Im Gastblog zeigt Kurt Tutschek, wie das Gerätetraining vor zwei Jahrhunderten gehandhabt wurde.
Ein neues Jahr hat begonnen, die ersten guten Vorsätze sind bereits wieder Schnee von gestern, doch ein wenig mehr Bewegung im kommenden Jahr wäre vielleicht wirklich eine ernsthafte Überlegung wert. In Frage kämen unter anderem die berühmten 10.000 Schritte täglich, ein morgendlicher Lauf um den Häuserblock, der den Kreislauf in Schwung bringt, oder auch ein gelegentlicher Besuch im Fitnessstudio. Die Möglichkeiten, die Bewegungswilligen zur Verfügung stehen, sind heutzutage vielfältig. Und auch die Maschinen im Studio: Laufband, Rudermaschine, Beinstrecker, Bankdrücken und vieles mehr.
Trainieren im Stehen, Sitzen und Liegen
Einer der ersten, der derartige Geräte zur körperlichen Ertüchtigung entwickelte, war der schwedische Arzt und Physiotherapeut Gustav Zander.
Zander (1835–1920) war ein großer Verfechter des Gedankens, dass körperliche Ertüchtigung für die Gesundheit und das Wohlbefinden einer Person essentiell sei. Die medico-mechanische Therapie, wie Zander seine maschinelle Gymnastik nannte, konnte präzise auf alle Körperregionen angewendet werden, im Stehen, im Sitzen und im Liegen. Er veröffentlichte auch mehrere Bücher zu diesem Thema, in denen er genaue Anweisungen zur korrekten Verwendung der Geräte gab. Das betuchte Publikum staunte, doch nach anfänglicher Skepsis wurden die auf den ersten Blick ein wenig bizarr anmutenden Geräte rasch populär, verkauften sich gut und erfreuten sich vor allem in Europa und Nordamerika großer Beliebtheit.






Die von Zander entwickelten Apparate sollten maschinengestützt sicherstellen, dass die Bewegungen zur Körperertüchtigung stets in der richtigen Weise ausgeführt werden, um ganz präzise bestimmte Muskelgruppen zu trainieren. Gewichte und Hebel kamen zum Einsatz, um Bänder und Muskeln zu dehnen. Auch Vibrationen sowie das Kneten und Walken der Muskulatur gehörten zur Therapie.
Dies war ein revolutionärer Ansatz, denn so konnte jedes Gerät an die Kraft und die körperlichen Voraussetzungen des Benutzers oder der Benutzerin angepasst werden. Und sogar vom Design her sehen diese frühen Trainingsgeräte den heutigen Geräten in Fitnessstudios, Therapieabteilungen von Krankenhäusern oder Wellness-Zentren bereits sehr ähnlich (mit charmantem Steampunk-Einschlag).
Im Jahr 1911 hatten weltweit 300 Zander-Institute ihre Tore geöffnet. Selbst auf der Titanic gab es einen Übungsraum mit Zanders Gymnastikgeräten. Zugleich wuchs jedoch allmählich die Kritik aus der Medizin an der Medikomechanik als allzu passive, maschinenhafte Körperübung und so verlor sie in den 1920er Jahren zusehends an Bedeutung. Ein Niedergang seiner Ideen, den Gustav Zander, der 1920 starb, nicht mehr miterlebte. (Kurt Tutschek, 7.1.2023)
Links
- Fotos in der Sammlung des DigitaltMuseum
- Buch: Dr. G. Zander's medico-mechanische Gymnastik
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