Helene Maimann, Autorin, Ausstellungsmacherin, Historikerin.
Stix

Helene Maimann: "Wir sind Kinder von Displaced Persons, Flüchtlingen, KZ-Häftlingen, Widerstandskämpfern, Soldaten in alliierten Armeen. Unsere Familiengeschichte gehört nicht zur großen Erzählung des Landes, in dem wir aufgewachsen sind …"

Helene Maimann ist ein Mitglied jener Intellektuellen der Nachkriegsgeneration, die in einem vermufften, von Nazi-Resten durchwachsenen Österreich aufgewachsen sind, dagegen rebelliert haben und einen großen Anteil an der "Aufarbeitung", auch an der geistigen Modernisierung des Landes haben. Sie waren überwiegend "links", oft jüdisch und in der privaten Lebensform gleichzeitig bourgeoise Bohemiens. Der sozialdemokratische Aufbruch der 1970er-Jahre bot ihnen die Möglichkeit, wirksam zu werden – "in den Wissenschaften, der Medizin, der Kultur, der Wirtschaft, in die Schulen und Medien", so Maimann.

Sterne über uns

Jeder halbwegs politisch und zeitgeschichtlich interessierte Mensch in diesem Land hat schon einmal eine der großen Ausstellungen von Helene Maimann gesehen: in der Wiener Straßenbahnremise Koppreitergasse oder im Gasometer Simmering – Mit uns zieht die neue Zeit. Arbeiterkultur in Österreich 1918–1934 (1981), oder Die Kälte des Februar. Österreich 1933–1938 (1984) oder Die ersten hundert Jahre. Österreichische Sozialdemokratie 1888–1988 (1988). Oder in der Republik-Jubiläumsausstellung Das neue Österreich (2005) im Belvedere die Themen Nationalsozialismus und Exil. Oder die großen Dokumentationen im ORF Bruno Kreisky. Politik und Leidenschaft (2011), Massel und Schlamassel. Über den jüdischen Witz (2011), Arik Brauer. Eine Jugend in Wien (2014), Die Coudenhove-Kalergis. Europa im Herzen, zuhause in der Welt (2018). Und viele, viele mehr.

Jetzt ist es Zeit, die Geschichte – und die vielen Geschichten – zu erzählen, die mit dieser Sonderstellung im gesellschaftlichen Leben Österreichs verbunden war: "Wir wuchsen auf mit einem leuchtenden Stern über uns, dem roten kommunistischen oder dem blauen jüdischen oder beiden. Sind vom Rand der Gesellschaft in die Mitte gegangen und haben an ihren Schrauben gedreht."

Die Partei als Anker

Der leuchtende Stern. Wir Kinder der Überlebenden ist der Titel eines Erinnerungsbandes, den Helene Maimann nun vorgelegt hat. Sie selbst ist 1947 in Wien geboren – mit Eltern, die dem Holocaust nach England entkommen konnten. Der Vater trat in die britische Armee ein. 1945 bat er sein schottisches Regiment um Versetzung nach Wien, um dort nach seiner Mutter und der seiner Frau zu suchen. Man blieb im Lande – verhielt sich "unauffällig", blieb isoliert. Die Kommunistische Partei blieb der große, der einzige Anker: "Unsere Eltern rückten zusammen und lebten wie auf einer Arche Noah. Sie übten gegenseitige Kontrolle und Verschwiegenheit gegenüber der Außenwelt … Alle ordneten ihr Privatleben der Partei unter."

Davon lösten sie sich im Laufe der Zeit: Robert Schindel, der bekannte Schriftsteller (Gebürtig): "Wir waren Kinder einer autoritären Ideologie. Nicht einfach, sich frei zu machen."

Wie die Kinder der Überlebenden und der autoritären Ideologie mithalfen, eine liberalere, progressivere Gesellschaft zu basteln, ist der Kern des Buchs. Die Sozialwissenschafterin Eva Ribarits: "Man hat von vorn bis hinten noch den Faschismus gespürt, über den so eine Art Tuchent drübergestülpt wurde. Es gab kaum die Möglichkeit, frei zu atmen." Es wimmelt im Buch von meist bekannten Namen, eine bezeichnende Vignette schließt sich an die andere, viele der Generation Hawelka und Oswald & Kalb werden die Protagonisten erkennen. Dazwischen erzählt Helene Maimann Geschichten von Flucht, Vertreibung, von Heldentum und unfassbarer Schlechtigkeit, von Rettung und von Untergang, die einem immer noch den Atem rauben. Aber auch von ungeniertem Antisemitismus bis weit in die Gegenwart hinein. Es ist komisch und doch wieder nicht, wenn man liest, wie die Mitglieder der kommunistischen Jugend auf hochalpinen Hütten mit Burschen vom Alpenverein aneinandergerieten.

Gesellschaft aufbrechen

Maimann zeichnet in einigen Kapiteln liebevolle Porträts bekannter und weniger bekannter Namen: eben von Robert Schindel, Toni Spira, der Wissenschafterin Marina Fischer-Kowalski und ihrer Mutter, der Revolutionärin Ruth von Mayenburg, vom Dichter Erich Fried, von den Musikern Edek Bartz und Arik Brauer. Auch Bruno Kreisky und sein "unverzeihlicher Fehltritt" (Maimann) in der Affäre Friedrich Peter – Simon Wiesenthal kommen vor.

Maimann schreibt: "Das Land, in dem wir aufgewachsen sind, hat uns weder Beachtung geschenkt noch Fesseln angelegt." Das ist zu pessimistisch. Die Kinder der Überlebenden haben das Ihre beigetragen, die österreichische Gesellschaft aufzubrechen. Was heute übrigens angesichts mancher Tendenzen wieder notwendig wäre. (Hans Rauscher, 8.9.2023)