und Expertise mit dem Anzug gleichgesetzt werden. Denn: "Frauen steht dieses Mittel nicht zur Verfügung. Sehen wir eine Frau im Anzug, schreiben wir ihr nicht automatisch dieselben Attribute wie Männern im Anzug zu", erklärt Eva Flicker. Im Gegenteil, da kommen dann Zuschreibungen wie: zu sexy, zu langweilig, zu streng.

Und: Als Frau könne man auch mit Anzug nur schwer in der Masse untergehen. Frau steche immer hervor, gerade weil sie in der Unterzahl ist, was in den Managementebenen ja nach wie vor meist der Fall ist. Frauen gehören da auch optisch nie ganz dazu. "Obwohl gerade wieder viel über die Gleichstellung der Geschlechter diskutiert wird, bleibt der Diskurs auf der sprachlichen Ebene." Eva Flicker verdeutlicht, dass sich die Geschlechter gerade im Arbeitskontext noch deutlich visuell und modisch unterscheiden. "Über eine heteronormative Kleiderordnung erfolgt die Deklassierung von Frauen in die niederen Ränge."

Ein Zeichen der Zugehörigkeit

Fast auf der ganzen Welt wurde der Anzug als Business-Outfit übernommen. Es ist ein Zeichen der Zugehörigkeit. Man möchte am westlichen kapitalistischen Wirtschaftssystem teilhaben. Auf gleicher Augenhöhe wahrgenommen werden. Allerdings wendet Eva Flicker ein: "Diese durch den Anzug performativ hergestellte männliche Komplizenschaft verschleiert das Machtgefälle auch innerhalb der Gruppe der Männer. Der Anzug ist hochfunktional. Er erhält eine soziale Ordnung aufrecht. Vermeintlich unauffällig und selbstverständlich."

Überall dort, wo Macht und Geld im Spiel sind (zum Beispiel in der Politik und im Bankwesen), hält sich der Anzug hartnäckig. Es sind oft Orte mit starken Hierarchien. Hätte man ein kooperatives Arbeitsverständnis und flache Hierarchien, bräuchte es keine modische Verdeutlichung der Überlegenheit und Professionalität. Wenn Emotionen, Erfahrungswissen und Unterschiedlichkeit innerhalb einer Firma als wertvoll angesehen würden, wäre der Anzug nicht nötig.

Modestudierende produzieren nachhaltige Anzüge

Wie kann die Zukunft des Anzugs aussehen? Die Modeklasse der Universität für angewandte Kunst wagte sich an das am schwierigsten zu schneidernde Kleidungsstück für den Mann. Die Studierenden kooperierten mit dem Traditionsbetrieb für Schneiderei und Herrenanzüge Knize in Wien. Die Modestudentin Linda Bergstötter ist eine von ihnen.

Sie brach mit ihrem Design mit Gendernormen auf und setzte auf Nachhaltigkeit. "Ich entwarf einen Anzug, der durch alte Techniken langlebiger ist und einfach anzupassen ist. Denn Körper verändern sich im Laufe des Lebens." Sie verwendete möglichst keine Kunststoffe und nähte Verstärkungen, anstatt nur eine Fixiereinlage hineinzukleben, wie es bei billigen Anzügen üblich ist und wodurch die Haltbarkeit des Anzugs sinkt.

Und sie ließ mehr Stoff an Rücken, Armen und Beinen und stülpte ihn nach außen. So ist der Anzug leicht anzupassen. Eine organische Form, die Idee der Nachhaltigkeit und der Wille, Geschlechternormen zu brechen: Vielleicht kann so die Weiterentwicklung des Anzugs aussehen und der kleidsame Trumpf der Schneidereikunst weiterhin Körper zieren.(Natascha Ickert, 15.9.2022)