Journalistinnen und Journalisten statten ihre Texte gerne mit Details, einfachen Erklärungen und oft auch etwas Pathos aus. Was bei den meisten Themen zu ansprechenden Artikeln führt, die gerne gelesen werden, birgt in der Suizidberichterstattung ein ernstes Risiko.

Foto: APA/ALEX HALADA

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Schnell-Leitfaden für Suizidberichterstattung beim STANDARD.

Im Transparenzblog "So sind wir" berichtet die STANDARD-Redaktion über die eigene Arbeitsweise. Nach welchen medienethischen Grundregeln handeln wir? Aus welchen Fehlern lernen wir? Wir machen unsere Selbstreflexion öffentlich.

Eines vorweg: Der oft gehörte Glaubenssatz "Über Suizide berichtet man nicht" ist falsch. Ja, es kann nach Medienberichten über Suizide zu Nachahmungen kommen: Das ist der "Werther-Effekt". Doch es kommt nicht darauf an, ob berichtet wird – sondern wie. Ein immer wieder aufgefrischtes Bewusstsein, ein eigens entwickelter Leitfaden und eine Gruppe speziell ausgebildeter Kolleginnen und Kollegen sorgen in der STANDARD-Redaktion dafür, dass die Berichterstattung über Suizide der Verantwortung gerecht wird, die Medien in solchen Fällen tragen.

Die Entscheidung, ob wir über einen Suizid oder einen Suizidversuch berichten, wird genauso getroffen wie bei allen anderen Artikeln – nämlich anhand der Frage: Ist das für unser Publikum relevant? Tötet sich eine nichtprominente Person selbst, lautet die Antwort auf diese Frage meist: nein.

Bewährter Leitfaden aus der Wissenschaft

Bei bekannten Persönlichkeiten ist das anders. Hier orientieren wir uns am Leitfaden für Suizidberichterstattung des Wiener Kriseninterventionszentrums. Er wurde von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern entwickelt, um Nachahmungssuizide zu verhindern. Die Regeln fußen auf Evidenz, besonders in Wien wird seit Jahrzehnten zu diesen Effekten geforscht.

Die wichtigsten Regeln lauten: keine Details zum Suizid, wie den genauen Ort oder die Methode, nennen. Kein Romantisieren des Todes, weil eine solche Erzählung auf Menschen in Krisen wie ein Vorbild wirken kann. Keine vereinfachten Erklärungen, weil eine Selbsttötung immer aus dem Zusammenspiel zahlreicher Faktoren entsteht. Positiv wirken Hilfsangebote für Betroffene im Umfeld des Artikels.

Insgesamt bemühen wir uns also, möglichst nüchtern und zurückhaltend zu berichten – dazu haben wir uns auch mit dem Anerkennen des Ehrenkodex der Österreichischen Presse verpflichtet. Der Verantwortung entspricht auch ein eigens entwickelter Leitfaden, den Kolleginnen und Kollegen zurate ziehen können, wenn sie schnell entscheiden müssen – etwa, wenn eine Meldung schnell online gehen muss oder die Seiten bald in die Druckerei geschickt werden sollen. Anhand einer Checkliste entscheiden unsere Redakteurinnen und Redakteure dann innerhalb kürzester Zeit, ob und wie DER STANDARD berichtet.

Schnelle Entscheidungen und Kompetenz in der Redaktion

Wenn es nicht ganz so schnell gehen muss, können Redakteurinnen und Redakteure auch auf Kompetenz im Haus zurückgreifen. Mehrere Personen in der Redaktion absolvierten einen Workshop, geleitet von Experten des Kriseninterventionszentrums und der Medizinischen Universität Wien, und haben nicht nur Fachwissen, sondern auch Gespür für verantwortungsbewusste Suizidberichterstattung. Sie werden manchmal schon bei der Recherche beigezogen, oft lesen sie den fertigen Text und geben Feedback: Hier sollte ein Detail besser weggelassen werden, dort könnte man etwas Pathos herausnehmen.

Diese Spezialisierung innerhalb der Redaktion ist deshalb wichtig, weil die Berichterstattung über Suizide Einfühlungsvermögen und Routine erfordert: Schließlich soll verhindert werden, dass gefährdete Personen den geschilderten Suizid als Option für sich wahrnehmen und sich den verstorbenen Menschen zum Vorbild machen. Wann ein Text das Potenzial dazu hat, ist für Ungeübte nicht immer leicht zu erkennen.

Eine Gratwanderung

Und das Schreiben über Suizide ist eine Gratwanderung: Journalistinnen und Journalisten statten ihre Texte gerne mit Details, einfachen Erklärungen und oft auch etwas Pathos aus. Was bei den meisten Themen zu ansprechenden Artikeln führt, die gerne gelesen werden, birgt in der Suizidberichterstattung ein ernstes Risiko. Wie viele Details oder wie viele Erklärungen für den Bericht notwendig sind und wo wir die Grenze ziehen – diese Entscheidung ist selten einfach. (Sebastian Fellner, 23.11.2022)