Schach im Freien
Die nächste Pensionserhöhung greift mit Jahresbeginn 2024, als Richtwert wurden rund 9,7 Prozent berechnet.
Christian Fischer

Die Vertreter der Ruheständler versprühen Unruhe. Rasche Verhandlungen mit der Regierung seien nun nötig, drängte diese Woche der Präsident des Seniorenrats, Peter Kostelka. Auch die Opposition geriet in Wallung: Während die SPÖ eine rückwirkende Pensionserhöhung ab Juli fordert, warnen die Neos vor "irrwitzigen" Geschenken an Seniorinnen und Senioren. Ein Überblick über die brennendsten Fragen.

Frage: Warum ist die Diskussion über die Pensionen gerade jetzt ausgebrochen?

Antwort: Stein des Anstoßes war ein trockener Vorgang: Die Statistik Austria hat eine Schätzung des sogenannten Pensionsanpassungsfaktors veröffentlicht. Diese für die Ermittlung der jährlichen Pensionssteigerungen maßgebliche Kennzahl steht zwar noch nicht endgültig fest, lässt sich mittlerweile aber gut eingrenzen. Demnach wird der Faktor rund 9,7 Prozent betragen.

Frage: Wie kommt diese Zahl zustande?

Antwort: Sie wird auf Basis des Verbraucherpreisindex anhand der durchschnittlichen Inflationsraten von August 2022 bis Juli 2023 berechnet. Weil die Inflation in dem Zeitraum außergewöhnlich hoch war, kommt es auch zu einem entsprechend hohen Pensionsanpassungsfaktor.

Frage: Ist diese Vorgabe in Stein gemeißelt?

Antwort: Nein, die Politik neigt in Österreich zu abweichenden Pensionsbeschlüssen, der Faktor wird bloß als Richtwert gesehen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden niedrige Pensionen oftmals über der Inflationsrate erhöht. Insbesondere der Ausgleichzulagenrichtsatz, der als eine Art Mindestpension dient und momentan 1110 Euro beträgt, stieg meist kräftiger als das Preisniveau, bilanziert Wifo-Pensionsexpertin Christine Mayrhuber. Die durchschnittliche Pensionsanpassung war hingegen zwischen 2004 und 2023 niedriger als die Inflation, bei vielen Pensionen kam es also zu realen Verlusten. Insgesamt sei eine Staffelung mit höherer Anhebung von Niedrigpensionen sinnvoll, um soziale Verwerfungen zu dämpfen, sagt Mayrhuber.

Auch für 2024 empfiehlt die Ökonomin "soziales Augenmaß", da die Inflation bei Beziehern niedriger Pensionen ohne Ersparnisse Einschränkungen im täglichen Leben bedeuten. Kritiker von Staffelungen monieren allerdings, dass dadurch das Versicherungsprinzip – wer mehr Beiträge einzahlt, bekommt auch mehr Pension heraus – konterkariert werde.

Pensionen Grafik
Die Pensionsausgaben werden in den kommenden Jahren im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung steigen.
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Frage: Was macht die aktuelle Situation besonders?

Antwort: Weil das Preisniveau schnell steigt, entsteht eine Kluft zwischen dem nachträglich errechneten Pensionsanpassungsfaktor und der jeweils aktuellen Inflation, die die Konsumenten beim Einkaufen trifft. 2022 lag der Pensionsfaktor bei 5,8 Prozent, während die Jahresinflation 8,6 Prozent betrug. Somit wären die Pensionen real gesunken, hätte die Koalition keine Einmalzahlungen beschlossen, die im Endeffekt bei der großen Masse die Inflation sogar überstieg. 2024 dürfte sich die Dynamik aber ganz ohne Einmalzahlungen umkehren, denn laut Wirtschaftsprognosen wird die Inflation mit rund vier Prozent niedriger ausfallen als die besagten 9,7 Prozent Pensionsanstieg. Auch deswegen hält sich die Regierung wohl mit Ansagen zurück, zumal die Pensionsausgaben in den kommenden Jahren ohnedies steigen werden.

Frage: Welche Entwicklung steht hier bevor?

Antwort: Laut Alterssicherungskommission werden die staatlichen Ausgaben für Pensionen – Beamte mitgerechnet – von derzeit rund 29 auf 38 Milliarden ansteigen, in Relation zum BIP ist das eine Steigerung um einen knappen Prozentpunkt. Der Kostenanstieg liegt unter anderem daran, dass die geburtenstarken Babyboomer ins Pensionsalter kommen. Die schrittweise Erhöhung des Frauenpensionsalters dämpft hingegen den Kostenanstieg.

Frage: Wer in naher Zukunft die Pension antritt, muss besondere Kaufkraftverluste hinnehmen. Wie kommt es dazu?

Antwort: Nach derzeitigem Stand wird die hohe Inflation auf dem Pensionskonto, wo alle Beitragszahlungen gesammelt werden, erst ab 2025 entsprechend abgegolten. Wer bis dahin in Pension geht, bei dem wird die Kaufkraft aller vor 2022 geleisteten Beitragszahlungen in die Pensionsversicherung empfindlich entwertet. Denn laut Pensionsversicherungsanstalt erfolgte für das Jahr 2022 eine Aufwertung von lediglich 3,1 Prozent. Bei einer Jahresinflation von 8,6 Prozent gehen also mehr als fünf Prozent Kaufkraft flöten. Ein ähnlicher Effekt wird heuer auftreten.

Frage: Wo liegt das Problem?

Antwort: Das Pensionskonto wird nicht um die Inflation angepasst, sondern auf Basis der volkswirtschaftlichen Lohnentwicklung. Dadurch werde nicht nur die Teuerung abgegolten, sondern die Beitragszahler profitierten auch von Produktivitätsgewinnen, würden langfristig also besser aussteigen, erklärt Pensionsexperte Erik Türk von der Arbeiterkammer (AK). Allerdings führt dies zu einer erheblichen zeitlichen Verzögerung der Aufwertung. Denn die Inflation des Jahres 2022 wird erst im Folgejahr durch Lohnerhöhungen abgegolten. "Die tatsächliche Lohnentwicklung des Jahres 2023 kennt man erst 2024, und sie kann erst ab 2025 berücksichtigt werden", erklärt Türk die lange Dauer. Die Folge wären Kaufkraftverluste auf den Pensionskonten bis 2024, die dann abflachen und ab dem Jahr 2026 fast ausgebügelt sein sollten.

Frage: Was kann das Problem entschärfen?

Antwort: Türk spricht sich für eine Schutzbestimmung aus. Die letzten zwei Aufwertungen des Pensionskontos sollten demnach zumindest in der Höhe der Anpassungen der Pensionen erfolgen, da diese Inflationsanstiege schneller abbilde. Für 2022 würde das Pensionskonto etwa um 5,8 statt 3,1 Prozent erhöht werden. "Dann wäre das Problem zumindest entschärft", sagt Türk. Nach derzeitiger Regelung gebe es zudem "absurde Anreizeffekte für einen früheren Pensionsantritt": Arbeitnehmer könnten sich den Stichtag 1.12.2023 für eine Korridorpension wahren, um die beschriebenen Kaufkraftverluste in der Pension zu verringern. (Theo Anders, Alexander Hahn, 2.8.2023)