Es gibt kaum eine Tätigkeit, die schlimmer wäre, als "Postal 4" spielen zu müssen.

Foto: Running with Scissors, Running With Scissors Studios LLC

Schlechte Spiele erscheinen täglich, in rauen Mengen, und das Beste, was man über sie sagen kann, ist, dass die meisten in der Flut an Spielen, die tagtäglich erscheinen, nicht einmal jemandem auffallen. Einige stechen aber dennoch hervor – im positiven und auch im negativen Sinn.

Achtung: Es kann durchaus sein, dass Sie persönlich mit einem der im Folgenden an den Pranger gestellten Spiele im letzten Jahr Spaß hatten. Schön für Sie – der Autor dieser Zeilen und nicht wenige andere Spielerinnen und Spieler haben dann vermutlich einfach den besseren Geschmack.

Scherz beiseite: Die Fallhöhe ist entscheidend. Was eine echte Gurke ist, muss hauptsächlich durch die Enttäuschung hoher Erwartungen bestechen. Die folgenden fünf Titel haben das durchaus getan.

GamingBolt

"The Callisto Protocol"

Es hätte so schön sein können, nein, müssen: Wenige Wochen bevor das längst überfällige Remake des Space-Horror-Klassikers "Dead Space" am Start ist, grätscht dessen ursprünglicher Co-Entwickler Glen Schofield noch zum Weihnachtsgeschäft mit seinem Herausfordererspiel rein. "The Callisto Protocol" ist "Dead Space" in hübsch – und schlecht. Der schwabblige Nahkampf gegen die immerselben Gegner und eine Kamera, die viel zu nah am Hinterkopf des Helden pickt und partout keine aus dem toten Winkel angreifenden Monster zeigen mag, machen das Spiel zum erstaunlich spaßfreien Mühsal.

Vermutlich hätte ein Detail, das Tage vor der Veröffentlichung des Spiels bekannt wurde, schon als Warnung dienen sollen: Zusätzlich zu den Dutzenden splatterig-extremen Todesszenen des unglückseligen Helden, die es sowieso schon im Spiel immer und immer und immer und immer und immer wieder zu genießen gibt, würde der Season-Pass noch einen ganzen Haufen zusätzliche Ausweidungen, Verstümmelungen, Vierteilungen, Zermatschungen und sonstige demütigende Todesarten nachreichen – juhu! Da weiß jemand offenbar, was so richtig Spaß macht. Im Weltraum hört dich keiner schreien – ein kleiner Trost.

Fandom Games

"Diablo Immortal"

Moment, Moment, Moment: Hat es dieses Spiel, das Millionen Menschen gebannt an ihre Smartphones gefesselt hat, denn verdient, hier als Gurke genannt zu werden? Darf man in einem Game, das bis November 300 Millionen Dollar eingenommen hat, eine Enttäuschung sehen? Ist ein Titel, der Otto Normalspieler so glasklar den Irrsinn, die Gier, die psychologisch exakt kalkulierte Menschenverachtung und Ausbeutungsmentalität der geldgeilen Gewinnmaximierer der globalen Gamesbranche vor Augen führt, wirklich verwerflich? Gute Einwände, aber haha: ja, ja und ja.

Na gut, der letzte Punkt ist vermutlich valide: Dass hier anhand einer der beliebtesten Marken der Gamesgeschichte das – ernsthaft – zutiefst unmoralische Milliardengeschäft mit Free-to-play-Abzocke und Publikumsverarsche einmal so richtig auf der ganz großen Vorderbühne gezeigt wird, könnte insofern ein Vorteil sein, weil es das Problem dadurch zumindest bis zu Jan Böhmermann geschafft hat. Bis diese Art von Glücksspiel mit ihren psychologischen, finanziellen und persönlichen Verheerungen, die sie auch bei ihrem jugendlichen Publikum hinterlässt, endlich doch noch verboten wird, muss leider unsere heiße, innige und ewige Verachtung reichen. Schade eigentlich.

nerdSlayer Studios

"Babylon's Fall"

Stell dir vor, es ist Online-Action-RPG und keiner geht hin: Das ist "Babylon’s Fall", ein Spiel, das versucht hat, die ewige Frage zu beantworten, welches Geräusch ein Baum beim Umfallen macht, wenn keiner da ist, um dem Ereignis zuzuhören. Leider scheiterte am 4. Mai das im März veröffentlichte Spiel vom "Bayonetta"-Entwicklerstudio Platinum genau daran, weil die rekordverdächtige Anzahl von weltweit einem (1) Menschen auf den gemütlich dahinchillenden Servern der Steam-Version des Spiels das diesbezügliche Experiment zu Fall brachte – ein Jammer.

Ist das schon Performancekunst? Unbestritten ist es ein Guinness-Buch-würdiger Negativrekord für Videospiele in der Kategorie "mindestens dreistelliges Budget" und somit historisch, aber fieberhafte Recherchen der weltweiten Fachpresse ergaben ein problematisches Detail: Der einsame Spieler war ein gewisser Dashiel Wood, und der war nicht zum Spaß online, sondern als Videospieljournalist quasi im Dienst – eigentlich Grund für eine Disqualifikation. Die Macher wollten sich davon nicht die Laune verderben lassen und arbeiteten bis September wacker an Season 2 weiter, um die Sache mit dem Baum doch noch zu klären. Daraus wird jetzt nichts: Die Server werden im Februar 2023 endgültig abgeschaltet.

TIME

"Axie Infinity"

2022 war in Teilen katastrophal, aber es ist zumindest nicht das Jahr geworden, in dem NFTs, Blockchain und Play-to-earn die Spielewelt im Sturm erobern. Das Vorzeigespiel, das diesbezüglich anfällige Berufsvisionäre immer wieder vor den Vorhang zerren, stammt eigentlich schon aus dem Jahr 2018, doch seinen kometenhaften Aufstieg ins Bewusstsein einer hypegebeutelten Weltöffentlichkeit nahm "Axie Infinity" erst im Verlauf des soeben zu Ende gehenden Jahres. Wobei, Komet: Sternschnüppchen trifft’s eher.

"Axie Infinity" ist ein Spiel, das so öde ist, dass man Menschen in Dritte-Welt-Ländern dafür bezahlen muss, dass sie es für einen spielen. Im Unterschied zum rechtschaffen-altmodischen "WoW"-Goldfarming geschieht das aber mittels quälend langsam ertrotztem Fantasiegeld, das wie beinahe alle Kryptowährungen durch das reale Verbrennen immenser Mengen von meist fossil hergestelltem Strom entsteht. Wie alle anderen Play-to-earn-Artgenossen bietet "Axie Infinity" ein beachtliches Rundumpaket an menschenverachtendem Neokolonialismus, Umweltzerstörung UND gehirnverödender Spielspaßausrottung, und das alles im Dienst eines Pyramidenspiels, das im Verlauf des letzten Jahres bei seinem Zusammenklappen die Ersparnisse eines ganzen Haufens leichtgläubiger Tech-Bros mit sich in den Abgrund gerissen hat. Zum Trost: Das Geld ist nicht weg – es hat nur jemand anderes.

Kari-Pekka

"Postal 4: No Regerts"

"So schlecht, dass es schon wieder gut ist" – wenn ein Spiel als allerhöchste Ambition und schon von vornherein genau diese Ausrede allen bemühten Schrotts ins Feld führt, riecht das eher nach Verzweiflung als nach Kult. Und im Fall von "Postal 4" stimmt es nicht einmal. Das First-Person-Open-World-Desaster ist so schlecht, dass schwarzer Humor auch nicht mehr weiterhilft, offiziell das schlechteste Spiel des Jahres auf Metacritic und nicht nur inhaltlich, in Sachen Gameplay und Präsentation schlecht, sondern auch technisch eine Beleidigung. Es ist so schlecht, dass das Wort "schlecht" durch Überstrapazierung beinahe seine Bedeutung verliert. Habe ich erwähnt, dass es schlecht ist?

Fürs Protokoll, weil’s da sonst Missverständnisse gibt: Der Beschäftigung mit dem schon vierten Teil der früher irgendwann einmal mäßig provokant-lustigen Trash-Games-Reihe ist so gut wie jede andere Tätigkeit vorzuziehen. Das intensive oder beiläufige Betrachten der eigenen Nasenrammel, die Erledigung der Steuererklärung mit Migräne, Kaltwachshaarentfernungen im Dammbereich, Ethikdiskussionen mit betrunkenen Skinheads an der mitternächtlichen Tankstelle, alles, wirklich alles hat höheren Unterhaltungswert als dieses Spiel. Wenn Sie als edgy Trash-Hipster ernsthaft überlegen, dafür Geld auszugeben, seien Sie daran erinnert: Die Jungs und Mädels von WinRAR hätten's nach so vielen Jahren aber wirklich viel, viel, VIEL mehr verdient. (Rainer Sigl, 31.12.2022)