In einem Kibbuz in Nordisrael nahe der Grenze zum Libanon werden Waffen an Zivilisten und Zivilistinnen verteilt.
In einem Kibbuz in Nordisrael nahe der Grenze zum Libanon werden Waffen an Zivilisten und Zivilistinnen verteilt.
EPA/AYAL MARGOLIN

Es ist ein sonniger Tag in Jerusalem, und Elisha hat Geburtstag. Der nunmehr 32-Jährige feiert ihn, indem er mit seiner Freundin Lareah einkaufen geht. Der Weg führt die beiden in ein Waffengeschäft im Zentrum Westjerusalems. Ein Revolver für ihn, vielleicht etwas Schwereres für sie: Zu Elishas Geburtstag beschenken sie sich mit Paketen voll subjektiver Sicherheit.

"Heute morgen habe ich meine Lizenz bekommen", freut sich Elisha. Drei Wochen hat es gedauert, von der Antragsstellung bis zum Waffenschein. Während Elisha auf den Schein wartete, gingen mehr als 150.000 neue Anträge beim Ministerium für Nationale Sicherheit ein, jeden Tag kommen rund 8000 weitere Anträge dazu. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2022 waren es 13.000 Anträge.

"Los, bewaffnet euch!", ruft der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir bei jeder Gelegenheit in die Kameras. Und Gelegenheiten bieten sich jetzt, einen Monat nach dem Horror des Schwarzen Samstags, genügend. Immer noch steht Israel unter Schock. Der gewaltige Grenzzaun zum Gazastreifen, der als unüberwindbar gegolten hat, bot keinen Schutz. Polizei und Armee waren zu spät da oder in der Minderzahl. Viele kommen daher zum selben Gedankenschluss wie Elisha: "Mit einer Waffe sind wir sicherer. Wir können uns viel freier bewegen."

Das Waffengeschäft, in dem die beiden in der Schlange stehen, ist halb leergekauft. "Die Leute wissen: Wenn eines Tages die Polizei nicht rechtzeitig kommen kann, weil sie zu beschäftigt ist, dann müssen sie sich selbst verteidigen können", sagt Gal Dado (Name geändert, Anm.), der im Laden als Verkäufer arbeitet. Mit Abstand die beliebteste Marke ist Glock. "Ein gutes Produkt aus Österreich", wie Dado erklärt. Rund 5000 Schekel (1200 Euro) müsse man dafür hinblättern, dazu kommen weitere 200 für Munition und Equipment. Diese Kosten schrecken kaum jemanden ab. "Die Nachfrage ist extrem hoch", sagt Dado, "so hoch, wie wir es noch nie gesehen haben." Frauen wie Lareah sind aber eine Minderheit, die meisten Kunden sind männlich.

Leichter an die Waffe

Der starke Andrang ist nicht nur eine Folge des 7. Oktober. Der Nachfrageschub ist politisch gesteuert. Ben-Gvirs Ministerium hat die Bedingungen für die Vergabe von Waffenlizenzen drastisch gelockert: Nun müssen Personen, die eine Lizenz beantragen, nicht mehr zur Polizei gehen, um den Antrag zu stellen und sich nach der Prüfung der formalen Kriterien einer persönlichen Befragung zu stellen. Den Antrag kann man per Internet stellen, die Befragung findet telefonisch statt – oder in vielen Fällen auch gar nicht, etwa wenn der Antragsteller aus einer der Gegenden nahe dem Gazastreifen kommt. "An jeder Straßenecke soll jemand mit Waffe stehen", formulierte Ben-Gvir sein Ziel.

Durch das Lockern der Bestimmungen sollen nach Berechnungen des Calcalist künftig rund 400.000 Israelis, die bisher nicht dazu befugt waren, eine Waffe tragen können.

Dass die erleichterte Vergabe von Waffenlizenzen so bald nach dem 7. Oktober im Parlament landete, liegt daran, dass Ben-Gvirs Ministerium den Gesetzesentwurf schon vor Monaten erstellt hat. Der 7. Oktober gab seinem Manöver den entscheidenden Drall.

Zwar gab es auch in der Regierung Stimmen, die die Gültigkeit der neuen Regeln auf ein Jahr begrenzen wollten. Nach massivem Druck aus Ben-Gvirs Partei kamen die Lockerungen ohne jede zeitliche Beschränkung ins Gesetz. Wer nun eine einfache Waffenlizenz trägt, hat künftig auch größere Auswahl beim Waffenkauf: Das neue Gesetz zieht die Grenze nicht mehr bei Waffen mit 50 Schuss, sondern setzt das Limit erst bei 100 Schuss.

Einheiten von Freiwilligen

Zusätzlich zu der privaten Aufrüstung baut auch Ben-Gvirs Ministerium neue Alarmtruppen auf, also Einheiten von Freiwilligen, die mit Sturmgewehren ausgestattet werden und die Polizeieinheiten in den Städten verstärken sollen. Rund 600 solcher Teams wurden laut Ministeriumsangaben bereits gebildet.

Die Schusswaffenflut in Israels Gesellschaft macht vor allem Kriminologen und Frauenorganisationen Sorge. Sie präsentierten dem Parlament Studien, die belegen, dass eine weite Verbreitung an Schusswaffen das Risiko von Frauen und Kindern, an häuslicher Gewalt zu sterben, drastisch erhöht. Während sich also immer mehr Männer mit Waffen eindecken und das mit dem Bedürfnis nach Sicherheit begründen, müssen Frauen in oder nach Gewaltbeziehungen angesichts der Waffenflut zunehmend um ihre Sicherheit fürchten: Ist eine Schusswaffe erst einmal im Haushalt, wird sie dort auch leichtfertiger genutzt.

Eine junge Frau und ein junger Mann in einem Geschäft.
Auch das Paar Elisha und Larea hat sich in einem Waffengeschäft eingedeckt.
Maria Sterkl

Im Norden wohnen auch Elisha und Lareah. Die Grenze zum Libanon ist von Kirjat Schmonah wenige Kilometer entfernt. "Als wir am 7. Oktober die Nachrichten aus dem Süden sahen, war ich in Panik", sagt Lareah. "Es war klar, dass das auch im Norden passieren kann." Nun steht die Stadt unter Beschuss der Hisbollah, das Paar harrt in Jerusalem aus. Aber nicht mehr lange. "In ein paar Wochen wollen wir zurück in den Norden", sagt Elisha. Mit zwei Waffen im Gepäck. "Dann können wir die ganze Nachbarschaft bewachen." (Maria Sterkl aus Jerusalem, 6.11.2023)