Gabriele Münter
Starke Farben, starke Strukturen: Nach spätimpressionistischen Landschaftsbildern fand Gabriele Münter 1908 zu ihrem flächigen Malstil. Ikone der Ausstellung ist das Gemälde "Bildnis Marianne von Werefkin".
Foto: Bildrecht, Wien 2023

Sogar der Teppichboden erinnert an die Farben in Gabriele Münters Gemälden: kräftige Flächen aus Giftgrün, Mandarinenorange und Azurblau. Das damit ausgelegte Foyer im zweiten Untergeschoß des Leopold-Museums dient als passende Einstimmung auf die große Retrospektive der deutschen Malerin – erstmals wird ihr Werk in einem derartigen Ausmaß in Österreich gewürdigt.

Dass aktuell ein regelrechter Boom um die Expressionistin herrscht und sich internationale Einrichtungen um ihre Gemälde reißen, machte das Unterfangen nicht unbedingt einfach. Vor allem das Lenbachhaus musste für die zahlreichen Leihgaben gewonnen werden – der Münchner Institution hinterließ Münter zu ihrem 80. Geburtstag einen Großteil ihres Œuvres. Jetzt geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung.

Die Schau setzt die wichtige Tradition der Neubewertung des Werks Münters der letzten Jahrzehnte fort. Die 1877 in Berlin geborene Künstlerin stand trotz ihres Engagements als Mitgründerin der bedeutenden Gruppe "Der Blaue Reiter" sowie reger Ausstellungstätigkeit zu Lebzeiten lange im Schatten von Wassily Kandinsky. Der russische Avantgardekünstler war während ihres Studiums in München nicht nur ihr Lehrer, sondern wurde ihr langjähriger Partner.

Gabriele Münter
Gabriele Münter malte zahlreiche Landschaften, "Der blaue See" von 1954 zählt zu ihrem Spätwerk.
Foto: LENTOS Kunstmuseum Linz/Reinhard Haider © Bildrecht, Wien 2023

"Ich war in vieler Augen nur eine unnötige Beigabe zu Kandinsky. Daß eine Frau ein ursprüngliches, echtes Talent haben, ein schöpferischer Mensch sein kann, das wird gern vergessen. Eine allein stehende Frau – selbst von meiner Art – kann sich nie allein zur Geltung bringen. Andere ,Autoritäten‘ müssen für sie eintreten", schrieb Münter 1926 in ihr Tagebuch.

Bedeutendes Refugium

Die Ausstellung in Wien soll Münters Schaffen nun einem breiteren Publikum zugänglich machen. Zwar gilt sie im Kunstbetrieb mittlerweile längst als Ikone des deutschen Expressionismus. Irgendwann solle man aber nicht mehr den Namen Kandinsky erwähnen müssen, damit man wisse, wer Gabriele Münter ist, wünscht sich Kurator Ivan Ristić.

Insgesamt werden 130 Exponate ausgestellt – neben zahlreichen Gemälden sind Zeichnungen sowie frühe Fotografien von Münter zu sehen. Und anstatt diese thematisch nach Porträts, Landschaften oder Stillleben zu ordnen, wird anhand der chronologisch sortierten Werke das lange Leben der Künstlerin erzählt, die 1962 in ihrem Haus im deutschen Murnau starb. Diese Villa in Oberbayern hatte für Münter nicht nur als Rückzugsort, Alterssitz und Versteck von Werken Kandinskys sowie anderer Vertreter des Blauen Reiters während der NS-Zeit große Bedeutung, sondern auch für ihr künstlerisches Schaffen.

Gabriele Münter
Die "Sinnende" aus dem Jahr 1917 verbindet melancholisches Porträt und farbkräftiges Stillleben.
Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957 © Bildrecht, Wien 2023

Dort erlebte sie im Jahr 1908 einen bedeutenden Sprung vorwärts in ihrer Arbeit und entdeckte nach langer Stilsuche ihre künftige Sprache: Die pastosen, mit der Spachtel aufgetragenen spätimpressionistischen Landschaften wandelten sich zu klaren, starken und mit Pinsel gemalten Szenen.

Stilreich mit Struktur

Dass die Expressionistin nicht aus der Emotion heraus arbeitete, sondern sehr strukturiert, mag überraschen. Viele ihrer Schritte dokumentierte sie penibel, ihre charakteristische schwarze Konturlinie zog sie wie ein Gerüst um ihre Figuren und Gegenstände. Die kräftigen Farben scheinen darin geschützt – so wie im fauvistisch geprägten Bildnis Marianne von Werefkin, der Ikone der Ausstellung. Die kontrastreichen Gesichtsschattierungen der mit Münter befreundeten Kollegin driften ins Grünliche samt violetten Highlights. Den Körper der "pompösen Erscheinung", wie die Künstlerin sie beschrieb, formte Münter zum reduzierten Dreieck.

Gabriele Münter
Das Foto der Künstlerin auf der Vils-Brücke in Kallmünz im Jahr 1903 machte ihr langjähriger Partner Wassily Kandinsky.
Foto: Gabriele Münter- und Johannes Eichner Stiftung, München

Damals beschäftigte sich Münter mit der Technik der Hinterglasmalerei, für die sich auch der Maler Alexej von Jawlensky interessierte, der ebenfalls dem Blauen Reiter angehörte und einen wichtigen Einfluss auf Münter hatte. Die Zuneigung zum Volkstümlichen und Naiven zeigt sich in Münters Faible für Kinderzeichnungen.

Nach der Trennung von Kandinsky, unter der Münter lange Zeit zu leiden hatte, hielt sie sich in Stockholm und Kopenhagen auf, wo sie erste große Ausstellungserfolge feierte. Später zog sie wieder nach Deutschland, lebte in Berlin und schuf von der Industrialisierung und der neuen Sachlichkeit beeinflusste Arbeiten. Da sich ihre Werke Ende der 1930er-Jahre in keinen öffentlichen Sammlungen befunden hatten, wurde sie als eine der wenigen expressionistischen Vertreterinnen nicht als "entartete" Kunst verboten. In der großen Blaue-Reiter-Ausstellung 1949 war Münter nur als Zusatz dabei. Diese Zeiten sind längst vorbei. (Katharina Rustler, 20.10.2023)