Füchsl Bäume Experimentelle Literatur
Wider die Unterwürfigkeit der "Musteruntertanen": Die Dichterin Franziska Füchsl schaut genau hin, hier bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2023.
APA/dpa/Jan Woitas

Bertolt Brecht beklagte einmal im Gedicht eine Zeit, "wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen" gewesen sein soll. Hinter so viel botanischer Zurückhaltung verbarg sich ein Gefühl des Ungenügens: "Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!"

Über Untaten, die Bäume betreffen, weiß die deutlich nachgeborene Erzählerin Franziska Füchsl, Jahrgang 1991, weitaus Genaueres zu berichten. Ihr furioser Erzählband Die Straßen sind sichtbar gehört zur Gattung der beschreibenden Literatur. Diese hat, noch ehe sie dazu kommt, Dinge gezielt zu verschweigen, mit der Erkundung der engsten Umgebung vollauf zu tun.

In Füchsls vor Nervosität vibrierender Prosa findet die Thomas-Bernhard-Sottise gegen Peter Handkes Poesie ihre sinnfälligste Bestätigung: "Bis da einer bei der Haustür draußen ist und beim Gartentürl, sind schon 60 Seiten weg."

Bei Füchsl mögen es sogar 80 Seiten sein, oder gefühlt alle 270. Von der "Begrünung" zur "Begründung" ist es bei dieser Autorin eben nur ein weiches "d". Vor lauter solchen Fehlschreibungen strotzt die Füchsl-Suada. Sie nimmt sich, im lockeren Modus des Flanierens, die Wirklichkeit gehörig zur Brust. Genauer: Sie nimmt die Bilder, die wir uns nach Maßgabe der uns eingepflanzten Vorurteile von der Wirklichkeit machen, beim Wortsinn.

Umschrift der Welt

Mitunter hat es den Anschein, als gewänne Füchsls Umschrift der Welt über Letztere die Oberhand. Jungbäume werden straßenseitig gesetzt. Stämmchen werden an Holzstäbe gelehnt, deren jeder das Beispiel eines "Musteruntertans" abgibt. Irgendwann, schreibt Füchsl, liege jede Setzung so lange zurück, bis sich niemand mehr an den Setzer erinnert. So wie man bei ihr kaum zu entscheiden weiß, wo die eine Erzählung aufhört und die nächste beginnt.

Anlagen entstehen. Sie drücken die "Zaun- und Sicherungsfantasien" einer zu Klumpen erstarrten, steril eingerichteten Welt aus. Franziska Füchsl rüttelt nicht an den Gitterstäben unserer Wirklichkeit. Eher schon schlüpft sie geschmeidig zwischen den Begriffen hindurch. Biegt die Sprache oder lockert die Wörter wie Zähne. Die Wirklichkeit leidet an Knochenschwund. "Der Spielraum", der so entsteht, schreibt Füchsl, "ist auch ein schmaler Grat, der genug Ungenauigkeit erlaubt."

Doch was erlaubt sich diese wunderbare Autorin eigentlich? Franziska Füchsl ist Morgenstern-Preisträgerin 2023. Ihr Leben wie ihr Schreiben gravitieren deutlich in die schöne Steiermark. Nicht nur, weil die Dichterin bereits 2016 in den manuskripten eine publizistische Jurte zum Unterschlüpfen gefunden hat.

Über die Strecke dreier Bücher betreibt Füchsl bereits ihr Geschäft der Verballhornung. Die gebürtige Oberösterreicherin ist die Tochter eines Maschinenbauers. Sie partizipiert an einem "Versatorium", kooperiert mit bildenden Künstlerinnen und bastelt mit diesen aktuell an einem Pinocchio-Projekt. Die Nase dieser Puppe aus sprachlicher Fertigung kann man sich gar nicht lang genug denken.

Stoff für Erdkundler

In der Zwischenzeit haben die Leserinnen und Leser mit einem Band wie Die Straßen sind sichtbar genügend Material zum Erkunden: Stoff für allfällige Erdkundler. Die Rede ist – meist in der ersten Person – von Menschen, die ihren Platz auf der Welt erst mühsam ausfindig machen.

Füchsls Mitgefühl gilt allen Mühseligen, den bis obenhin mit Sprache Beladenen: deren Pakete nicht rechtzeitig ankommen, die ihre Kinder – so es sie überhaupt gibt – gar niemals kennenlernen. Gefahndet wird nach einer "Geschützabwerferin". Gemeint ist damit keine Kriegerin nach Vorbild von Karl Kraus' "Oberbombenwerfer". Gesucht wird nach jemandem, der sich aus freien Stücken aus allen Verkrustungen von Sprache löst.

Erst dann würde vor lauter Bäumen der Wald wieder sichtbar. Ein Gespräch über Bäume wäre wieder die reine Wohltat. (Ronald Pohl, 30.1.2024)