Dorotheum Raffael
Die vom Dorotheum Raffael zugeschriebene Szene des Pferdes mit einem Reiter findet sich auch in einem Fresko im Vatikan.
Dorotheum

Glücksritter, die den Kunstmarkt auf verkannte Objekte durchforsten, müssen sich am Ende bisweilen mit etwas weniger zufrieden geben, als ihnen die einige Jährchen später zu einer Sensation inszenierte Wiederentdeckung hätte bescheren können. So geschehen im Dorotheum, wo Mittwochabend eine Studie von Raffaello Sanzio, genannt Raffael, zur Versteigerung kam, für die das Auktionshaus "mehr als eine Million Euro" erwartet hatte, wie man in einer Presseaussendung im September, in der man sich optimistisch gab, wissen ließ.

Stattdessen fiel der Hammer bei 260.000 Euro, inklusive Aufgeld liegt der Kaufpreis demnach "nur" bei 388.000 Euro. Ein passables Ergebnis – aber eben keine Sensation. Offiziell hatte sich der Schätzwert für das zweifelsfrei in das 16. Jahrhundert zu datierende Werk auf 400.000 bis 500.000 Euro belaufen: Die Skizze auf der Rückseite des Blattes dürfte von Polidoro da Caravaggio stammen, ein Künstler, der für das ursprünglich an Raffael vergebene Ausstattungsprojekt der päpstlichen Gemächer im Vatikan, der sogenannten Stanzen, rekrutiert worden war.

2015 für 1.875 Euro ersteigert

Für die monetären Erwartungen war allerdings die Vorderseite relevant, die im 20. Jahrhundert von Fachleuten auch schon Peter Paul Rubens (1940) und Polidoro da Caravaggio (1970, 2001) zugeschrieben worden war, wie in den Katalogangaben des Dorotheums nachzulesen ist. Sie zeigt die Darstellung eines Pferdes mit Reiter und passt zu einer Szene, die sich im Fresko der "Schlacht an der Milvischen Brücke" in der Sala di Constantino im Vatikan findet.

2015 kam die 22 mal 24 Zentimeter kleine Studie bei Christie's in Paris zur Versteigerung: Die Polidoro-Zuschreibung war im Katalog zwar in den Literaturangaben erwähnt, jedoch offenbar verworfen worden. Stattdessen katalogisierten die Christie's-Experten es als "italienische Schule des 16. Jahrhunderts", also als Arbeit eines nicht identifizierbaren Künstlers "nach Raphael". Der Schätzwert belief sich auf 2.000 bis 3.000 Euro. Der unbekannte Glücksritter erwarb es für 1.875 Euro (inkl. Aufgeld).

Weshalb "par RAPHAEL"?

Laut dem Dorotheum sei der Käufer jedoch "allmählich zu dem Schluss" gelangt, "dass die Rückseite zwar ein Werk Polidoros war, die Vorderseite jedoch Raffael zugeschrieben werden konnte". Ob und welche Rolle dabei die handschriftliche Bezeichnung "par RAPHAEL" („von RAPHAEL“) auf der Vorderseite spielte, ist unklar. Auf Nachfrage datiert das Dorotheum diese in das 19. Jahrhundert, mutmaßlich von einem der Vorbesitzer veranlasst.

Recherchen der Dorotheums-Experten sollten die Hoffnungen und Annahmen des Besitzers offenbar sukzessive bestätigten. Ausschlaggebend für die offizielle Zuschreibung der Vorderseite an Raffael und der Rückseite an Polidoro war jedoch die Bestätigung Paul Joannides', eines emeritierten Professors für Kunstgeschichte der Universität Cambridge, dessen Forschungsschwerpunkte in der Malerei, Skulptur und Zeichnungen der italienischen Renaissance liegen.

So richtig überzeugt dürfte die Fachwelt dennoch nicht sein. Anders erklärt es sich das überschaubare Interesse potenzieller Käufer nicht: Gerade einmal zwei Telefonbieter hatten die Mittwochabend um 200.000 Euro aufgerufene Studie im Visier. Bereits beim Stand von 260.000 Euro vermeldete der Auktionator "zum Dritten – verkauft". Abzüglich der Verkaufsprämie bleiben dem Glücksritter wohl knapp 200.000 Euro. (Olga Kronsteiner, 27.10.2023)