Bereits zu Wochenbeginn hat die israelische Armee bekanntgegeben, dass die Hauptstadt des Gazastreifens umzingelt sei. In der nächsten Phase, die nun begann, haben die IDF (Israel Defense Forces) eigenen Angaben zufolge damit begonnen, das verzweigte Tunnelsystem der Hamas systematisch zu erschließen und dann zu zerstören. Dies war bisher – wenn überhaupt – nur von israelischem Gebiet aus möglich.

Gaza Tunnel
Gaza Tunnel
Einer der zahlreichen Tunnel der Hamas (Archivbild von 2012).
Patrick BAZ / AFP

IDF-Spezialeinheiten setzen nunmehr Sprengsätze und Spezialwaffen ("sponge bombs") ein, um das sich über hunderte Kilometer unter dem Gazastreifen erstreckende Tunnelnetz unzugänglich zu machen, erläuterte Militärsprecher Daniel Hagari. Im Zuge dieser Operationen sei Mahsein Abu Zina, ein weiterer Hamas-Chef und maßgeblicher Waffenentwickler der Terrororganisation, getötet worden.

Abu Zina war den israelischen Geheimdiensten als Experte für die Entwicklung von Raketen bekannt, wie sie in den vergangenen Jahren vielfach von palästinensischem Gebiet auf Israel abgefeuert wurden.

Israels Verteidigungsminister Yoav Gallant betonte bei einem seiner dieser Tage zahlreichen Medienauftritte: "Israel hat ein Ziel: die Hamas-Terroristen in Gaza, ihre Infrastruktur, ihre Kommandanten, Bunker und Kommunikationsräume." Und da Letztere aus guten Gründen zumeist unterirdisch angelegt wurden, verlagere sich nun das Kampfgeschehen sukzessive in das Tunnelsystem.

Hunderte Kilometer

Dieses Röhrensystem im Grenzgebiet zu Ägypten und Israel entstand ab Mitte der 1990er-Jahre und ist angesichts der eher geringen Fläche des Gazastreifens (365 Quadratkilometer, Wien hat rund 414 Quadratkilometer) in seiner Gesamtheit beeindruckend lang, nämlich etliche Hundert Kilometer.

Heute sollen es mehr als 1000 Röhren sein, teils deutlich länger als einen Kilometer; manche verzweigt und auch miteinander verbunden, oft in mehreren Etagen untereinander; manche nur so groß, dass sich ein Mensch kriechend fortbewegen kann; manche wiederum so großzügig angelegt und mit Stahlbeton gesichert, dass darin sogar Lkws Platz haben.

Das Tunnelsystem, das im israelischen Militärjargon "Metro" genannt wird, dient der Hamas eigenen Angaben zufolge als Schmuggelroute aus dem Ausland zur Versorgung der weitestgehend isolierten palästinensischen Millionenbevölkerung mit Nahrungsmitteln, Medikamenten, Kleidung, Alltagsgegenständen, Elektro- und Elektronikwaren und Baustoffen.

Israel sieht in dem Tunnelsystem naturgemäß andere Zwecke für die Hamas: Transport von Waffen, Verlegung von Kampfverbänden, Schmuggel von in Ägypten oder Israel gesuchten Personen. Als Beleg für diese Thesen verweist Israel regelmäßig auf die große Zahl an Raketen, die in den vergangenen Jahren auf das Land abgefeuert wurden. Auch wenn diese im Gazastreifen lokal zusammengebaut würden: Bei den verwendeten Materialien handle es sich mit Sicherheit zum Großteil um Schmuggelware.

Bereits im Gazakrieg 2008/09 konnte die israelische Armee zahlreiche Tunnel zerstören – aber bei weitem nicht alle. Schon nach kurzer Zeit soll Medienberichten zufolge der Waren- und Menschenverkehr wieder im großen Stil aufgenommen worden sein.

Für die Zerstörung der Anlagen im Jahr 2023 setzt die israelische Armee moderne Bodensonden ein, um diese aufspüren zu können – schließlich sind ihre Ein- und Ausgänge meist sehr gut getarnt. Eliteeinheiten wie Jahalom (Diamant), Samur (Wiesel) und Sayfan (Gladiole) sind auf die Lokalisierung und Zerstörung von Tunnelsystemen sowie auf den Kampf in unterirdischen Militäreinrichtungen spezialisiert. Ihre Ausstattung und Methoden sind, wenig verwunderlich, geheim.

Entführungen, Überfälle

Schon 2006 spielte das Tunnelsystem zwischen dem Gazastreifen und Israel eine wichtige Rolle im Nahostkonflikt: Damals gelangten Hamas-Terroristen so auf israelisches Territorium und konnten den Soldaten Gilad Shalit entführen – er kam erst 2011 im Zuge eines Gefangenenaustauschs wieder frei.

Auch im Zusammenhang mit dem Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 spielten solche Tunnel eine Rolle: Manche reichten bis in die unmittelbare Nähe von Kibuzzim. Deren Bewohnerinnen und Bewohner hatten oft keine Chance, rechtzeitig auf die Überfälle zu reagieren. (Gianluca Wallisch, 9.11.2023)