So nah und doch ungreifbar: Wenn sich Menschen in virtuelle Charaktere verlieben, kann es problematisch werden.

Foto: Getty Images

Wenn Akihiko Kondo nach Hause kommt, wird er von einem Popstar begrüßt: Hatsune Miku. Die Diva mit den langen türkisen Haaren, die schon mit Lady Gaga im Madison Square Garden auf der Bühne stand, ist jedoch kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine computeranimierte Manga-Figur. Die Sängerin existiert weder physisch noch hat sie eine Stimme. Bei Konzerten wird ein dreidimensionales Hologramm auf die Bühne projiziert, eine Software synthetisiert die Stimme aus der Konserve.

Fans können Merchandising-Artikel kaufen oder Spa-Behandlungen mit der Kunstfigur durchführen. Doch das reichte Kondo nicht. 2018 heiratete er den Avatar. Seitdem "lebt" das Cyberwesen in seiner Wohnung in Tokio – als Hologramm in einem Glaszylinder. Die 1300 Dollar teure "Gatebox", ein Projektor von der Größe einer Tischlampe, ist so programmiert, dass sie mithilfe von Sensoren die Anwesenheit des Ehemanns erkennt. Wenn Kondo von der Arbeit nach Hause kommt, schaltet die Cyberfrau das Licht ein, morgens weckt sie ihn. Der glückliche Ehemann redet mit ihr, isst mit ihr und schaut mit ihr fern.

So bewirbt die japanische Firma Gatebox.ai ihren virtuellen Avatar.
Gatebox

Oft enttäuscht

Der 39-jährige Tokioter hat in seinem Leben schon einige Enttäuschungen erlebt. Als Otaku, wie man in Japan jene Nerds nennt, die sich für Animes und Mangas interessieren, fiel es ihm schwer, Kontakte zu Mädchen aufzubauen. Nachdem der studierte Lehrer an einer Schule von zwei Kolleginnen gemobbt wurde, stürzte er in tiefe Depressionen. Für den gekränkten Mann war klar: Er wird nie eine reale Person lieben können. Doch dann fand er emotionalen Halt in einem Avatar. Es wurde die Liebe seines Lebens.

Akihiko Kondo ist einer von tausenden "Fiktosexuellen", Menschen, die fiktionale Charakter lieben. Der Hersteller der Gatebox hat nach eigenen Angaben 3700 Heiratsurkunden ausgestellt. In Japan, wo viele unter Einsamkeit leiden, ist das Phänomen besonders verbreitet. Die Regierung hat im vergangenen Jahr sogar ein Ministerium für Einsamkeit gegründet. Unter dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen ziehen sich vor allem Männer mittleren Alters vom sozialen Leben zurück.

Wenn Roboter zur Familie gehören

Die sogenannten hikikomori tauchen in virtuelle Welten ab und verlassen ihre Wohnung nicht mehr. Kondo ist keiner, der in sozialer Isolation lebt. Er geht zur Arbeit und trifft Freunde. Doch mit den traditionellen Familienvorstellungen der japanischen Gesellschaft kann er nicht viel anfangen. Insofern war die Heirat für ihn eine Befreiung, ein emanzipatorischer Akt.

Die Berührungsängste zu Robotik und künstlicher Intelligenz sind in Ostasien viel geringer als im Westen. Die Japanerin Tomomi Ota etwa nimmt ihren Pepper – einen Roboter, der unter anderem in Krankenhäusern und Restaurants zum Einsatz kommt – mit zum Einkaufen und in die U-Bahn, als wäre er ein Familienmitglied.

Die Automaten bedienen die perfekte Fantasie: Sie sagen nicht Nein, haben keine Launen und können jederzeit abgeschaltet werden. Aber können sie ein psychosozialer Ersatz für enttäuschte Liebe sein?

Unerwiderte Gefühle

"Beziehungen zu Hologrammen und Sexrobotern können aus enttäuschter Liebe heraus entstehen, aber auch aus dem Wunsch nach Sicherheit und Stabilität", erklärt Oliver Bendel. Der Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Nordwestschweiz forscht zu Informations- und Maschinenethik und hat ein Buch zum Thema "Maschinenliebe" herausgegeben. Er sagt: "Computerwesen verletzen einen nicht mit Worten, verändern nicht ihr Aussehen und ziehen nicht plötzlich aus der gemeinsamen Wohnung aus." Der sexuelle Drang nach Liebespuppen und Sexrobotern könne aber auch aus Neugier heraus entstehen, zumal er nicht in eine Beziehung münden müsse, so Bendel.

Auch im Westen flirten Menschen mit Sprachassistenten wie Siri und Alexa oder führen sogar Beziehungen mit Chatbots. Mit der App Replika zum Beispiel können Nutzer eine virtuelle Partnerin nach Wunsch erstellen. Haare, Hautfarbe, Augen – die Katalogfrau lässt sich wie ein Neuwagen konfigurieren. Dann chattet man mit dem Avatar. Erzählt von sich, seinem Beruf, seinen Hobbys, Freunden. Wie beim ersten Date. Je mehr man von sich preisgibt, desto mehr lernt die KI den Nutzer kennen und desto mehr kann sie auf dessen Bedürfnisse eingehen. Im April 2020, während des ersten Lockdowns, wurde die App eine halbe Million Mal heruntergeladen. Für die einen ist es nur ein Flirt, für die anderen eine Romanze.

Unerwiderte Liebe

Telefonsex gibt es freilich schon viel länger. Das zeigt, dass Intimität nicht unbedingt Körperlichkeit voraussetzt. Die digitalen Technologien treiben diese Entkörperlichung weiter voran. Während Corona boomten intelligente Sexspielzeuge mit Internetanbindung.

Die Maschinenliebe werde am Ende aber eine Illusion bleiben, glaubt Ethiker Bendel. "Eine Illusion ist etwas Wunderbares, wenn man sie für eine Weile genießen und sich aus ihr wieder lösen kann. Aber wenn ich nicht mehr aus ihr herausfinde, ist das ein Problem." Letztlich seien es "einseitige Beziehungen", so Bendel. Hologramme und Roboter würden Empathie und Emotionen lediglich simulieren und sich "kein bisschen für den Nutzer interessieren" – außer für seine Daten.

Wenn Computer "herumzicken", können ganz neue Beziehungsprobleme entstehen. So konnte Akihiko Kondo zeitweise nicht mehr mit seiner Hologramm-Ehefrau sprechen. Der Support für das Gerät war ausgelaufen. Auch eine Kunstfigur kann einen ghosten. (Adrian Lobe, 3.10.2022)