Lila, weiß, violett. Wie bunte Streusel auf einem Kuchen setzen sich die Blüten vom Grün ihrer Sträucher ab. In der Donaustadt, wo sich die Wärme nicht im Beton hält, fällt das Thermometer in der Nacht schon deutlich unter zehn Grad Celsius. Die Saison geht zu Ende. "Es ist wahrscheinlich die letzte Woche, in der wir schneiden", sagt Emil Doll. "Schneiden", das ist quasi die Ernte. Und die Blumen, die hier geerntet werden, sollen ohne große Umwege in den Vasen der Wiener landen.

Emil Doll (27) übernahm die Blumengärtnerei vor knapp vier Jahren von seinen Eltern.
Heribert Corn

Wiens "Stadtlandwirtschaft" ist überraschend groß, zumindest in bestimmten Segmenten. 50 Prozent der heimischen Gurken kommen aus der Bundeshauptstadt. Beim Gemüse wird mittlerweile offensiv mit lokalem Anbau geworben. Bei Schnittblumen ist die Herkunft oft noch eine Blackbox. Auch weil ein Teil der Produktion in Wien im Gewächshaus und damit unsichtbar stattfindet.

Doll geht zwischen seinen Sträuchern herum und riecht an einer Blüte. In der Mitte des Gartens ist alles fein säuberlich geteilt: auf der einen Seite die einjährigen, auf der anderen die zweijährigen Pflanzen. Die Dahlien strahlen, es ist gerade ihre Zeit. In dem Garten finden sich jetzt, Mitte Oktober, aber auch noch Englische Rosen, Cosmen (auch Schmuckkörbchen genannt) und Ziergräser. Weiter hinten im Garten warten ältere, dicke Fliederbüsche darauf, im neuen Jahr violett vor sich hin zu leuchten.

Schnittblumenverleih

Emil Doll, 27 Jahre alt, hat ein freundliches Gesicht und lacht viel. Er kommt aus einer Floristenfamilie, das Ladenlokal der Dolls liegt im achten Bezirk. Vor fünf Jahren steigt der Sohn, gelernter Hotelkaufmann, doch noch ins elterliche Business ein. Vor zweieinhalb Jahren beginnt er, lokal produzierte Schnittblumen offensiv zu vertreiben und später auch anzubauen.

Dolls Gärtnerei liegt dort, wo Wien langsam vom Urbanen ins Ländliche kippt. Das Grundstück ist knapp ein Hektar groß. Vorne am Zaun steht in großen, verblichenen Buchstaben "Nimm Blumen mit". Das ist noch von der alten Besitzerin, von der Doll die Gärtnerei Anfang 2021 kauft. Zu dem Zeitpunkt findet hier seit mindestens zehn Jahren, eher länger, kein systematischer Anbau mehr statt. Das Feld ist eine Wildnis, die Gewächshäuser mit Brombeeren überwuchert. "Um hier eine professionelle, profitable Gärtnerei zu führen, müsste man eigentlich alles abreißen und neu bauen", sagt Doll. "Aber für uns als Mischbetrieb ist es perfekt." Bei Doll werden Blumen und Pflanzen nicht nur verkauft. Sie werden auch angebaut, verliehen und zu Eventdeko verarbeitet. Irgendwann sollen hier auch Kurse angeboten werden. Für diese Mischung ist das Gelände mit seinen Lagerflächen, den Freilandfeldern und den alten Gewächshäusern perfekt. Im ersten Stock kann Doll sogar wohnen.

Direktlieferung aus dem Ausland

In Wien und Umgebung gibt es vielleicht noch eine Handvoll gewerbsmäßiger Produzenten von Schnittblumen. Das sind meist große Gärtnereien in Simmering oder jenseits der Donau, wo die Blumen ein kleiner Teil des Angebots sind. Die Bauern auf den Märkten haben oft Sträuße in Kübeln herumstehen, das sind aber Nebenprodukte von Wiesen, die im Sommer ohnehin gemäht werden müssen.

Die meisten Schnittblumen wachsen im Glashaus, Felder wie jene der Dolls sind selten.
Heribert Corn

In den Gärtnereien der Bundeshauptstadt werden eher robustere Garten- und Topfpflanzen gezogen. Was natürlich auch am Klima liegt. "Wenn man aufs Freiland angewiesen ist, kann man eben nur saisonal anbauen", sagt Doll. Winterproduktion sei fast nur im Gewächshaus möglich, das lohne sich bei hohen Gaspreisen für kleine Produzenten nicht.

Blumenläden bauen ihre Ware in den seltensten Fällen selbst an. Man teilt sich die Arbeit: Floristen verkaufen, was Gärtner anbauen. Das ist, um es einmal explizit zu sagen, nicht ehrenrührig. Auch Doll kauft den Großteil seiner Produktion zu. Die meisten Schnittblumen kommen noch immer aus den Niederlanden. Aus Italien kommt ebenso einiges nach Österreich, vor allem Schnittgrün. Die Blumen erreichen Wien, wie andere verderbliche Waren auch, meist über Inzersdorf. Dort gibt es einen klassischen Blumengroßmarkt, wo viel Ware aus Österreich verkauft wird. Und einen weiteren größeren Markt, wo vor allem die Ware aus dem Ausland landet. Je größer ein Blumenladen ist, desto höher ist die Chance, dass er aus dem Ausland direkt beliefert wird.

Blumen-Business im Lockdown

Ein Sprung zurück ins Frühjahr 2020. Als das ganze Land zugemacht wird, sitzt Emil Doll nervös zu Hause. Er ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt, seine Eltern sind im Ausland. "Am vierten Tag des Lockdowns hab ich die Gärtner und Schnittblumenproduzenten in Wien und Niederösterreich angerufen", sagt Doll. Er habe gewusst, dass die weiter produzierten, Pflanzenproduktion ließe sich nicht einfach einstellen. "Ich hab zu denen gesagt: Ihr habt Ware, ich hab einen Onlineshop. Machen wir was."

Dolls Blumen gehört zu den Ersten, die in der Pandemie die Blumenauslieferung im großen Stil aufziehen und mit dem Argument des lokalen Anbaus bewerben. Über Instagram und Mundpropaganda verbreitet sich das Angebot rasant. Es ist der richtige Gedanke zur richtigen Zeit: Die Pandemie zwingt die Menschen, ihr Leben wirklich auf 50 Quadratmeter zu reduzieren, die sie dementsprechend gern schön haben wollen.

Tipps für Haltbarkeit

"Man hat uns die Ware fast aus der Hand gerissen", erinnert sich Doll. "Wir haben die Blumen im Bund, so wie sie uns die Gärtner gegeben haben, angenommen und sofort ausgeliefert." Irgendwann seien es bis zu 400 Lieferungen am Tag gewesen. Das Interesse an in Wien angebauten Blumen flaute mit dem zweiten Jahr Pandemie wieder ein Stück ab. Aber seit dieser Zeit hat Doll sehr gute Kontakte zu den Gärtnereien.

Als Emil im Laden seiner Eltern anfängt, wird noch fast alles zugekauft. "Mittlerweile stammen 25 Prozent der Blumen, die wir in der warmen Jahreszeit verbrauchen, aus unserer Produktion", sagt Doll. Es sei aber nicht so, dass bei jedem Event einer von vier Sträußen aus der Donaustadt käme. "Es gibt Kunden, denen ist das wichtig, die fragen auch gezielt danach." Diese Wünsche könne man mittlerweile erfüllen. Das nächste Ziel sei es, den eigenproduzierten Anteil auf mindestens ein Drittel hochzufahren und eine Ganzjahresproduktion mit winterharten Pflanzen aufzubauen.

Teurer müssten Blumen aus dem lokalen Anbau nicht sein, sagt Doll. Es hilft aber natürlich, dass Dolls Blumen ohnehin etwas höherpreisig positioniert ist und sich an ein Kundensegment wendet, das in anderen Bereichen bereits auf Regionalität und Saisonalität achtet. Das Wichtigste sei aber ohnehin die grundsätzliche Bereitschaft zu akzeptieren, dass es nicht jede Pflanze zu jedem Zeitpunkt gebe.

Was Haltbarkeit von Blumen angeht, hat auch Doll keinen Zaubertrick. Alle zwei Tage schräg anschneiden und das Wasser wechseln, das halte sie frisch. "Aber Blumen müssen vergänglich sein. Wären sie das nicht, dann wären sie auch nicht schön." (Jonas Vogt, 26.10.2022)