Wong Ping MAK
Wong Pings Kurzfilme bohren in den Wunden der Gesellschaft.
kunst-dokumentation.com

Mitten im Mak thront ein übergroßes Auge. Rundherum flimmern knallbunte Animationsfilme über vier Leinwände, zu sehen sind darin Bus fahrende Bäume, Küchenschaben oder ein Huhn in Polizistinnenmontur. Mithilfe von Tierfabeln erzählt der Videokünstler Wong Ping von gesellschaftlichen Problemen, politischen Unruhen und seinen Alltagsbeobachtungen in Hongkong.

Wong Ping hat keine Kunstakademie besucht. 2005 schließt er sein Studium zum Multimediadesigner ab, arbeitet anschließend bei einem Fernsehsender in Hongkong und später bei Cartoon Network. Nach mehreren Jahren in der Branche beginnt er am Arbeitsplatz mit der Software zu experimentieren und bastelt kurze, schrille Animationsvideos, die er ins Netz stellt. 2014 gründet er seine Marke Wong Ping Animation Lab und ist fortan nur noch im Kunstfilmbereich tätig. In seinen Arbeiten tappt er immer wieder an der Grenze zwischen Schock und Humor, Kinderfilm-Ästhetik trifft auf sexuell und politisch aufgeladene Sujets.

Der große Knall

Auch in seiner ersten österreichischen Personale tritt das Grenzgängertum des Künstlers zutage: Edging heißt seine jüngste Schau im Mak Contemporary, einem Ausstellungsraum, der erst kürzlich für zeitgenössische Kunst geschaffen wurde. Der Titel beschreibt das "Hinauszögern des Höhepunkts" und spielt nicht nur auf eine sexuelle Praktik an, sondern benennt auch Hongkongs brodelnde politische wie gesellschaftliche Lage. Wann kommt es dort zum großen Knall?

Die Themen seiner Filme scheinen dabei so gar nicht mit deren knallbunter Cartoon-Ästhetik zusammenzupassen: Unterdrückte Lust, unerfüllte Sehnsüchte, Dominanz und Unterwürfigkeit tarnen sich als poppige, kindliche Zeichentrickfilme. Jede Arbeit hat so viele Bedeutungsschichten, dass sich diese wohl nur durch mehrmaliges Schauen freilegen lassen.

Wong Ping MAK
Jinter der poppigen Fassade verstecken sich oftmals explizite Inhalte, hier etwa in "Who's the Daddy" aus 2017.
Wong Ping

Im Mak zu sehen sind Wong Ping’s Fables 1 (2018), Wong Ping’s Fables 2 (2019), Sorry for the Late Reply (2021) und Who’s the Daddy (2017), die in ihrem Animationsstil stark an den Look der 8-Bit-Videospiele aus Zeiten des frühen Internets erinnern. Die rund zehnminütigen Filme werden nacheinander abgespielt, Farbcodes leiten durch die kuratorische Reihung. Für die Sitzgelegenheit während des Schauens ist der Künstler selbst verantwortlich: Die turmähnliche Installation in der Raummitte ist Teil des Gesamtkunstwerks, aber auch zum Platznehmen gedacht.

Die vermeintlich humorige Bildsprache seiner Werke erlaubt dem Künstler so manch scharfzüngigen Kommentar, er verarbeitet politische Spannungen genauso wie Geschlechterfragen und einen Schwangerschaftsabbruch. Eine bunte Schau, die ästhetisch Spaß macht, und auch hintergründig spannend bleibt. Etwas Sitzfleisch ist dennoch gefragt: Ein Durchlauf dauert etwa eine Dreiviertelstunde. (Caroline Schluge, 3.11.2023)