Weißer Sandstrand, türkisfarbenes Meer, Sonnenuntergang und ein großer Klunker – Philip Deml fuhr schwere Geschütze auf, als er Paulina Kurka 2020 die alles entscheidende Frage stellte. Wenngleich die Antwort auf den Heiratsantrag Ja lautete, war im Hintergrund des romantischen Klischee-Settings doch nicht alles so rosig. Die beiden verweilten damals gerade in Dubai.

Das war für Influencer, zu denen man Deml mit 239.000 und Kurka mit 438.000 Followern auf Instagram zählen kann, eine heikle Angelegenheit. "Content-Creators", die sich am Persischen Golf niederließen und im Gegenzug für ausschließlich positive Beiträge zur Wahlheimat steuerliche Vorteile genossen, erlebten einen Shitstorm. "Die Umstände waren gar nicht optimal, aber schlussendlich war der Antrag ein wunderschöner Moment für uns beide", erzählt Deml.

Ethisch überlegen

Dass der Diamant mit 1,64 Karat auf ihrem Verlobungsring keinen natürlichen Ursprung hat, sondern im Labor gezüchtet wurde, störte Paulina Kurka auch keineswegs – ganz im Gegenteil. "Als mir Philip ein Youtube-Video zum Thema gezeigt hat, war das für mich ein krasser Aha-Moment. Für mich gibt’s keine Argumente für einen natürlichen Diamanten", erzählt Kurka.

Laborgezüchtete Steine seien für sie ethisch und ökologisch überlegen. Auch die um 30 bis 70 Prozent niedrigeren Preise sprächen dafür: "Männer bekommen größere Steine für ihr Budget. Das freut die Frauen." Die Begeisterung für die funkelnden Laborerzeugnisse war so groß, dass die Frischverlobten im Frühling 2021 das Unternehmen Veynou gründeten, welches Schmuck mit Labordiamanten und aus 100 Prozent Recycling-Gold anbietet.

Für die Schmuckstücke von Veynou werden ausschließlich synthetische Edelsteine und Recycling-Gold verarbeitet.
Foto: Veynou

Das Insta-Paar legt Wert darauf, dass es sich dabei nicht bloß um eine hohle Marke von Influencern handelt. Der Beruf genießt in der Öffentlichkeit ja nicht gerade den besten Ruf. Als Betroffene versucht Paulina Kurka sich und ihre Profession zu verteidigen: "Als Content-Creator führt man ein kleines Business. Man ist gleichzeitig Model, Fotograf, Stylist und Make-up-Artist, macht Schnitt, Buchhaltung, Sales und Akquise. Die Menschen sehen oft gar nicht, was zu dem Job alles dazugehört." Sie könne aber verstehen, dass Marken es manchmal nicht leicht haben mit Influencern, die in ihrem eigenen Universum leben und nicht immer ganz zuverlässig sind. "Man muss halt verstehen: Das sind Künstler", wirbt sie für Verständnis. Ob dieses Argument zieht, sei dahingestellt.

Kompetenz aus Pforzheim

Das Projekt Veynou wollen Kurka und Deml jedenfalls weitgehend unabhängig von ihren Instagram-Profilen betrieben wissen. Es sei nur ein Standbein des Unternehmerpaars. Der gebürtige Darmstädter Philip Deml hat in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften studiert und währenddessen erste unternehmerische Erfahrungen mit der Organisation von Partys gesammelt. Danach entwickelte er den Smartphonehalter Flapgrip. Bei der Start-up-TV-Show "Höhle der Löwen" konnte er dafür einen Investor gewinnen. Deml ist Geschäftsführer und Head of Marketing bei Veynou. Sein Businesspartner Cem Dogan leitet das operative Geschäft. Paulina Kurka entwirft als Kreativdirektorin die Schmuckstücke und kümmert sich um Marketingkooperationen mit passenden Influencern. Zuvor hat die Frankfurterin Psychologie, Management und Marketing studiert und genauso wie ihr Verlobter gemodelt.

Alles schön und gut, aber woher kommt die fachliche Expertise, was Labordiamanten anbelangt? Das Familienunternehmen Rauschmayer aus der Hochburg für Goldschmiedekunst Pforzheim ist an Veynou beteiligt und liefert Expertise in Sachen Lieferkette sowie Produktion.

Lebens- und Geschäftspartnerschaft: Philip Deml wählte für Paulina Kurka einen Verlobungsring mit Labordiamant. Nun sind sie selbst im Schmuckbusiness tätig.
Fotos: Veynou

Normalerweise entstehen Diamanten im Erdinneren über Milliarden von Jahren hinweg, wenn sich Kohlenstoffatome unter Hitze und Druck zu einem festen Kristallgitter zusammenfügen. Diesen Prozess kann man imitieren. Das Verfahren nennt man HPHT. Die Abkürzung steht für "High Pressure, High Temperature" (hoher Druck, hohe Temperatur). Beim moderneren Verfahren CVP, "Chemical Vapor Deposition" (chemische Gasphasenabscheidung), werden kohlenstoffhaltige Gase in einer Vakuumkammer erhitzt. Für beide Verfahren braucht man "Diamantenkeime". An diese docken die Kohlenstoffatome an, der Diamant wächst.

Nachhaltigkeit unter hohem Druck

Nach zwei bis drei Wochen ist der Prozess abgeschlossen. Das Ergebnis ist physikalisch und chemisch ident mit dem Naturprodukt. "Das ist wie bei Eis. Ob es von einem gefrorenen See kommt oder aus dem Gefrierfach, macht keinen Unterschied. Bloß lassen sich die Bedingungen im Eisfach besser kontrollieren", erklärt Philip Deml. Das bedeute aber nicht, dass man auf einen Knopf drücke und es entstünden lauter gleiche Steine. Wie beim natürlichen Original handle es sich um einzigartige Rohdiamanten, die weiterverarbeitet würden. Man kann auch andere Edelsteine im Labor züchten. So werden für Veynou bereits Smaragde produziert, zukünftig auch Saphire.

Den Vorteil von Laborsteinen sehen Deml und Kurka vor allem auf der ethischen Ebene. Da sie nicht in Minen geschürft werden müssten, seien sie konfliktfrei. Auch ökologisch gesehen spreche alles für die künstliche Variante der Edelsteine: "Klar wird auch im Labor viel Energie verbraucht – aber nur ein Viertel der Menge, die zur Förderung natürlicher Diamanten benötigt wird", erklärt Philip Deml. Sein Ziel sei, den restlichen Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen zu generieren und CO2-neutral produzieren zu können.

Unsichere Wertanlage

Wäre da nicht der Vertrieb. Neben der Niederlassung in Pforzheim, wo die Verlobungsringe von Venyou hergestellt werden, betreibt der Produktionsbetrieb Rauschmayer eine Dependance in China. Das heißt, einige der Schmuckstücke legen einen langen Weg bis zur Endkundschaft zurück. Das belastet die Ökobilanz. Aber, so argumentiert Deml: "Wir haben ein sehr kleines Produkt. Da müssen wir keine großen Volumen transportieren. Das ist ein Vorteil." Wie passt die Produktionsstätte in China, einem Land, das nicht gerade für hohe arbeitsrechtliche Standards bekannt ist, zu den ethischen Ansprüchen des Unternehmerpaars? Deml erklärt, die Dependance in China sei Teil des Unternehmens Rauschmayer, eines der Familienmitglieder spreche fließend Mandarin und sei regelmäßig vor Ort. So könne man sich auf die Einhaltung gewisser Standards verlassen.

Im Gegensatz zu Deml und Kurka sind nicht alle so Feuer und Flamme für Diamanten aus dem Labor. Bei all den Vorteilen wird auch auf Nachteile der synthetischen Steine hingewiesen. Sie gelten als unsichere Wertanlage, da man theoretisch beliebig viele Steine produzieren kann und es kaum einen Sekundärmarkt für Wiederverkäufe gibt. Hierzu merkt Philip Deml aber an, dass auch natürliche Diamanten keine sichere Investition seien, da die Steine im Gegensatz zu Gold nicht offiziell gehandelt würden.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Da stellt sich die Frage, was überhaupt den Wert von Luxusgütern ausmacht. Abgesehen von materiell immanenten Qualitätskriterien sind es doch oft emotionale Aspekte, die Objekte begehrenswert machen. Findet hier gerade eine Verschiebung statt? Ist Nachhaltig das neue Exklusiv? "Wir bekommen regelmäßig Anrufe von Kundinnen, die uns nach Labordiamanten fragen, weil ihre Töchter und Enkelinnen aus ideologischen Gründen keine natürlichen Steine wollen", sagt Paulina Kurka. Es seien die Minenbetreiber, die gegen synthetische Steine lobbyieren, die Zusammenarbeit mit lokalen Juwelieren funktioniere gut. Die eher traditionell eingestellte Schmuckbranche denke hier Schritt für Schritt um, fügt Philip Deml an.

Doch große Konzerne wie Tiffany oder Chopard lassen anderen Unternehmen hierbei den Vortritt und betonen immer wieder, dass sie weiterhin ausschließlich auf natürliche Steine setzen. Welchen Stellenwert synthetische Diamanten in Zukunft tatsächlich einnehmen, wird die Zeit zeigen. Für junge Frauen wie Paulina Kurka scheint es jedenfalls kein Fauxpas zu sein, wenn der Diamant am Verlobungsring aus dem Labor kommt. Für die Jungunternehmerin ist es auch kein Problem, dass es bis zum großen Tag noch etwas dauert: "Momentan fließen Zeit und Geld in unsere Firma. Wir haben zwar letzte Woche standesamtlich geheiratet. Aber die große Hochzeitsfeier wird es dann erst nächstes Jahr geben." (Michael Steingruber, 20.9.2022)