Gamer zocken auf der Xbox
Microsoft ist mit einem großen Stand auf der Gamescom 2023 präsent.
EPA/FRIEDEMANN VOGEL

Jerret West verwaltet 700 Millionen Euro an Marketing-Geldern und ist für 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Microsoft Xbox zuständig. Der Brotjob des CVP Gaming Marketing bei Xbox ist es, sich Marketing-Kampagnen für First-Party-Games, Hardware und Services einfallen zu lassen. Seit 2003 ist West bereits beim US-Konzern, allerdings mit einer immerhin sieben Jahre langen Unterbrechung. Diese verbrachte er bei Netflix. Jenem Unternehmen, das in den letzten Jahren verstärkt auf ein wachsendes Angebot an Videospielen achtet. Direkte Konkurrenz für den Xbox-Verantwortlichen?

DER STANDARD hat West auf der Spielemesse Gamescom getroffen und ihn zu seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem in Kürze bevorstehenden Release des Millionen-Blockbusters "Starfield" und natürlich den weiteren Ambitionen in Bezug auf den Gamepass gefragt. Jener Aboservice, der immer wieder "Netflix für Games" genannt wurde.

Fragen zur Übernahme von Activision-Blizzard konnten an diesem Tag von West nicht beantwortet werden.

STANDARD: Wie geht es Ihnen wenige Tage vor dem Release von "Starfield"? Jenem Spiel, auf das so viele Xbox- und PC-Spieler schon sehr lange warten mussten.

West: Ich fühle Aufgeregtheit und viel Energie. Die mit dem Spiel verbundenen Ambitionen sind so enorm – ich bin davon überzeugt, dass dieser Release einer von den Momenten sein wird, an die wir uns lange erinnern werden. Auch weil das Spiel schon jetzt über die Gaming-Grenzen hinweg wahrgenommen wird, etwa von einer sehr aktiven Science-Fiction-Szene.

STANDARD: "Starfield" ist eine Solospieler-Erfahrung. Ein Bereich, dem sich Microsoft in den letzten Jahren gerade im Blockbuster-Bereich weniger zugewandt hat. Man sprach lieber über Service-Games (Spiele, die über mehrere Jahre mit neuen Inhalten frisch gehalten werden sollen, Anm.) und den Aboservice Gamepass. Wie wichtig sind denn klassische Story-Spiele für Microsoft noch?

West: Wir als Microsoft Xbox sitzen auf einem sehr spannenden Überschneidungspunkt mit unseren Spielen und Plattformen. Wir wollen die Gamer überall erreichen und im Idealfall mit Spielen, die sie genießen wollen. Spiele wie "Starfield" sind für uns sehr wichtig, und wir werden von solchen Erfahrungen in den nächsten Jahren noch viele sehen. Aber auch Service-Games sind ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie.

STANDARD: Blockbuster-Spiele werden immer teurer in der Produktion, und auch die Entwicklungszeiten werden immer länger. Wie schwierig ist es, hier einen langfristigen Plan aufzustellen, auch um die Leute langfristig als Abonnenten zu behalten?

West: Wir haben immer wieder betont, dass wir versuchen, einen Blockbuster pro Quartal zu veröffentlichen. Das ist für uns als Marke wichtig, aber auch, wie Sie sagen, Gamepass. Abonnenten sollen sich auf einen gewissen Rhythmus verlassen können. Es wird allerdings immer schwieriger, eine solche Regelmäßigkeit zu etablieren. Wenn ein Spiel aufgrund diverser Umstände verschoben wird, etwa aufgrund einer Pandemie, muss man den gesamten Plan neu zeichnen.

STANDARD: Ich habe ein Video von Ihnen aus dem Jahr 2010 gefunden, in dem Sie in einem Interview über die Relevanz von Xbox Live im Zusammenhang mit neuen Apps wie Facebook, Twitter oder Netflix sprechen. Was hat sich seit dieser Zeit am meisten verändert, und wo gibt es Parallelen?

West: Interessant, dass Sie mich darauf ansprechen, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Also, was in jedem Fall gleichgeblieben ist: Wir reden seit damals über eine Industrie, die sich rasant verändert. Vor allem, wie Spielerinnen und Spieler mit den Plattformen interagieren, ist in ständiger Bewegung. Natürlich haben wir 2010 über Apps gesprochen, aber in Wirklichkeit haben wir über das Internet gesprochen. Und das ist meiner Meinung nach eine der größten Entwicklungen in dieser Zeit. Dieses Formen von Online-Communitys, gemeinsam Spiele via Internet genießen können und auch diese permanente Zugänglichkeit. Auch jetzt befinden wir uns in einer Phase, wo wieder neue Dinge hinzukommen. Künstliche Intelligenz wird eine Rolle spielen, es wird neue Möglichkeiten geben, Online-Communitys zu schaffen, und noch vieles mehr.

West ist besonders stolz auf die vielen Indie-Games, die in den Gamepass wandern. Unter anderem auch das österreichische Action-Rollenspiel "Dungeons of Hinterberg".
Microsoft

STANDARD: Was haben Sie in diesem Zusammenhang von Ihrer Zeit bei Netflix gelernt, was Sie bei Microsoft vielleicht so nicht erfahren hätten?

West: Netflix hat viele Weichen für diverse Abomodelle gelegt und auch Business-Modelle geschaffen, bei denen Content Creator vom Erfolg mit profitieren können. Während ich bei Netflix war, habe ich beobachten können, wie sich die Film- und Serienwelt durch diese Abomodelle massiv gewandelt hat, und nun erleben wir seit einigen Jahren genau diese Veränderung in der Games-Branche. Von Netflix habe ich einige dieser Erfahrungen mitnehmen können, aber Games funktionieren dennoch etwas anders.

Bei Serien konsumieren die Kundinnen und Kunden ihre Favoriten, aber bei Games geht es mit späteren Spielerweiterungen ja weiter und manche Spiele wollen von vielen noch einmal separat gekauft werden, um es sicher in der eigenen (Online-)Bibliothek verstauen zu können. Es ist also wesentlich komplexer und ich glaube nicht, dass die Games-Branche völlig auf Abo-Modelle umstellen wird. Es wird immer noch Leute geben, die Spiele lieber einzeln kaufen.

STANDARD: Was in jedem Fall in den Gamepass wandern wird, voraussichtlich nächstes Jahr, ist das österreichische Spiel "Dungeons of Hinterberg", das ebenfalls auf der Messe gezeigt wird. Wie entscheiden Sie, wann und ob ein Spiel von kleinen Entwicklern in den Gamepass aufgenommen wird?

Starfield Poster
Der Blockbuster "Starfield" wird mit Spannung erwartet.
AFP/INA FASSBENDER

West: Viele Menschen glauben, es läge an persönlichem Interesse bestimmter Personen oder einfach an mathematischen Formeln, die Genre-Lücken füllen sollen. Tatsächlich liegt es an einer eigens dafür bestimmten Abteilung aus sehr kompetenten Menschen, die sich um persönliche Interaktion mit den einzelnen Studios kümmern. Es geht darum, die Vision eines "Dungeons of Hinterberg" zu verstehen, und dann herauszufinden, wie man als Xbox helfen kann, diese Vision zu verwirklichen. Es geht also nie um eine bestimmte Formel, sondern darum, tatsächlich junge Entwickler wie eben jene von "Dungeons of Hinterberg" zu finden, einzuladen und dann gemeinsam herauszufinden, was die Magie in diesem Spiel sein könnte.

STANDARD: Abseits von Games und Abomodellen wird Streaming ein immer wichtigerer Punkt – sowohl für Microsoft als auch für Konkurrenten wie Sony Playstation. Spiele gar nicht runterladen müssen, sondern einfach einmal streamen, um sie auszuprobieren, ist ein guter Service. Was man allerdings braucht, ist eine starke Internetleitung, die auch 2023 noch immer nicht flächendeckend verfügbar ist. Wann wird Games-Streaming im Mainstream ankommen?

West: Ich glaube, die Antwort, wann es so weit sein wird, kann heute keiner beantworten. Da spielen einfach sehr viele Faktoren eine Rolle. Diese Ökonomie und die damit verbundene Spielererfahrung müssen in jedem Fall noch wachsen. Zugänglichkeit und Komfort sind da Schlagworte. Und dann ist natürlich noch die von Ihnen angesprochene Problematik, dass in vielen Teilen der Welt einfach kein ausreichend gutes Internet verfügbar ist. Was wir als Industrie tun können, ist, Spiele tatsächlich so zu entwickeln, dass die Streambarkeit von Beginn an mitgedacht wird. Das sind noch viele Berge, die wir erklimmen müssen.

STANDARD: Abschließend wäre interessant zu erfahren, was derzeit als größte Herausforderung für Microsoft Xbox auf Ihrem Tisch liegt?

West: Wir haben in unserer Rolle als Hardware- und Spielehersteller sowie als Aboservice-Anbieter eine einzigartige Rolle in der Branche. Unsere größte Herausforderung ist deshalb wohl, jene Visionen, die wir haben, auch wirklich umzusetzen. Überall spielen können und das mit den Leuten, mit denen man spielen will, auf dem Gerät, auf dem ich spielen will. Das heißt, wir müssen PC-Erfahrungen schaffen, Spiele für mobile Geräte und natürlich für unsere eigene Hardware. Es muss Single-Player-Spiele geben, genau wie Service-Games – und all das wie eine Jazzband verbinden zu können, das gilt es zu schaffen. Es ist eben kein Orchester, sondern jeder muss wissen, wann er sich wie einklinken kann, damit es eine gute Melodie wird. (Alexander Amon, 24.8.2023)