Cannabis-Pflanzen
Dass Marihuana, getrocknete Cannabisblüten, heute vielfach als illegales Rauschmittel gilt, hat kulturhistorisch spannende wie verworrene Hintergründe.
AP / Jessie Wardarski

Auf einem Hügel unweit der kalifornischen Küste liegt nah San Simeon ein Anwesen, das seinesgleichen sucht. Griechische Säulengärten, Pools, Privatkino, holzvertäfelte Salons und ein Ausblick bis zum Pazifik. Größen aus Politik und Popkultur gingen in den 1920ern in der Villa aus und ein. Dem Eigentümer mangelte es selbst nicht an Bekanntheit: William Randolph Hearst war der Medienmogul seiner Zeit, bis heute gilt als Vorbild für das Drama Citizen Kane. Er besaß nicht nur imposante Anwesen, Magazine und Zeitungen, sondern auch Wälder. Diese stehen im Mittelpunkt einer Debatte um die Beweggründe für das Verbot von Marihuana.

Citizen Kanes Imperium

Viele Erzählungen ranken sich um den Punkt der Wirtschaftsinteressen. Als treibende Kräfte hinter der Kriminalisierung von Marihuana werden Bauindustrie, Pharmaunternehmen und Tabakkonzerne vermutet. Bestätigen lassen sich diese Verdachtsmomente jedoch kaum. "Wirtschaftliche Interessen sind äußerst schwer nachweisbar", sagt der Suchtexperte Kurt Fellöcker zum STANDARD. Was sich in Archiven feststellen lässt, ist eine Medienkampagne, die in den 1920ern in den USA begann. Davor war dort die Substanz als Rauschmittel relativ unbekannt.

Dennoch schrieben Medien von der "Mörderdroge", die Männer in wilde Bestien verwandle. Manch rätselhafter Mordfall wurde mit Marihuana-Konsum in Verbindung gebracht. Viele dieser Zeitungen befanden sich im Besitz von William Randolph Hearst. Welche Motivation hinter der medialen Dämonisierung steckte, lässt sich nicht lückenlos beweisen. Historikerinnen und Historiker sind uneins, ob der Verleger so Hanffasern als Konkurrenz zu Holzfasern in der Papierproduktion ausschalten wollte.

Diskriminierung als Motiv

Als großem Waldbesitzer wären ihm Einnahmen entgangen, argumentiert eine Seite. Die andere Seite zieht diese Schlussfolgerung in Zweifel: Hearst hätte als Medienmagnat von günstigerem Hanfpapier profitiert. Manch Forschende gehen so weit zu behaupten, die Diskussion um jedwede Finanzinteressen sei vorgeschoben, um von den wahren, weit unangenehmeren Intentionen abzulenken. "Im Hintergrund standen eindeutige Diskriminierungsabsichten", sagt Fellöcker, der an der FH St. Pölten lehrt und forscht. Etliche Publikationen stützen diese Erklärung.

Die Illegalität von Marihuana gründet in ihren Ursprüngen in den USA nicht auf gesundheitlichen Bedenken. Dokumente und wissenschaftliche Analysen widerlegen diese Erklärung. Sie zeichnen das Bild von Politikern und US-Regierungen, die Handhabe gegen politisch Andersdenkende und Minderheiten wollten. Mit den Prohibitionsansinnen sollten bewusst gewisse Gruppen denunziert und kriminalisiert werden.

Eine Teilnehmerin des Global Cannabis March im kolumbianischen Medellin. Im März forderten dort etliche Menschen die Entkriminalisierung der Substanz.
APA/AFP/FREDDY BUILES

Sexuelle Beziehungen zu Schwarzen

Im Zentrum stand dabei die afroamerikanische Bevölkerung, Menschen chinesischer Abstammung und mexikanische Einwanderer. Einige Bundesstaaten, darunter etwa das heute als progressiv bekannte Kalifornien, verabschiedeten bereits ab 1913 Gesetze zur Kontrolle von Marihuana. Auf Bundesebene sollte dies bis zum Jahr 1937 und dem Marihuana Tax Act (MTA) dauern.

Interessant ist hierbei der Sinneswandel von Harry Anslinger, dem ersten Leiter des Federal Bureau of Narcotics. Vor seiner Ernennung 1930 stufte er die Gefahren der Substanz als minimal ein. Vielmehr wollte er Opiate regulieren. Als Anslinger im Amt war, änderte sich seine vorige Ansicht radikal. Es gebe 100.000 Marihuana-Nutzer, meist "Negroes, Hispanics, Filipinos and entertainers", kommentierte er. Die Substanz würde weiße Frauen dazu bringen, sexuelle Beziehungen mit schwarzen Männern einzugehen. Seine Kampagnen gegen Marihuana basierten weitgehend auf Rassismen, wie Analysen festhalten.

Der Krieg gegen Hippies

Subtiler, aber nicht weniger diskriminierend nahm sich die Nixon-Administration aus. 1971 trat der Controlled Substances Act (CSA) in Kraft. Marihuana fand sich darin in einer Kategorie mit harten Drogen wie Heroin, Herstellung, Besitz und Konsum wurden drakonisch bestraft. Teil des Gesetzes war die Einsetzung der Shafer-Kommission, die Marihuana untersuchen und dessen Gefahrenpotenzial eruieren sollte. Die empfohlene Entkriminalisierung wurde von der Nixon-Administration ignoriert. Dieser waren Afroamerikaner und die Antikriegsbewegung ein Dorn im Auge.

Studien zitieren Nixons Berater John Erlichman wie folgt: "Wir wussten, dass wir nicht verbieten konnten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein. Indem wir Hippies mit Marihuana und Schwarze mit Heroin in Verbindung brachten und beide Substanzen kriminalisierten, konnten wir diese Gruppen zerstören." Und weiter: "Wussten wir, dass wir Lügen über die Drogen verbreiteten? Sicher wussten wir das."

Forderung nach Legalisierung von Marihuana.
Demonstrierende fordern in Sao Paulo, Brasilien, die Legalisierung von Marihuana. Die strikte Politik der Vergangenheit wird in immer mehr Ländern aufgeweicht. Das erlaubt neben dem kontrollierten Konsum auch die Erforschung des möglichen medizinischen Potenzials der Pflanze.
APA/AFP/NELSON ALMEIDA

Politik ignorierte Wissenschaft

Den Preis bezahlten vornehmlich junge Afroamerikaner, die massenhaft inhaftiert wurden. Sowohl das konservative Cato Institute als auch das liberale Center for American Progress sehen den "war on drugs" als Ausgangspunkt einer Politik, die auf falsche Prämissen und das bewusste Ignorieren faktenbasierter Wissenschaft setzt. Jahrzehntelang wurde so die Forschung zum medizinischen Potenzial der Substanz verbaut.

Auch die weltweite Kriminalisierung, vorangetrieben von den USA und ausgearbeitet im "Einheitsabkommen über Betäubungsmittel" von 1961, hatte Konsequenzen: Die UN-Konvention bindet mehr als 180 Staaten, nationale Gesetze wurden adaptiert, vielfach wanderte der Gegenstand ins Strafrecht, so auch in Österreich. Fachleute für Suchtprävention sehen diesen Umstand kritisch, da er Qualitätskontrollen und sicheren Konsum verhindert. In der Illegalität ist es zudem schwer, zu helfen, und ebenso schwer, Hilfe zu suchen. (Marlene Erhart, 12.8.2023)