Zverev hat gut lachen.
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Melbourne – Alexander Zverev hat bei den Australian Open die großen Träume von Tennis-Jungstar Carlos Alcaraz jäh platzen lassen. Der als Nummer sechs gesetzte Deutsche besiegte den spanischen Weltranglisten-Zweiten in 3:05 Stunden mit 6:1,6:3,6:7(2),6:4 und verhinderte damit ein Halbfinale der Top 4 in Melbourne. Zverev trifft nun auf den Russen Daniil Medwedew, der beim 7:6(4),2:6,6:3,5:7,6:4 gegen den Polen Hubert Hurkacz erneut über fünf Sätze musste.

Durch die Niederlage von Alcaraz ist das Rennen um die Nummer eins nach dem ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres entschieden. Selbst wenn Spitzenreiter Novak Djokovic im Halbfinale gegen Janik Sinner verliert und Medwedew den Titel holt, bleibt der Serbe am Thron.

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Zverev war schon beim Stand von 6:1,6:3,5:3 nur zwei Punkte vom Sieg entfernt gewesen, ehe sich Alcaraz nach Mitternacht in Melbourne noch einmal aufbäumte und das Tiebreak gewann. Den vierten Satz entschied dann aber doch Zverev für sich. "Ich habe gegen einen der besten Spieler der Welt gespielt. Wenn du so kurz vor dem Sieg stehst, fängst du an zu denken. Ich denke, das ist menschlich", schilderte Zverev.

Alcaraz war mit seinem "Level" an diesem Tag unzufrieden, verabschiedete sich aber erhobenen Hauptes. "Im Allgemeinen habe ich ein ziemlich gutes Turnier gespielt", meinte der 20-Jährige. Ein Grand-Slam-Viertelfinale sei gut. "Es ist nicht das, was ich mir erhofft habe, aber es ist nicht schlecht."

Zverev leer

Völlig ausgepumpt humpelte Zverev gegen halb zwei Uhr Ortszeit aus der Rod Laver Arena. "Ich muss mich jetzt erst einmal um meinen Körper kümmern", sagte der Olympiasieger. "Ich habe diese ganz fiesen Blutblasen unter den Zehennägeln. Heute ist es am schlimmsten." Er habe aber lieber ein paar Schmerzen, als dass er schmerzfrei zu Hause auf dem Sofa sitze, relativierte der 26-Jährige den körperlichen Zoll.

Sein Landsmann Boris Becker war von der Vorstellung von Zverev jedenfalls hellauf begeistert. "Das war eine sagenhafte Leistung. Er hat auch die Nerven behalten", lobte die deutsche Tennis-Legende. "In der Form kannst du das Turnier gewinnen", sagte Becker zu Zverev.

Medwedew muss kämpfen, aber bleibt im Turnier.
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Zverevs nächster Gegner war nach einem Fünfsatz-Thriller gegen Hurkacz nicht minder ausgelaugt. Es war schon Medwedews zweiter dieser Art im Turnierverlauf. "Ich bin völlig am Ende. Nicht, dass mir im zweiten Satz schon das Benzin ausgegangen wäre, aber ich war schon da ziemlich müde. Im vierten konnte ich mich kaum mehr konzentrieren. Ich habe mich schon damit abgefunden, dass ich nach dem Match wohl nach Hause gehe und machte einfach, was möglich war. Irgendwie habe ich es geschafft", war Medwedew nach seinem 100. Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier erleichtert.

Bereits zuvor hatte sich im Frauen-Turnier die ukrainische Qualifikantin Dajana Jastremska für das Halbfinale qualifiziert. Die 23-Jährige setzte sich gegen die ebenfalls überraschend im Viertelfinale stehende, 19-jährige Tschechin Linda Noskova mit 6:3,6:4 durch. Jastremska steht als erste Qualifikantin seit 46 Jahren im Halbfinale "down under". Sie verwandelte in der Rod Laver Arena nach 1:19 Stunden ihren ersten Matchball und machte ihren bisher größten Erfolg perfekt.

Geschichte schreiben

Im Halbfinale trifft Jastremska am Donnerstag auf Zheng Qinwen aus China, die Anna Kalinskaja (RUS) 6:7(4),6:3,6:1 bezwang. Das andere Halbfinale bestreiten Titelverteidigerin Aryna Sabalenka aus Belarus und US-Open-Champion Coco Gauff aus den USA.

"Es ist schön, Geschichte zu schreiben. 1978 war ich noch nicht einmal geboren", sagte Jastremska nach ihrer souveränen Leistung. "Es hat sich gar nicht so angefühlt, dass ich richtig gut gespielt habe. Aber ich bin überglücklich, dass ich im Halbfinale stehe." Jastremska widmete ihren überraschenden Siegeszug ihren vom russischen Angriffskrieg gebeutelten Landsleuten. "Ich bin stolz auf unsere Kämpfer in der Ukraine", schrieb Jastremska nach der Partie auf die Linse der Fernsehkamera. Im Tennis ist es üblich, dass die Sieger nach dem Spiel Botschaften auf die Kameras schreiben.

"Sie verdienen wirklich unseren Respekt. Ich versuche immer, etwas über die Ukraine zu schreiben", sagte Jastremska. "Ich denke, das ist meine Mission hier. Ich will einfach ein Signal an die Menschen in der Ukraine senden, dass ich wirklich stolz auf unser Land bin." Auch andere ukrainische Spielerinnen wie Marta Kostjuk oder Elina Switolina hatten ihre Erfolge in Melbourne dazu genutzt, auf die nach wie vor schwierige Situation in der Heimat hinzuweisen. "Der Krieg läuft immer noch. Es sterben immer noch Menschen", hatte Kostjuk zum Beispiel gesagt. (APA, 24.1.2024)