Der Fluss Bidente in der Region.

Imago

Tausende Bewohner der Überschwemmungsgebiete mussten schon evakuiert werden.

Imago

Die Opfer- und Schadensbilanz kann nur eine provisorische sein, denn in der betroffenen Region hält der Regen weiterhin an. Aber die Zahlen reichen aus, um das Ausmaß der Katastrophe erahnen zu lassen: Bis Mittwochmittag sind in den italienischen Überschwemmungsgebieten nach Angaben des Ministers für Zivilschutz, Nello Musumeci, bereits über 5.000 Personen aus ihren Häusern evakuiert worden – zum Teil mit Hubschraubern aus der Luft, zum Teil mit Schlauchbooten, die durch die überfluteten Straßen fuhren. Acht Menschen sind in den Fluten umgekommen, darunter zwei Senioren, die in den eigenen vier Wänden ertranken. Mehrere Personen wurden noch vermisst.

Bei Überschwemmungen infolge schwerer Regenfälle sind in Norditalien mehrere Menschen ums Leben gekommen.
AFP

"Wir haben eine dramatische Nacht hinter uns", sagte der Präsident der Region Emilia-Romagna, Stefano Bonaccini, dem italienischen Fernsehen. Insgesamt standen laut Bonaccini zwei Dutzend Städte ganz oder teilweise unter Wasser; 14 Flüsse seien über die Ufer getreten. Unzählige Straßen und Zuglinien wurden unterbrochen, viele Schulen blieben geschlossen. "Ein großer Teil unseres Territoriums ist nicht wiederzuerkennen", erklärte Bonaccini. Angesichts der anhaltenden Niederschläge wiederholte der Regionalpräsident die Aufforderung an die Bewohner, zu Hause zu bleiben und sich wenn möglich in die oberen Stockwerke zu begeben.

Bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter

Besonders betroffen von den Überschwemmungen sind die bevölkerungsreichen Städte Cesena, Forlì, Faenza und Ravenna in der Po-Ebene. Hier sind in den letzten zwei Tagen bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen worden. Aber auch an der oberen Adriaküste und in Touristenorten wie Rimini und Riccione war die Lage kritisch. Überschwemmungen wurden auch aus Senigallia in der Region Marken gemeldet; die Stadt war bereits im vergangenen Jahr von einem schweren Unwetter verwüstet worden. Für die kommende Woche und insbesondere für Pfingsten erwarten die Meteorologen zwar eine Wetterberuhigung. Aber insgesamt bleibe das Wetter in ganz Italien bis weit in den Juni hinein unbeständig und in den meisten Regionen auch zu kühl.

Vor allem die Po-Ebene leidet seit vielen Monaten stark unter Wetterextremen. Im vergangenen Jahr erlebte Norditalien die schlimmste Dürre seit siebzig Jahren mit Milliardenschäden in der Landwirtschaft. Auch im Winter fiel kaum Niederschlag, und so herrschte noch vor wenigen Wochen Alarmstufe rot: Die Pegelstände des Po und wichtiger Wasserspeicher wie Gardasee oder Lago Maggiore lagen noch tiefer als im Jahr zuvor während der Rekorddürre. Anfang Mai war dann die Emilia-Romagna ein erstes Mal von Starkregen betroffen; in Faenza fielen in wenigen Tagen 240 Liter Regen pro Quadratmeter. Die Stadt stand schon damals unter Wasser und ist auch heute wieder einer der am stärksten von den Überschwemmungen betroffenen Orte.

Trotzdem zu wenig Wasser

Wer nun aber glaubt, mit den beiden Starkregen-Ereignissen habe sich wenigstens das Problem des Wasserdefizits erledigt, irrt. Der Klimatologe und Direktor des Wetterportals Italia Meteo, Carlo Cacciamani, betont, dass der größte Teil des gefallenen Regens oberflächlich abgeflossen sei: Beim ersten Unwetter von Anfang Mai seien die Böden zu ausgetrocknet und damit zu hart gewesen, um das viele Wasser aufzunehmen, und beim derzeitigen Starkregen seien sie inzwischen zu gesättigt mit Wasser. Der nasse Mai verschaffe in den direkt betroffenen Gebieten bezüglich des Wasserdefizits zwar durchaus Linderung. "Der Po führt in der Emilia-Romagna nun wieder mehr Wasser – aber damit er seinen normalen Pegel erreicht, müsste es noch wochenlang weiterregnen", betont Cacciamani.

Und vor allem müsste auch in der oberen Po-Ebene, im Piemont und in der Lombardei, deutlich mehr Niederschlag fallen. In diesen beiden Regionen, die im letzten Jahr ebenfalls stark von der Dürre betroffen waren, fiel in den letzten Tagen und Wochen deutlich weniger Regen als in der Emilia-Romagna und an der Adria – entsprechend groß ist das Wasserdefizit geblieben. Einen wenn auch schwachen Trost sieht Cacciamani darin, dass die Klimamodelle und auch die kurzfristigen Wetterprognosen immer präziser werden: "Wir konnten die Bewegung des Tiefdruckwirbels über der Po-Ebene und der Adria sehr exakt voraussagen, was es den Behörden ermöglicht hat, die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen und wo nötig vorsorglich zu evakuieren", betont Cacciamani. Dies habe Schlimmeres verhindert. "Aber mit einer Atmosphäre voller Wasser und voller Energie in Kombination mit versiegelten Böden werden wir leider immer wieder solche Tragödien erleben, wie sie gerade jetzt stattfindet." (Dominik Straub, red, 17.5.2023)