Parfums können unterschiedlichste Assoziationen erwecken. Manche wirken belebend-frisch, suggerieren Sauberkeit oder schaffen eine mysteriöse Aura. Dann gibt’s da aber auch noch eine ganz besondere Art von Düften. Sie legen sich wie eine kuschelige Decke auf den Körper und vermitteln ein wohliges Gefühl von Geborgenheit. Angesichts der tristen Weltlage kommt so ein olfaktorisches "Beruhigungsmittel" gerade recht.

Getty Images

Aber welches Aroma schafft sofortiges Wohlbefinden per Sprühstoß? – Ein cremiger Rosenduft, wenn es nach Johannes Frasnelli geht. Der Neurowissenschafter, der in Südtirol aufwuchs und heute in Kanada lebt, denkt dabei sofort an die Handcreme seiner Großmutter. Die positiven Erinnerungen an die Oma bewirken ein Gefühl der Geborgenheit. "Im Gegensatz zu anderen Sinneswahrnehmungen werden Riechreize in jenen Regionen des Gehirns verarbeitet, die auch für Erinnerungen und Emotionen zuständig sind", erklärt Frasnelli. Das bedeutet, Riechreize können uns in emotionale Momente zurückversetzen. Welche dies vermögen, sei individuell. Bedeutet das also, dass jeder Mensch seine eigene olfaktorische Kuscheldecke suchen muss? Oder gibt es auch objektiv gesehen Aromen, die Geborgenheit vermitteln?

Oxytocin, das Kuschelhormon

Beim Besuch des Nischenduft-Labels Wiener Blut erzählt Gründer Alexander Lauber, es gäbe Studien, wonach Sandelholzduft die Ausschüttung des sogenannten Kuschelhormons Oxytocin fördere. Natürliches Sandelholz kommt in seinem Parfum "Freudian Wood" zum Einsatz. In Sigmund Freuds Traum­deutung symbolisiere Holz die weibliche Brust, die leicht cremig-milchigen Sandelholznoten unterstützen die Assoziation zum ultimativen Gefühl der Geborgenheit, dem Gestilltwerden. Ein Vorgang, bei dem auch Oxytocin ausgeschüttet wird.

Laut Wissenschafter Johannes Frasnelli ist es unwahrscheinlich, dass Düfte oder Pheromone eine direkte und spezifische Wirkung ausüben, sehr wohl aber über Assoziationen Einfluss auf den Hormonhaushalt nehmen können. In einer Forschung an der Université du Québec à Trois-Rivières konnte er feststellen, dass künstliche Sandelholzaromen bei weiblichen Probanden Gehirnregionen aktivieren, die den Hormonhaushalt kontrollieren. Andere Studie zeigten, dass solche Gerüche zu erhöhtem Cortisolspiegel führen. Das im westlichen Kulturkreis männlich assoziierte Sandelholzaroma erzeugte bei Frauen in der Testgruppe also Stress. "Das spricht gegen die These mit dem Oxitocin", sagt Frasnelli.

Wärmerezeptoren

Für Alexander Lauber von Wiener Blut suggerieren vor allem auch "wärmende" Duftnoten ein Gefühl von Geborgenheit. Ambrette­samen­öl, Cumin und Moschus führt er hierzu an. Starparfümeur Jean-Claude-Ellena sieht das ähnlich. Für seine neueste Kreation für die Editions de Parfums Frédéric Malle hat er "warme Gewürze" wie Piment, Nelke, Ambrette- und Karottensamen zusammengeführt. "Heaven Can Wait" soll "die Intimität privater Räume evozieren", so Ellena und Malle.

Dass Geborgenheit mit Wärme zu tun hat, erscheint auch für Johannes Frasnelli naheliegend – zumindest in europäischen Gefilden: "Die Körpertemperatur liegt bei 37 Grad, die der Umgebung meist darunter. Darum war es für den Menschen immer wichtiger, Wärme zu erfahren, als gekühlt zu werden." Dass dies auch durch Düfte funktioniert, sei nicht nur ein subjektives Gefühl. Manche Duftmoleküle sprächen tatsächlich die Wärmerezeptoren in der Nase an, erklärt Frasnelli. Dazu zählen Zimtaldehyd, das im Zimt enthalten ist, oder Benzaldehyd in Mandeln.

"Gewürze wie Zimt oder Nelken, die bei uns vor allem mit Weihnachten verbunden werden, können auch Geborgenheit vermitteln", sagt Frasnelli. "Vorausgesetzt, man habe positive Erinnerungen an das Fest." Auch hier sei die kulturelle Komponente zu beachten: "In Skandinavien etwa ist nicht Zimt das Weihnachtsgewürz schlechthin, sondern Safran."

Eine besondere Rolle unter den Gewürzen nimmt laut Johannes Frasnelli Vanille ein. Sie sei sehr sanft und werde im westlichen Kulturkreis gerne bei Lebensmitteln für Kinder eingesetzt. Eine Zeitlang sei Vanille auch der Formelmilch beigemengt worden, mit denen damals viele Säuglingen anstelle von Muttermilch gefüttert wurden. Im Erwachsenenalter hätten einige von ihnen an einer Studie teilgenommen. Die Aufgabe sei gewesen, den Geschmack von unterschiedlichen Ketchup-Proben zu beurteilen. Am besten, sagt Frasnelli, schnitten jene ab, deren Rezept auch Vanille beinhaltete. Mittlerweile sei die Formelmilch nicht mehr damit versetzt.

Doch ein Blick in die Regale der Parfümerien zeigt: In Sachen Parfums kommt Vanille oft zum Einsatz. Ob das aber Geborgenheit bedeutet, bleibt Geschmacksfrage. (RONDO, Michaels Steingruber, 11.02.2024)