Es ist einer der Momente, auf die man als Reporter insgeheim wartet – auch um den Preis, dass sie einen im Nachhinein mit zwiespältigen Gefühlen zurücklassen. Einer von den Momenten, die objektiv schauderhaft sind, ohne deren Miterleben eine Geschichte wie die folgende aber unvollständig wäre. Die junge Frau hat genau beschrieben, was passiert, wenn es losgeht: das Ritual, bei dem sich jeder einzelne Schritt wiederholt – mindestens einmal täglich, meistens aber mehrmals. Auch heute wieder, an einem trüben, wolkenverhangenen Frühlingsnachmittag, an dem das Regenwasser die Schlaglöcher des Frantzus'ky-Boulevard von Odessa füllt.

Da ist zuerst das Heulen der Sirenen. Dann der Griff zum Smartphone, auf dem die Telegram-Kanäle mit Infos über die Natur des neuesten Angriffs heißlaufen. Dann der Griff zum Schlüsselbund. Dann das Überwerfen der Jacke, das Anziehen der Schuhe – aber jene ohne Schnürsenkel, um keine Zeit zu verlieren. Das Aufreißen und Zuschmeißen der Wohnungstür. Die Sprünge über die Stufen, bis alle vier Stockwerke hinter ihr liegen. Draußen angekommen: der Sprint über den Hof und dann über die Straße. Der Griff in die Hosentasche und das Herausholen des elektronischen Schlüssels, ohne den sich das Tor nicht öffnen lässt, das unerwünschte Gäste vom Betreten des Geländes des gegenüberliegenden Wohnblocks abhalten soll. Nach dem Piepen, das das Tor beim Aufgehen endlich von sich gibt, ein weiterer Sprint von rund 30 Sekunden.

Für manche nur ein Bunker, für Vera aber fast schon ein Zuhause.
Klaus Stimeder

Ab diesem Zeitpunkt weiß sie sich – zumindest an diesem Tag – nicht mehr allein. Ein paar Meter vor ihr rennen eine Frau und ein Bub Hand in Hand in die gleiche Richtung. Ebenso die plötzlich hinter ihr auftauchende Teenagerin, die sich am Arm eines Mannes mittleren Alters festhält. Das Paar läuft zwar nicht – aber die Schnelligkeit seiner Schritte verrät, dass es das gleiche Ziel hat.

"Los, los, los!"

Für Menschen, die nicht von hier sind, lässt sich der Bunker leicht übersehen. Der Eingang zur Anlage ist ein unauffälliger Vorbau eines typischen, ein wenig heruntergekommenen Wohnblocks aus der frühen Breschnew-Ära in der ukrainischen Schwarzmeer-Metropole Odessa. Eine Art lokale Variante des Wiener Gemeindebaus: drei Stockwerke, bescheidene, aber heimelige Wohnungen; öffentlich gut angebunden und eingebettet in das für diesen Teil der Stadt typische Ensemble aus historischen Herrenhäusern aus Kalkstein und modernen, von Stahl und Glas geprägten Apartmentblocks.

Die städtischen Filmstudios, in denen Sergej Eisenstein und die Kaufman-Brüder einst das sowjetische Kino miterfanden, sind nur einen Steinwurf entfernt. Und wer die Schleichwege kennt, steht in wenigen Minuten an der Küste des Schwarzen Meers.

An den Strand denkt hier in diesem Moment aber niemand. Bei der Tür zur Bunkeranlage steht eine schlanke, pechschwarzhaarige Frau um die 40 mit extradünner Zigarette in der Hand. Sie empfängt die Eintreffenden mit einem bitteren Lächeln. "Los, los, los!", ruft sie auf Russisch und in einem Ton, der halb beruhigend, halb spöttisch klingt: "Immer nur hereinspaziert. Ihr wisst ja, wo's langgeht." Nachdem einer nach dem anderen den schmalen Gang passiert hat, dessen Stufen in die Tiefen des Bunkers hinabführen, nimmt sie einen letzten Zug, drückt ihre Zigarette aus.

Rund um die Uhr

Sie schließt die Tür, verriegelt sie aber nicht. Erfahrungsgemäß werden in den kommenden Minuten noch Leute eintreffen, die Schutz suchen. Unten angekommen, weist die Bunkerwächterin, die sich als Anna vorstellt, der jungen Frau und ihrem ausländischen Gast den Weg in jenen Teil des unterirdischen Gewölbes, der ihresgleichen vorbehalten ist. "Das ist eigentlich nicht erlaubt. Aber nachdem Vera schon so lange unser Stammgast ist, machen wir für Sie eine Ausnahme."

Anna und zwei Kollegen wechseln sich im Acht-Stunden-Takt ab und sorgen hier dafür, dass die in der Nachbarschaft lebenden Odessiterinnen und Odessiter zu jeder Tages- und Nachtzeit Zuflucht, Schutz und Ansprache finden, wenn zu ebener Erde Russlands Drohnen und Raketen einschlagen.

Adrenalinschübe, Angstzustände in verschiedensten Abstufungen, Panik, Erschöpfung. "Wir haben hier schon einiges gesehen in über zwei Jahren Krieg. Aber Vera ist noch mal eine andere Nummer", sagt Anna, die vor dem großen Krieg ihr Geld als Straßenbahnfahrerin verdiente.

"Ich kann nicht anders"

Inwiefern? Die junge Frau, über die sie spricht, nimmt einen Schluck Grünen Tee, lächelt unsicher und schweigt. Sie scheint zu wissen, was die Bunkerwächterin antworten wird: "Es tut mir leid, aber wenn Sie mich schon fragen: Ich mag sie. Aber sie ist, wie soll ich sagen ... viel zu nervös. Und das andauernd. Verrückt." Vera trägt das "Urteil" mit Fassung. "Ich weiß", sagt sie. "Du bist nicht die Einzige, die das sagt. Aber ich kann nicht anders."

Vera ist Anfang 30 und lebt seit fast genau zehn Jahren in Odessa. Ihr Haar, das sie fast immer zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden trägt, ist lang und dunkelblond. Ihre Augen sind so blau, wie ihr Blick intensiv ist. Es ist der einer Frau, die allzu offensichtlich schon mehr gesehen hat als die meisten in ihrem jungen Alter. Auch deshalb, weil sich ihr Leben vor knapp einem Jahr derart radikal veränderte, dass es mit dem, das sie bis dahin geführt hatte, so gut wie nichts mehr gemein hat.

Veras "Schlafzimmer": ein Stockbett, ein Tisch, ein Stuhl, eine Blumenvase – und ein Foto aus besseren Zeiten.
Klaus Stimeder

Seit elf Monaten hat Vera keine einzige Nacht mehr in ihrem eigenen Bett verbracht. Sobald die Uhr zehn schlägt – sofern es nicht schon früher zu abendlichen Angriffen kommt –, verlässt sie ihre Wohnung; ein ebenso minimalistisch wie geschmackvoll eingerichtetes Ein-Zimmer-Apartment im vierten Stock eines Hauses an der Ecke des Frantzus'ky-Boulevard mit der Dovzehn-Straße, in dem es nach Schokoladenbonbons und Minze riecht und dessen auffälligstes Merkmal zwei prominent platzierte Porträts von Anton Tschechow und Maxim Gorki bilden.

Nicht nur am Abend, sondern auch tagsüber folgt Vera jedes einzelne Mal, wenn in Odessa die Sirenen heulen, dem oben beschriebenen Ritual. Nachdem das im Schnitt zwei- bis dreimal täglich – egal ob Werktag oder Wochenende – der Fall ist, sieht ihr Leben entsprechend aus. Von 24 Stunden verbringt sie seit fast einem Jahr mindestens zwölf, in der Regel aber zwischen 15 und 20 im Bunker. Jeden Tag.

"Halbwegs sicher"

"Ich weiß, dass mich die Leute deswegen für verrückt halten. Aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Es ist der einzige Ort, an dem ich mich halbwegs sicher fühle." Halbwegs? "Ja. Vergangenen Winter, als die Angriffe wieder einmal so heftig waren, dass sogar der Bunker gebebt hat, bin ich dagesessen und habe mir gedacht: 'Ich möchte sterben!' Komisch, oder? Ich führe das Leben, das ich führe, weil ich eben nicht sterben will. Aber in diesem einen Moment wollte ich lieber tot sein, als derart viel Angst zu haben."

Sätze, die Vera in nahezu fließendem Englisch von sich gibt. Wenn sie sich missverstanden fühlt, wechselt sie manchmal ins Ukrainische – aber weder das eine noch das andere ist ihre Muttersprache. Denn Vera wurde im Südwesten von Moskau geboren und wuchs dort auf, als zweites Kind einer nach westlichen Maßstäben mittelständischen Familie. Für das Land, dessen Staatsbürgerin sie nach wie vor ist – erst Ende 2023 bekam sie von der ukrainischen Einwanderungsbehörde eine zehnjährige Aufenthaltsgenehmigung –, hat die Absolventin der renommierten russischen Lomonossow-Universität heute nichts als Verachtung übrig. Das Einzige, was sie noch mehr hasst als Präsident Wladimir Putin und dessen Systemerhalter, sind "Leute, die die oft als Erklärungen getarnten Rechtfertigungen für den Krieg dem angeblich ach so besonderen russischen Nationalcharakter zuschreiben. Sogar von meinen Freunden sagen manche, dass ich an der 'typisch russischen Traurigkeit' leide. Mich macht das rasend. Aber ich habe nicht die Kraft, dagegen anzukämpfen."

Ihr liebstes Hobby, die Amateur-Schauspielerei, hat sie mittlerweile fast ganz aufgegeben. Der Proberaum der Theatertruppe, der sie angehört, liegt im Zentrum von Odessas historischer Altstadt. "Das ging eine Zeitlang, weil er im Souterrain eines Hauses in der Sadowa-Straße untergebracht ist. Ich versuche ja bis heute aktiv zu sein. Aber die Proben sind meistens am Abend, und das macht es schwierig."

In den Untergrund

Der Tag, an dem Vera begann, ihr Leben de facto in den Untergrund zu verlagern, wird sich am 14. Juni zum ersten Mal jähren. Damals schlugen in den frühen Morgenstunden vier Marschflugkörper vom Typ Kalibr im Schewtschenko-Prospekt-Viertel ein – flankiert von neun Drohnen iranischer Bauart. Drei Menschen starben, 13 weitere wurden teils schwer verletzt. Angesichts des Bildes, das sich bei Tagesanbruch bot, glich es einem Wunder, dass es nicht zu mehr Opfern gekommen war: Ein Bürokomplex, ein Wohnhaus, das Lagerhaus einer Supermarktkette, die Filiale einer amerikanischen Fastfood-Kette und ein Gebäude der Polytechnischen Universität lagen in Trümmern. Einzig der Umstand, dass sich die meisten Bewohnerinnen und Bewohner gerade noch rechtzeitig in die Schutzbunker geflüchtet hatten, verhinderte noch Schlimmeres.

Die Nacht des 14. Juni 2023 veränderte Veras Leben – womöglich für immer: In ihrer Nachbarschaft wurden durch russische Raketen und Drohnen Menschen getötet und verletzt.
IMAGO/Ukrinform

Der Schewtschenko-Prospekt-Boulevard, der die östliche Grenze des Viertels markiert, liegt nur einen Straßenblock von Veras Wohnung am Frantsus'ky-Boulevard entfernt. "Was ich vor allem anderen in Erinnerung habe, waren seltsamerweise nicht die Explosionen und die Druckwellen, die den Einschlägen folgten. Es war das Geräusch des Windes, als die Raketen angeflogen kamen. Ich hatte noch nie zuvor etwas derart Unheimliches gehört. Von da an war alles anders", erzählt Vera.

Ihr Leben im Bunker begann an diesem Tag – und dauert bis heute. Der Preis, den sie dafür zahlt, wird seitdem mit jedem Tag sichtbarer. Die Folgen der im Untergrund herrschenden Kälte und Feuchtigkeit lassen sich auch nicht mehr mit Theater-Make-up übertünchen. Obwohl in Odessa mittlerweile an den meisten Tagen wieder die Sonne scheint, ist Veras Gesicht aschgrau und fahl. Abgesehen von den Momenten, wenn die Sirenen heulen und das Adrenalin seinen Dienst tut, sind ihre Bewegungen langsam und fahrig.

Reaktion: Unverständnis

Wenn man sich mit Veras Freundinnen und Freunden über ihre Situation unterhält, stößt man durchwegs auf Unverständnis. Tenor: Wir fürchten uns auch alle, dauernd. Aber sich von den Russen derart einschüchtern zu lassen, dass sie unseren Alltag bestimmen? Das kommt nicht infrage.

Eine von Veras besten Freundinnen, eine bekannte Fernsehmoderatorin, fasst es so zusammen: "Wir alle lieben Vera, aber sie hat sich verrückt machen lassen. Es ist ja nicht so, dass wir nicht vorsichtig wären. Jeder, der in Odessa lebt, leidet auf die eine oder andere Weise an PTSD (Posttraumatisches Stresssyndrom) – aber sie übertreibt es völlig, und das schon so lange. Ich will nicht übertrieben hart klingen, aber das ist nun mal die Wirklichkeit, in der wir hier leben. Just deal with it (Komm damit einfach klar)."

Vera kennt dieses Argument nur allzu gut. In den vergangenen elf Monaten hat sie es dutzende Male zu hören bekommen, von allen möglichen Leuten. Auch von denen, die ihr lieb und teuer sind, als "verrückt" abgestempelt zu werden schmerzt sie trotzdem: "Klar stimmt es, dass es einen jederzeit und überall erwischen kann und dass die meisten Leute hier damit umgehen können. Ich würde das ja auch gern. Aber ich kann halt nicht." Während sie das sagt, werden ihre Augen glasig – allerdings, wie sie beteuert, weniger aus Traurigkeit denn aus Wut.

Arbeiten im Homeoffice

Der einzige Lebensbereich, den ihr Leben im Untergrund bisher nicht beeinträchtigt, ist paradoxerweise ihre Arbeit. Vera arbeitet für ein Onlineportal, das die Stadt und die Region Odessa mit Nachrichten, Tratsch und Lebenshilfe-Tipps versorgt. Nach dem fatalen Bombenangriff überzeugte sie ihren Chef, dass sie ihre Arbeit im Homeoffice genauso gut wie im Büro erledigen könnte. Dank des schnellen und stabilen Bunker-WLANs und der Hilfe der Wächterin und der Wächter hält das Arrangement bis heute.

Treppen in den Untergrund.
Klaus Stimeder

Bald nachdem Vera ihr unterirdisches Leben begonnen hatte, richteten ihr diese Menschen de facto ihr eigenes "Zimmer" ein: neun fensterlose Quadratmeter, ein aus Latten und Sperrholzplatten gezimmertes Stockbett, ein durchgewetzter Sessel, ein Tisch, auf dem eine Blumenvase und ein von einem professionellen Fotografen geschossenes Porträt stehen, das sie in besseren Tagen zeigt. Auch wenn es hier unten alle nur "Veras Zimmer" nennen, hat sie darauf freilich keinen Exklusivanspruch. Wenn es im Bunker voll wird – er kann insgesamt rund 200 Leute aufnehmen –, muss sie es mit bis zu fünf anderen Personen teilen, bisweilen für die ganze Nacht.

"Was soll ich dort?"

Vera ist sich bewusst, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann. Jüngst versuchte sie, psychologische Betreuung zu bekommen, aber die wenigen Einrichtungen, die es dafür in Odessa gibt, sind heillos mit der Betreuung von tausenden teils schwersttraumatisierten Binnenflüchtlingen überlastet. Privat praktizierende Psychologen, Psychiaterinnen und Psychotherapeuten gibt es zwar – aber dafür, deren Dienste in Anspruch zu nehmen, fehlt ihr das Geld.

In den vergangenen Wochen zog Vera erstmals ernsthaft in Erwägung, die Stadt zu verlassen. Ein Gedanke, vor dem sie trotz der offensichtlichen Ausweglosigkeit ihrer Situation bis heute zurückschreckt. "Ich habe Freunde in Kiew, bei denen ich eine Zeitlang unterkommen kann. Im Vergleich zu hier ist es dort mittlerweile viel sicherer. Theoretisch könnte ich auch zu meiner Halbschwester – sie lebt seit über 20 Jahren in Deutschland. Aber was soll ich dort? Oder in Europa? Alles, was ich habe, ist in Odessa. Alles, was ich liebe, ist hier." (Klaus Stimeder aus Odessa, 14.5.2024)