Als Jewgeni Prigoschins Flugzeug abstürzte, gedachte Wladimir Putin gerade der Panzerschlacht von Kursk 1943 – und ehrte seine Soldaten in der Ukraine.
AP/Gavriil Grigorov

Wie einst Ikarus, der in der griechischen Mythologie alle Warnungen in den Wind schlug und mit seinen wächsernen Flügeln der Sonne zu nahe kam, folgte auch für den russischen Söldnerführer Jewgeni Prigoschin dem Höhenflug ein jäher Absturz. Nur dass es nicht die blaue Ägäis war, wo dieser endete, sondern ein brauner Acker in der russischen Provinz.

Atmosphäre der Angst

Die Parabel, zuerst skizziert vom US-Russland-Experten Andrew D’Anieri, fügt sich in das Bild ein, das Putins Russland seit dem erfolglosen Aufstand von Prigoschins Wagner-Söldnertruppen gegen die Armeeführung am 23. und 24. Juni nach außen hin abgibt – und beschreibt die Atmosphäre der Angst, mit deren Hilfe sich das Regime seiner Gegner, die sich zu sicher fühlen, auf die eine oder andere Weise entledigt. Die Frage, so sind sich Fachleute einig, war vor dem Absturz schließlich weniger, ob Prigoschin gewaltsam stirbt, sondern wann, wo und wie.

Zumindest die ersten beiden Unbekannten scheinen nun, mehr als eine Woche nach dem Absturz, beantwortet zu sein. Noch immer gibt es aber weit mehr Fragen als Antworten, etwa wer tatsächlich hinter dem Tod Prigoschins, sechs weiterer Wagner-Kader sowie der dreiköpfigen Flugzeugcrew steckt. DER STANDARD geht zudem der Frage nach, wie fest Putin nach dem Tod Prigoschins nun im Sattel sitzt.

Mysteriöser Absturz

Bis heute ist nicht geklärt, wie es am vorvergangenen Mittwoch um kurz nach 18.20 Uhr Ortszeit auf halber Strecke zwischen Moskau und St. Petersburg über dem Weiler Kuschenkino zum Crash der Embraer-Legacy-600-Maschine kam: Ob der auf die Gruppe Wagner registrierte Privatjet von der Luftabwehr abgeschossen wurde, wie es Wagner-nahe Quellen suggerierten, oder ob ein an Bord geschmuggelter Sprengsatz die frischgewartete Maschine zum Abstürzen brachte, wie der US-Geheimdienst vermutet. Im Staatsfernsehen bezichtigte der Kreml-Propagandist Wladimir Solowjow zudem die Nato des "Anschlags" auf Prigoschin. Der Innsbrucker Politologe und Russland-Kenner Gerhard Mangott hält dies für einen geschickten Schachzug des Kreml: "Damit will man die Schuld nach außen verlagern und diejenigen beruhigen, die Prigoschin nun betrauern." Am Mittwoch erteilte Moskau einer internationalen Untersuchung eine Absage, Kreml-Sprecher Dmitri Peskow deutete aber erstmals an, dass es sich um einen "absichtlich herbeigeführten Absturz" handeln könnte. Dass Putin dahintersteckt, hatte er freilich schon zuvor als "absolute Lüge" abgetan.

Verrat verjährt nicht

Mangott geht trotzdem von einem Auftragsmord aus: "Putin musste Prigoschin beseitigen, um keine Schwäche zu zeigen." Dass Verrat für den Kreml-Chef niemals verjährt, ist schließlich nicht erst seit dem Wagner-Aufstand auch im Westen ein wohlbekanntes Diktum. Besonders dann, wenn der Verräter so enge Verbindungen zum innersten Kreis der Macht hat.

Putin habe, sofern sich die These vom Mord erhärte, gleichsam eine Botschaft an den Rest der russischen Eliten ausgesandt, nur ja nicht gegen den Kreml aufzubegehren, sagt Mangott. Sicher, so dürfte die zweite Botschaft lauten, darf sich niemand fühlen, egal wie groß die Verdienste gewesen sein mögen, egal wie eng man zuvor mit Putin zusammengearbeitet habe.

Just als die Eilmeldung vom Flugzeugabsturz in Russland über die Kanäle flirrte, war Putin gerade live im Fernsehen dabei, Soldaten als "Helden Russlands" zu ehren. Im Jahr zuvor hatte er den gleichen Orden noch an Prigoschins Revers geheftet – für dessen Verdienste im Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Wandelnder Toter

Ein Jahr später war aus dem selbstbewussten Warlord, der im Zuge seiner Meuterei Putins Kriegslügen offen widersprach, nachdem er zuvor schon der Armeeführung die Stirn bot und damit lange durchgekommen war, ein wandelnder Toter geworden.

Am Dienstag wurde der Mann, bei dessen Gedenken Putin sich im Fernsehen nicht mit dem in Russland üblichen Patronym "Jewgeni Wiktorowitsch" aufhielt, sondern so knapp wie kühl von "Prigoschin" sprach, der "schwere Fehler" gemacht habe, sang- und klanglos in St. Petersburg beigesetzt.

Doch ist die Blamage, die Prigoschin dem Kreml-Chef mit seinem Marsch auf Moskau vor zwei Monaten zugefügt hat, damit aus der Welt geschafft? Zumindest kurzfristig, sagt Mangott: "Während die Meuterei ein Zeichen von Putins Schwäche war, stabilisiert der Tod Prigoschins nun fürs Erste seine Herrschaft."

Keine Schwäche erlaubt

Dafür spricht, dass der Kreml-Herr mit dem Tod Prigoschins seinen bisher militantesten Kritiker losgeworden ist. Nie zuvor in der 23 Jahre dauernden Herrschaft Putins wurde diese so stark herausgefordert wie in den 24 Stunden, in denen Prigoschins Wagner-Söldner auf Moskau zumarschierten.

"In der russischen Elite ist die Meuterei auch als Zeichen eines gewissen Kontrollverlustes Putins aufgenommen worden. Dass bis zum Tod Prigoschins zwei Monate vergangen sind, dürfte auch daran liegen, dass Putin ihn in Sicherheit wiegen wollte, damit er unvorsichtig wird."

Meldung aus Mali

Tatsächlich ist Prigoschin, der eigentlich nach Belarus hätte ausreisen sollen, in den Wochen und Monaten nach der gescheiterten Meuterei kreuz und quer durch Russland getingelt. Zwei Tage vor seinem Tod meldete er sich per Telegram zurück, vermutlich aus Mali, wo er seine Söldner auf neue Einsätze einschwor. Man solle sich keine Sorgen um seine Sicherheit machen, sagte er da noch. Wenige Tage später war er tot.

Dass Prigoschins Tage damals aber längst gezählt waren, steht für Russland-Kenner Mangott fest: "Er hätte schon Rosenzüchter in Belarus werden müssen, um sein Ablebensrisiko zu senken." Putin habe bloß noch auf eine Gelegenheit gewartet, sich zu rächen.

Alexander Graef vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik glaubt aber nicht an eine langfristige Konsolidierung von Putins Macht: "Er hat nun zwar die vollständige Kontrolle zurückgewonnen. Allerdings ist der Preis dafür nicht unerheblich. Er hat letztlich eine offene Revolte zugelassen und musste diese mit Mitteln der 1990er-Jahre bekämpfen: Gewalt und Gegengewalt. Das ist problematisch, weil Putin seine Präsidentschaft immer als Stabilitätsanker definiert hat. Dieser Mythos ist nun angeschlagen."

Kritiker verstummen vorerst

"Putin hätte seine Macht nicht aufrechterhalten können, wenn seine Autorität angezweifelt wird, wie es nach der Meuterei geschehen ist", sagt Mangott. Putins Gegner, selbst jene, die bisher nur mit vorgehaltener Hand den Präsidenten kritisiert haben, dürften nun eine Zeitlang verstummen, prognostiziert er. Doch: "Wenn der Kriegsverlauf in der Ukraine sich für Russland negativ entwickelt, könnten sie wieder lauter werden."

Auch Graef hält es für naheliegend, dass der Tod des Söldnerführers ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl von den Eliten als Botschaft interpretiert wird, Putin nicht in die Quere zu kommen. Freilich: Der Ultranationalist und Kriegsverbrecher Igor Girkin, der Putin – wie einst Prigoschin – für "zu freundlich" im Ukrainekrieg hält, sitzt seit einigen Wochen im Gefängnis – und hat von dort aus am Donnerstag seine Kandidatur verkündet.

Echte Konkurrenz bei Wahlen muss Putin aber ohnehin nicht fürchten. International isoliert ist Putin auch nur im Westen. Autoritäre Staatsführer des Globalen Südens halten ihm nach wie vor die Stange, treffen sich mit ihm und schließen lukrative Geschäfte ab. "Prigoschins Tod könnte die Eliten nun zusammenschweißen. Andererseits ergibt sich dieser Zusammenhalt dann eben nicht aus einer positiven Agenda. Vielmehr stehen Drohungen und die Angst vor möglicher Rache im Mittelpunkt." (Florian Niederndorfer, 2.9.2023)