Traurige Salzburger.
Salzburg wurde in der Champions League für zu leicht befunden.
AFP/KERSTIN JOENSSON

Salzburg – Red Bull Salzburg im Europacup-Frühling, das hat sich schon wie eine Selbstverständlichkeit angefühlt. Erstmals seit 2016 verpassen die Bullen nach dem Last-Minute-1:3 gegen Benfica Lissabon und dem damit verbundenen Gruppenplatz vier in der Champions League das internationale Überwintern. Die letzte Partie offenbarte einige Gründe, warum es in dieser Saison nicht zu mehr gereicht hat.

Verletzungen

Eine Auswahl der Salzburger, die im Herbst verletzt CL-Partien verpassten, hätte mindestens in der Europa League ein Leiberl. Gegen Benfica fiel Kapitän Andreas Ulmer erkrankt aus, so musste Amar Dedic links aushelfen, dessen Ersatzmann Samson Baidoo ist gelernter Innenverteidiger. Rechts in der Viererkette brauchte der ÖFB-Teamkicker verständlicherweise Zeit, bis er in eine stabile Seitenlage fand; Dedic wiederum konnte seine Qualität links nicht voll ausspielen.

Die Stürmer haben das Lazarett mittlerweile verlassen, doch den zwei für den aktuellen Erfolg wichtigsten hängen ihre Pausen immer noch nach: Bei Fernando und Sekou Koita reichte es nicht einmal für eine Halbzeit. Das schmerzte, denn …

Den Ersatzstürmern fehlt das Niveau

Petar Ratkov und Nene Dorgeles bekamen auch gegen Benfica wieder eine Startelf-Chance, hinterließen aber nur Sehnsucht nach den Kalibern der Vergangenheit. Der Serbe brachte sich zwar öfters in Schussposition, hatte am Zielwasser aber nicht einmal genippt. Nene traf nicht nur bei seinem viel zu frühen Schuss in der 44. Minute eine rätselhafte Entscheidung.

Groß vorzuwerfen ist dem 20-jährigen Duo das alles nicht, der Auftrag für die laufende Saison war eher Ergänzungsspieler als Champions-League-Heilsbringer. Programmgemäß hätte Karim Konaté einer der Stars werden müssen, der 19-Jährige hatte schon in der Vorsaison mehr als nur Lichtblitze gezeigt. Stagnation wäre für die derzeitigen Leistungen des Ivorers noch ein Euphemismus, gegen Benfica kam er als einziger der sechs im Kader befindlichen Stürmer nicht zum Einsatz.

Auch der gegen Benfica erst nach dem 1:3 eingewechselte Roko Simic hatte sich in den bisherigen CL-Partien zwar als braver Arbeiter, aber nicht als eiskalter Goalgetter erwiesen. Vier Tore in sechs Gruppenspielen zeigen, wie es im Herbst um Salzburgs Abteilung Offensive bestellt war.

Schwierige Gruppe, fehlende Leistung

"Es war eine sehr starke Gruppe", sagte Benficas Trainer Roger Schmidt, vor elf Jahren so etwas wie der Geburtshelfer der Salzburger Powerfußball-Ära. Das bärenstarke Real Sociedad aus Topf vier war ein Griff in die Fritteuse, Vorjahresfinalist Inter spricht für sich, und Benfica erfing sich nach einer Schwächephase. "Wir brauchen uns auf keinen Fall schämen", resümierte Schlager.

Gegen Inter waren viel Pech und fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen dabei, doch nach 540 Spielminuten muss man Hättiwaris beiseitelegen und nüchtern sagen: Salzburg war in der Gruppe D die schwächste Fußballmannschaft. Dass es am letzten Spieltag überhaupt noch so lange spannend war, lag einzig am glücklichen Verlauf des Auswärtsspiels in Lissabon. Damals waren die Bullen nach einer Viertelstunde in Überzahl und dank des herkunftsverwandten Elfers 1:0 in Führung – mit dem Wissen der folgenden drei Monate bitter, dass die Überzahl damals nicht in mehr als ein 2:0 umgemünzt wurde.

Auch Struber selbst heuchelte keine übermäßige Zufriedenheit mit den Leistungen im Herbst, die Bundesliga eingeschlossen. Bei seinem unvermittelten Amtsantritt war Spektakel geplant, davon blieb wenig übrig. "Wir wollen schon auch versuchen, den Ton klarer anzugeben, als es in den letzten Wochen der Fall war", sagte der Kuchler. Er erhofft sich von mehr Trainingszeit mit einem fitten Kader Besserung.

Fehlender Unterschiedmacher

Man kann nicht jedes Jahr einen Erling Haaland aus dem Mittelbudget-Transfermarkt pressen, das ist klar. Doch auch gegen Benfica fehlte Salzburg ein echter Unterschiedsspieler, wie ihn die Portugiesen mit Angel di Maria hatten. "Er war auf einem besonderen Niveau", sagte Struber. "Er hat uns zu oft vor Probleme gestellt und herummanövriert." Roger Schmidt musste Derartiges über keinen Salzburger sagen.

Im Herbst war Oscar Gloukh meist der auffälligste Bulle, am Dienstagabend hatte er eine Halbzeit lang viele gute Ideen, wurde von seinen Kollegen aber immer wieder im Stich gelassen. Erschöpfungsbedingt verlor er schon lange vor seiner Auswechslung in der 81. Minute den Zugriff. Auch der anfangs in vielen Aktionen überragende Strahinja Pavlovic leistete sich vor dem 1:2 ein Blackout und ließ sich beim entscheidenden Tor wie die ganze Abwehr überlisten. Der vermeintliche Star Konaté wurde bereits erwähnt.

Am ehesten herausragend war wie so oft in der Königsklasse Alexander Schlager. Der 27-Jährige biss wieder einige Bälle heraus, von denen einem minderen Goalmann wohl einer durchgerutscht wäre. Das 0:1 schaute zwar patschert aus, wirklich vorzuwerfen war Schlager das Tor aber nicht. "Es war fantastisch, wie er antizipiert und große Chancen entschärft hat", sagte auch Benfica-Trainer Schmidt.

Erfahrung

Mag sein, dass der STANDARD-Salzburg-Redakteur Ihres Vertrauens irgendwann in den kommenden Jahren eine Analyse einzig aus zusammenkopierten Absätzen der Vorjahre bestreitet, so repetitiv ist ein Motiv des Wundenleckens: Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung. 21-Jährige werden verkauft, 19-Jährige kommen nach, das ist das ewige Ringelspiel des Serienmeisters.

"Wir müssen immer 90 Minuten im Kopf bereit sein, das fehlt uns als junger Truppe noch", sagte Torschütze Sucic. Struber nannte die CL einen "Entwicklungsturbo in allen Bereichen, um als Spieler zu reifen, um Erfahrung zu machen, um die Lernkurve nach oben zu treiben". Angesichts des fehlenden Europacup-Lockmittels drohen Abgänge im Winter, Oumar Solets Wechsel zur AS Roma ist laut Medienberichten quasi fix, auch an Gloukh und Koita soll es Interesse geben.

"Es gibt natürlich Jungs, die einen gewissen Markt haben, wo auch Anfragen da sind, das ist nichts Neues. Dennoch ist meine Erwartungshaltung, dass wir so beieinanderbleiben und aus dem Vollen schöpfen können", sagte Struber. Sollte das passieren, könnte es mangels Dreifachbelastungen gar zu wenige Partien für die vielen spielwilligen Kicker geben. Die Verletzungsseuche kann sich in dieser Intensität kaum fortsetzen, im Herbst haben unzählige Spieler Startelfluft geschnuppert. Auch aus dieser Perspektive ist kaum auszuschließen, dass einige Spieler verkauft oder verliehen werden. (Martin Schauhuber, 13.12.2023)