Zwei Jahre lang seien sie und ihre Kolleginnen während der Corona-Krise an der Virenfront gestanden, sagt die Feinkostverkäuferin einer großen Lebensmittelhandelskette. Vom Klatschen allein könnten sie aber nicht länger leben. Finanziell werde der Abstand zu Branchen wie der Industrie immer größer. Es würde sie daher nicht wundern, wenn Streiks früher oder später den gesamten Handel erfassen würden. "Sollte sich nichts an der Arroganz vieler Arbeitgeber ändern, wird die Lage irgendwann eskalieren."

Viermal rangen Österreichs Gewerkschafter in den vergangenen Wochen mit Arbeitgebern um einen Kompromiss für die neuen Gehälter der gut 430.000 Angestellten im Handel. Kurz schien eine Einigung in greifbarer Nähe, ehe man zum Säbelrasseln überging.

Am Dienstag trafen die Sozialpartner zum fünften Mal aufeinander. Der Ausgang der Runde sollte darüber entscheiden, ob der Handel weihnachtlichen Geschäften ungestört nachgehen kann oder die Zeichen auf Streik stehen. Am späten Dienstagabend stieg weißer Rauch auf: Die Sozialpartner einigten sich nach zehn Stunden Ringen auf eine Erhöhung der Gehälter um bis zu 8,67 Prozent.

Die Stimmung schwankt heuer zwischen Ratlosigkeit angesichts der weit auseinanderklaffenden Gehaltsvorstellungen und forscher Kampfeslust.
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Konkret steigen die Gehälter der 430.000 Angestellten um sieben Prozent und mindestens 145 Euro. Dies führt zu einer Anhebung von im Schnitt 7,31 Prozent. Durch den Mindestbetrag bedeutet dies eine Erhöhung um bis zu 8,67 Prozent, lässt die Gewerkschaft wissen. Das Einstiegsgehalt für die große Zahl der Berufseinsteiger nach der Lehre werde um 8,06 Prozent angehoben, bestehende Überzahlungen blieben aufrecht. Die von der Gewerkschaft abgelehnten einmaligen Prämien sind vom Tisch.

Rainer Trefelik, Chefverhandler der Arbeitgeber, bezeichnet den Abschluss im Gespräch mit dem STANDARD als "absolutes Limit". Seine Branche könne jetzt nur auf ein gutes, störungsfreies Weihnachtsgeschäft hoffen. Den Vorwurf, die Unternehmer hätten sich lange nicht bewegt, lässt er nicht gelten. "Hätten wir es nicht getan, wäre der Handel wohl im Chaos versunken."

"Für uns war es sehr wichtig, dass wir einen dauerhaft wirksamen Gehaltsabschluss über der zugrunde gelegten Inflationsrate für alle und eine stärkere Anhebung der unteren Gehaltsgruppen erreichen konnten", teilte Gewerkschafterin Helga Fichtinger mit. Eine Einmalzahlung wäre aus ihrer Sicht auf Perspektive "ein riesiges Verlustgeschäft für die Beschäftigten" gewesen. Es stehe den Handelsbetrieben aber letztlich ja frei, zusätzlich zur kollektivvertraglichen Erhöhung steuerfreie Prämien auf betrieblicher Ebene zu gewähren. Kollektivvertragsverhandlungen seien eben ein Kompromiss, sagte Fichtinger im Ö1-"Morgenjournal" am Mittwoch.

Die Stimmung im Vorfeld hatte zwischen Ratlosigkeit angesichts der weit auseinanderklaffenden Gehaltsvorstellungen und forscher Kampfeslust geschwankt. Sie verhandle seit gut 20 Jahren Kollektivverträge, sagte Fichtinger. Aber so viel Wut und Enttäuschung unter den Arbeitnehmern wie heuer habe sie nur selten erlebt.

Dass die ergebnislose vierte Runde auch unter den Arbeitnehmervertretern für reichlich Zündstoff gesorgt haben soll, wies Fichtinger scharf zurück. "Es gab keinerlei Zwist. Wir haben alle unsere Beschlüsse einstimmig gefasst." Es zeuge von schlechtem Stil, Keile durch die Sozialpartner treiben zu wollen.

Prämien als Spielball?

Auf dem Tisch lag am Dienstag die Forderung nach einem Gehaltsplus von 8,5 Prozent und einem Mindestbetrag in Höhe von 200 Euro. Untere Gehaltsstufen würden damit im kommenden Jahr in den Genuss zweistelliger Erhöhungen kommen. Die Arbeitgeber boten eine Anhebung der Mindestgehälter um fünf Prozent an. Damit ihre Beschäftigten nicht mit Einkommenszuwächsen unter der Inflationsrate von 6,9 Prozent das Auslangen finden müssen, schlugen sie einmalige steuerfreie Prämien vor, die großteils heuer ausbezahlt würden.

Die Regierung habe mit steuerfreien Teilbeträgen geradezu eine Rutsche gelegt, betonen Unternehmer. Branchen wie die Industrie nutzten dieses Instrument auf betrieblicher Ebene – wie es der Gesetzgeber vorgesehen habe, legte Fichtinger ihren Standpunkt dar. "Es ist kein Spielball für KV-Verhandlungen." Das wichtigste Werkzeug der Dienstleistungsbranchen seien Menschen. Und diese müssten sich ihr Leben weiter leisten können.

Ein Streik am zweiten Einkaufssamstag würde schwer wiegen: Er ist der zweitstärkste Umsatztag der Geschäfte.
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Der Personalkostenanteil im Handel liegt in der Regel zwischen 20 und 30 Prozent. Je beratungsintensiver ein Geschäft, desto höher sind die Personalkosten. Diskonter kommen naturgemäß günstiger weg, arbeiten allerdings auch mit geringeren Margen.

Man gönne jedem Mitarbeiter eine kräftige Gehaltserhöhung, überzahle auch gern gute Leistung, sagte Handelsverbands-Chef Rainer Will. Letztlich müssten sich Arbeitgeber wie -nehmer aber gemeinsam nach der Decke strecken. "Wir haben keine Goldesel in den Filialen stehen." Jeder zweite Handelsbetrieb rutsche heuer in die Verlustzone. Den nunmehrigen Abschluss nehme man "zur Kenntnis". Die Tarifanpassung sei für die Händler an der "absoluten Oberkante" und eine "massive Herausforderung".

Klar war am Dienstag: Hätten die Sozialpartner ihre Verhandlungen erneut abgebrochen, wäre kommenden Freitag und Samstag in mehr als 300 Betrieben gestreikt worden. Das wäre erst der Beginn der ersten Welle gewesen, hatte Fichtinger gewarnt. In zahlreichen Unternehmen, in denen bisher noch kein Betriebsrat gegründet wurde, organisierten sich in den vergangenen Tagen Mitarbeiter, um an Protesten teilnehmen zu können.

Streik als Schuss ins Knie

In Summe zählt der Handel quer durch Österreich an die 100.000 Standorte. Im großen Stil lahmlegen lässt sich die Branche mit punktuellen Arbeitsniederlegungen von ein, zwei Stunden nicht. Dennoch wären Streiks ein Schuss ins Knie gewesen, sagte Christoph Teller, Handelsexperte der Kepler-Universität Linz.

Der zweite Einkaufssamstag im Advent sei der zweitstärkste Umsatztag der Geschäfte. Rund 300 Millionen Euro wiegt dieser dem Handelsverband zufolge im Schnitt. Verluste in diesen Stunden könne auch der 8. Dezember nicht kompensieren, glaubt Teller.

Fielen wichtige Ankerbetriebe aus, wüssten Kunden nicht, wann wo welche Filialen offen hätten, und würden alle zu Verlierern. "Der Handel beißt damit die Hand, die ihn füttert: jene des Konsumenten." Der Gewinner derartiger Drohgebärden seien einzig und allein Onlinehändler. Einmal mehr wäre in der Folge Umsatz ins Ausland abgeflossen.

Teller sieht den Handel in einem Drei-Fronten-Krieg zwischen höheren Einkaufspreisen, sinkender Nachfrage und steigenden Personalkosten. "Friendly Fire" innerhalb der eigenen Reihen richte enormen Schaden an.

Der Lebensmittelhandel hat bei Gehaltsverhandlungen großes Gewicht. Fast jede dritte Handelsangestellte arbeitet in der Branche.
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Arbeitgeber werteten das langwierige Feilschen um Löhne und Gehälter heuer weniger als ein wirtschaftlich denn als ein politisch motiviertes Spiel. Dabei war die Gewerkschaft stark bemüht, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Wirtschaftlich betrachtet wäre eine stärkere finanzielle Differenzierung innerhalb der Branchen auf der Hand gelegen.

Weite Teile des Lebensmittelhandels, der das Gros der Mitarbeiter beschäftigt, haben in der Krise gut verdient. Anders als zahlreiche kleinere Händler weniger gesuchter Sparten könnten diese sich höhere Personalkosten sehr wohl leisten. Wer innerhalb des Kollektivvertrags stärker differenzieren will, beißt unter Arbeitnehmervertretern jedoch auf Stein. Zu groß ist die Sorge, in sich geschwächt zu werden, sollte künftig nicht mehr mit nur einer Stimme gesprochen werden.

Auf einer Linie ist der Einzelhandel jedenfalls angesichts einer anderen großen Baustelle. Diese bearbeitet die Frage, was im Falle eines mehrtägigen großflächigen Stromausfalls passiert. Eines vorweg: Das Risiko eines Blackouts sei in Summe gering, ist man sich im Energieministerium sicher.

Notfallpläne für den Blackout

Für den Fall des Falles wurden im Rahmen eines runden Tisches, zu dem Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) und Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) luden, Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung getroffen.

Der Plan sieht vor, dass am Tag eins alle Lebensmittelgeschäfte geschlossen bleiben, um Vorkehrungen zu treffen. Ab dem zweiten Tag geben die Händler zwischen zehn und 15 Uhr kostenlose Sackerln mit Frischeprodukten aus.

Gegen Bezahlung erhält die Bevölkerung zudem fertige Sackerln mit Wasser, haltbarem Brot, Konserven, Fertigprodukten und Kerzen ausgehändigt, auf Wunsch Baby- und Hygieneprodukte. Ab dem dritten Tag gibt es aus Gründen der Lebensmittelsicherheit nur noch trockene Lebensmittel. Die Nationalbank rät dazu, Bargeld in Höhe von 100 Euro pro Familienmitglied sicher zu Hause zu verwahren. (Verena Kainrath, 30.11.2022)