Erst diese Woche kam es wieder zu Demos für das Recht auf Abtreibung. Das oberste US-Gericht hatte dieses aufgehoben.

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Dienstagnacht wird das letzte Rennen der US-Zwischenwahlen entschieden: In Georgia tritt Raphael Warnock gegen Herschel Walker zur Senatsstichwahl an – beides Männer. Doch andernorts haben bei den Midterms viele Frauen Topjobs errungen. Erstmals etwa werden zwölf Bundesstaaten von Gouverneurinnen regiert. Susannah Wellford von Running Start hilft jungen Frauen dabei, in die Politik einzusteigen.

STANDARD: Viele Medien feierten die Midterms als Durchbruch für Politikerinnen. "Die gläsernen Decken wurden im ganzen Land durchbrochen", hieß es da etwa. Stimmen Sie dem zu?

Wellford: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft es eine Überschrift gab, die suggeriert, wir wären fertig. 1992 war das große "Jahr der Frauen", auch 2018 wurden viele Frauen gewählt. Aber was Repräsentation im Parlament betrifft, so liegen die USA immer noch bei bloß 28 Prozent. Und im Grunde ist die Kurve flach. Natürlich, aus neun wurden zwölf Gouverneurinnen. Und einige sind bahnbrechend: Manche wurden in Bundesstaaten gewählt, die noch nie Frauen an der Spitze hatten. Es gibt auch zum ersten Mal LGBTQIA-Gouverneurinnen. Aber trotzdem: Wir haben 50 Staaten – und nur zwölf Gouverneurinnen.

STANDARD: Wie könnte man den Prozess beschleunigen?

Wellford: Eine Sache, die sicher helfen würde, sind Quoten. In den USA ist das unbeliebt. Aber wenn man sich die Länder anschaut, die die meisten Frauen in der Politik haben, sind das meist solche mit Quoten. Außerdem muss man Frauen beibringen, dass ihre Stimmen in der Politik wichtig sind. Wir Frauen wurden so sozialisiert, dass wir uns nicht ganz oben sehen. Wir brauchen jemanden, der uns explizit sagt: Ja, du könntest in die Politik gehen. Und dann gibt es noch die Hürden im Wahlsystem. Ranked-Choice-Voting (Wählen nach Punktevergabe, Anm.) etwa macht es Frauen leichter, gewählt zu werden.

STANDARD: Gibt es bei den Demokraten eine andere Kultur um Politikerinnen als bei den Republikanern?

Wellford: Ja. Man kann es an der Zahl der Kandidatinnen sehen. Manchmal kandidieren etwa doppelt so viele demokratische Frauen für den Kongress als republikanische. Auf der demokratischen Seite wird die Idee der Wahl von Frauen generell begrüßt; es gibt Schulungen für Frauen im Amt. Die Republikaner haben gerade erst angefangen, darüber zu reden.

STANDARD: Oft sind es aber weibliche Stimmen aus dem rechten Lager, die laut sind: Kari Lake etwa oder Sarah Palin. Wie erklären Sie das?

Wellford: Extremen Stimmen hört die Presse am meisten zu. Und die von Ihnen genannten Frauen befinden sich in den politischen Extremen. Die machen gute Schlagzeilen. Dann gibt es aber die Frauen, die einfach da sind und sich abrackern, etwa die Republikanerin Cathy McMorris Rodgers. Vielleicht stimme ich ihr politisch nicht zu, aber ich mag sie. Aber haben Sie je von ihr gehört? Sie ist nicht in den Nachrichten, dabei ist sie eine der höchstrangigen Republikanerinnen.

STANDARD: Es gibt Länder, in denen Frauen zwar in der Politik sind, die Macht aber bei Männern liegt. Sie sind im Amt, weil Männer es zulassen. Gibt es derartige Dynamiken in den USA?

Wellford: Ich glaube nicht. Das beste Beispiel ist vielleicht Alexandria Ocasio-Cortez von den Demokraten. Sie wurde nicht von der Partei ausgewählt. Sie war Barkeeperin und begeistert von den Themen, die ihr wichtig waren. Sie hat gegen einen amtierenden, mächtigen Kongressabgeordneten kandidiert. Und sie hat gewonnen. Es gibt diese eine gute Sache im US-System: Du musst nicht Teil der Partei sein.

STANDARD: Was sind mögliche Lektionen aus ihrem Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl 2024?

Wellford: Die Durchschnittsperson im Kongress ist männlich, weiß, alt, heterosexuell. Die Durchschnittsperson, die zu unseren Programmen kommt, ist jung, weiblich oder non-binär, oft Women of Color und so weiter. Sie unterscheiden sich also sehr von denen, die an der Macht sind. Wir sagen ihnen: "Du kannst kein alter weißer Mann werden. Also musst du damit arbeiten, was du hast."

STANDARD: Wer hat das Zeug dazu, Kandidatin zu werden?

Wellford: Bei den letzten Präsidentschaftswahlen haben sehr viele Frauen kandidiert. Am Ende waren sie nicht erfolgreich. Aber die Tatsache, dass wir ein großes Feld an Frauen hatten, zeigt, dass die gläserne Decke vielleicht doch zerspringt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in die Vergangenheit reisen und wir 2024 nicht wieder ein Feld von unglaublichen Frauen haben werden. Wer dabei sein wird, weiß ich nicht. Ich fände es toll, wenn es Frauen wären, die von außerhalb der typischen Gießform kämen. Denn Hillary Clinton war in vielerlei Hinsicht eine sehr traditionelle Kandidatin.

STANDARD: Das Thema Abtreibung hat bei den Midterms eine große Rolle gespielt. Wird das auch 2024 so sein?

Wellford: Viele Frauen sind durch die Zwischenwahlen sehr ermutigt. Denn wenn man das Thema Abtreibung auf den Wahlzettel schreibt und fragt "Willst du die Abtreibungsgesetze beibehalten?", dann ging das in fünf von sechs Bundesstaaten durch. Ich finde es toll, dass Bürger und Bürgerinnen in den USA – zumindest gelegentlich – ihren Wunsch direkt mitteilen können. Wir hören also nicht nur extreme Stimmen auf Twitter. Die Entscheidung (des Supreme Court zur Abtreibung, Anm.) wurde außerdem spät im politischen Zyklus getroffen. Ich denke, es wird 2024 viele Frauen an die Wahlurnen bringen. Die Krise ist der Ansporn dafür. (Anna Sawerthal, 6.12.2022)

Susannah Wellford ist Gründerin und CEO von Running Start, einer US-Organisation zur Förderung junger Frauen in der Politik.
Foto: Susannah Wellford