Was es für den Besuch des Grazer Bauernbundballs braucht? Lederhose, Dirndl sowie originelle Kopfbedeckungen.
Heribert Corn

Manchmal ist es gut, die Lederhosen gleich zu Beginn runterzulassen. Ich bin Steirer. Dafür kann ich nichts. Dafür, dass ich schon über die Hälfte meines Lebens in Wien lebe, aber schon. Trotzdem fließt in meinen Adern noch immer Kernöl und Schilcher in ausreichenden Mengen. An einem Verhackertbrot, zubetoniert mit Zwiebelringen, kann ich nicht grußlos vorbeigehen. Erzähl ich von Dritten, nenn ich zuerst den Nachnamen und dann den Vornamen. Gedichte vom Rosegger Peter lassen mich in einer Mischung aus Faszination und Fassungslosigkeit zurück. Und drängt sich aus dem Nichts der aromatische, harzige Duft der Zirbe in meine Nase, gibt's einen Proust-Effekt, dass mir ganz schwummrig wird.

Schwummrig wird einem auch am Bauernbundball in Graz. Er findet heuer zum 73. Mal statt – und er ist, so wird behauptet, Europas größte Ballveranstaltung. Mögen Bauern quer über den Kontinent mit Traktor, Heuballen und Mistgabeln demonstrieren – in Graz, dieser lieblich großen Stadt, hart am Atlasband der Mur, wird getanzt! Und zwar mit 16.000 Besucherinnen und Besuchern. "Wir haben beim Guinness-Buch der Rekorde angefragt", verkündete Bauernbunddirektor Tonner Franz im Vorfeld. In der Steiermark setzt man halt auch beim Marketing gerne mal auf Traditionelles. Oder auf Kalauer, die Schuhplattler unter den Witzen. Dementsprechend heißt das Motto des Balls am Grazer Messegelände "Alles im (Kern)Öl!" Warum? "Wir wollen einerseits das steirische Gold Kernöl vor den Vorhang holen und andererseits einen lustigen Titel finden, der zum Feiern einlädt", so Tonner.

Politprominenz: Landeshauptmann Christopher Drexler, Bundeskanzler Karl Nehammer und Staatssekretärin Claudia Plakolm.
Heribert Corn

Das kann manchmal auch ein bisschen schiefgehen. "Bock auf Schaf anbraten?" gab man etwa im Vorjahr als Losung am Messegelände aus und wollte halt einmal Böcke und Schafe vor den Vorhang holen. Das regte ein bisschen auf, kratzte aber dann auch wieder niemanden. Schließlich sind Steirer geborene Sterzbolde und wissen: Nur auf Polenta rennt er, der Schmäh. Und zwar so, dass man gleich Vorschläge fürs nächste Jahr einbringen möchte. "Spock auf Vulcano-Schinken?", "Heiße (Käfer)Bohnen oben ohne", "Ob lang oder kurz, Hauptsache Steirer(Kren)Wurz", "Apfelsaft gibt Leibeskraft!", "Mais, Mais, Baby!"

Im Kernölrausch

Aber das ist Zukunftsmusik. Die Gegenwart ist voll auf Kernölrausch gebürstet. Und ein bisschen auf Krawall. Vor dem Messegelände demonstriert nämlich der Verein Gegen Tierfabriken (VGT) gegen Vollspaltenböden. Damit die Demonstrierenden mit ihrem Protest nicht zu nahe an den Toren des Messegeländes scharren, hat der Bauernbund Stände aufgebaut. Quasi als Gegendemo zur Gegendemo, die von Ball-Aufbauarbeitern, manche noch in Montur, besetzt sind.

Vor dem Messegelände demonstriert der Verein gegen Tierfabriken (VGT) gegen Vollspaltenböden.
Vor dem Messegelände demonstriert der Verein gegen Tierfabriken (VGT) gegen Vollspaltenböden.
Heribert Corn

"Wir bleiben so lange, bis die anderen gehen", gibt einer der Aufbauarbeiter Einblick in seine Abendgestaltung und erzählt ein bisschen über Vorlaufzeit zum Ballereignis und die fordernde Logistik dahinter. 90 Kilometer Kabel, 3.500 Scheinwerfer und sieben Bühnen schaffen sich ja nicht von alleine auf das 40.000 Quadratmeter (auf Ackerfläche umgerechnet vier Hektar) große Areal. Drinnen entert gegen 20:15 Uhr dann die Letzte Generation die Bühne und kann eine Ballparole verkünden: "Hört auf den Klimarat!" Zwei Aktivisten und eine Aktivistin, ganz dem Dresscode Tracht folgend, wurden relativ zügig weggezerrt. Danach war der Weg frei für Politprominenz und Ehrengäste.

Willi Gabalier hat mit Schülerinnen und Schülern aus 20 landwirtschaftlichen Fachschulen den Eröffnungstanz einstudiert.
Willi Gabalier hat mit Schülerinnen und Schülern aus 20 landwirtschaftlichen Fachschulen den Eröffnungstanz einstudiert.
Heribert Corn
Ja, es regnete Konfetti.
Heribert Corn

"Bandbreite der österreichischen Kultur"

Als Thema auf der Bühne präsent: Kernöl, das schwarze Gold der Steiermark wie man so sagt. Der Steidl Dorian, einst moderierte er im ORF die Gruselquizshow "Bingo", geht dann sogar so weit, dass er den Bundeskanzler Nehammer Karl fragt, wie er denn Kernöl am liebsten verspeist? "Die Kombination macht es aus. Mit Erdäpfeln, aber auch auf der Eierspeis", so der Gourmettipp vom Kanzler, der am Vortag noch am Opernball war und mit der Veranstaltung heute die ganze Bandbreite der österreichischen Kultur mitbekommen hat, wie er sagt. Gemeinsam mit dem steirischen Landeshauptmann Drexler Christopher erklärt der Kanzler dann ohne lange Umschweife den Ball für eröffnet. Denn, so der Landeshauptmann: "Der Bauernbundball ist bekannt für langes Feiern und kurze Reden."

20.000 Liter Bier und 8.000 Flaschen steirischer Qualitätswein 
20.000 Liter Bier und 8.000 Flaschen steirischer Qualitätswein wurden in Graz vertilgt.
Heribert Corn

Durch eine Unachtsamkeit meinerseits finde ich mich auf einmal in einer Traube an Mädchen und Burschen wieder, die für ein Selfie mit dem Bundeskanzler anstehen. Mein Nebenan witzelt im Ton tiefstapelnder Überlegenheit: "Schau, wie sie alle hingeiern. Ich brauch das nicht, ich kann ihm morgen die Hand geben." Schön, dass er trotzdem dasteht, aber warum kommt es morgen zum Shakehand? Er zeigt mir einen zernudelten Programmfolder für die Steiermark-Konferenz, bei der am Tag nach dem Bauernbundball 400 steirische ÖVP-Funktionäre in der Grazer Seifenfabrik auf die kommenden Wahlkämpfe eingeschworen werden. Die Schmidhofer Nici, die Ex-Skifahrerin aus dem Lachtal, wo der Schüssel Wolfgang einen Zweitwohnsitz hat, wird auch dort sein und es wird alles sehr super. Er will noch weiter ausholen. Ich stoppe seinen enthusiastischen Vorfreudeschwall vorsichtshalber und zeige ihm meine Presseakkreditierung am Handgelenk. Ein Wallfraff wird keiner mehr aus mir. Der junge Funktionär gibt in einem nicht mehr ganz so netten Ton eine medienpolitische Blattkritik ab und ward nicht mehr gesehen. Er macht einen Totschnig sozusagen.

Der Totschnig Norbert, Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft und bis 2022 Bauernbund-Direktor, hat nämlich auch sein Kommen angekündigt. Während der Eröffnungsreigen bereits vorbei ist, befindet er sich noch immer auf dem Weg von Tirol nach Graz. Ob er jemals ankam? Ich weiß es nicht. Er bleibt weiterhin ein Phantom, mit dem ich auf die Schnelle echt kein Gesicht zum Namen verbinde. Vielleicht geht’s nur mir so. Man müsste es testen. Vielleicht den Leuten hier ein Bild von Erzherzog Johann zeigen und fragen, ob das der Landwirtschaftsminister Österreichs ist. Ich bin nicht sicher, wie die Nummer ausgeht.

Verspeist wurden auf Europas größtem Ball-Event 4500 Hendln, 1000 Kilo Schweinefleisch und 4000 Paar Frankfuerter.
Verspeist wurden auf Europas größtem Ball-Event 4.500 Hendln, 1.000 Kilo Schweinefleisch und 4.000 Paar Frankfurter.
Heribert Corn

Definitiv von Tirol in die Steiermark geschafft hat es aber Hannah. Sie lebt jetzt nämlich hier und ist Sängerin. Sie spielt auf der Apfelbühne, einer der sieben Bühnen am Messegelände. Und zwar gleich nach den "Die Fürsten", einer Band, die bis vor kurzem noch "Die Grafen" hieß und in der Adelshierarchie jetzt eine Stufe nach oben geklettert ist. Vielleicht werden sie mal Kaiser, oder Könige. Heute hinterlassen sie der Hannah jedenfalls einen gut gepflügten und fruchtbaren Boden für Hits wie "Hoamat" oder "Aussa mit de Depf, heit gibt’s Nudeln".

"Die Fürsten" heizen ein. Bis vor kurzem hieß die Formation noch "Die Grafen".
Heribert Corn

Blöd halt, dass kein Fruchtwechsel stattfindet, sondern weiterhin musikalische Monokultur betrieben wird. Daran ändern auch "Die Draufgänger" nichts, die Popschlager wie "Cordula Grün", "Marie" und "Pocahontas" covern und in Eigenkomposition Tipps für die Partnerinnen- und Partnerwahl geben. "Liebe vergeht, aber der Hektar besteht." Der wildeste Hund unter den Draufgängern ist übrigens der Posaunist, der optisch auch als verhaltensorigineller Jungkoch durchginge und schräge Töne, für die es im Steirischen das schöne Worte "pfoagazn" gibt, aus einem giftgrün lackiertem Instrument rausholt. Er trägt ein Tour-T-Shirt von der David Shirin, die den Gottschalk Thomas unlängst am Wettsofa feministisch verwirrte. Ich bin auch verwirrt, schiebe das aber jetzt auf die Spätfolgen von Gabalier. Andreas, nicht Willi.

Kernöl auf die Schuhsohlen

Der Gabalier Willi ist übrigens auch hier. Man trifft den Tanztausendsassa immer wieder irgendwo am Areal an. Er hat mit Schülerinnen und Schülern aus 20 landwirtschaftlichen Fachschulen für heute den Eröffnungstanz einstudiert und tropft sich gerne, wie man erfährt, Kernöl auf die Schuhsohlen, weil "dann rutscht es wieder perfekt am Parkett". Ich rutsche Richtung Schießstand, den es weiter hinten in dieser Halle, in der sogenannten "Balzarena" gibt und dann weiter zur Hauptbühne, auf der es derweil etwas gediegener zugeht.

Weiter hinten in der Halle: der Schießstand.
Heribert Corn
3.000 Blumen und Dekorpflanzen, darunter auch ungeschmückte Christbaumtannen, wurden aufgestellt.
Heribert Corn
Nichts geht ohne die Bauernball-Uniformen.
Heribert Corn

Hier tritt die südsteirische Sängerin Anna-Sophie auf. Sie kommt selbst von einem Bauernhof im Sausal. Dort war sie lange als "dem Heinz sein Dirndl" bekannt, wie das Fachportal "hektar.at" locker lässig im Dativus possessivus einstreut. Diese Form des dritten Falls ist übrigens neben repetitiver Einsilbigkeit („na, na, na, na, na", Opus) und der Diphthongierung von allem, was nicht bei drei auf einem Baum ist und so zum typischen Gebelle führt, die steirische Sprachspezialität schlechthin: Mit einer Cover-Version von der Wilde Kim ihrem Song "Cambodia" hat die 24-Jährige vor ein paar Jahren einen echten Streaming-Hit gelandet, der nach wie vor als Karriere-Motor dient, wenn sie nicht gerade zu Hause am Hof mitarbeitet, wie „hektar.at" wieder genauer weiß.

Eben noch auf dem Opernball, kurz darauf in Graz: Bundeskanzler Karl Nehammer und Katharina Nehammer.
Heribert Corn
Das Motto des Abends: Ich geb Gas, ich will Spaß!
Heribert Corn

Die Karriere hinter sich bringen hingegen gerade die "Die Seer", die nach Anna-Sophie auftreten. Nach 27 Jahren und 13 Nummer-eins-Alben ist Sense für Österreichs erfolgreichste Mundartband aus dem steirischen Teil vom Salzkammergut, wo der Aar noch haust. Sie befinden sich heuer auf Abschiedstournee.

Und auch für mich wird's langsam Zeit zu gehen. Eine Runde noch über die vier Hektar Messegrund, ein kleiner Abstecher in die Flamingo-Bar, wo gar nicht so wenige auf einem Bein hüpfen, und dann mach ich einen Totschnig. (Manfred Gram, 11.2.2024)