Ein indonesischer Arbeiter beim Zusammenbau eines Schiffsrumpfs.
Indonesier sollen die Situation bei einigen Mangelberufen in Österreich, etwa im Tourismus oder bei Schweißern, entspannen.
EPA / Hotli Simanjuntak

Touristen aus Indonesien waren in Österreich vor Corona zwar ein Minderheitenprogramm, aber gern gesehen. Wien, Salzburg und Parndorf, das Outletcenter mit den vielen Markenwaren im Burgenland, übten dabei starke Anziehungskraft aus. Nach überstandener Pandemie nimmt auch die Reiseaktivität der wohlhabenden Schichten aus dem Land mit der zahlenmäßig größten muslimischen Bevölkerung der Welt wieder zu. Noch lieber würde man es sehen, wenn neben Touristen verstärkt auch qualifizierte Arbeitskräfte aus dem 276-Millionen-Einwohner-Land nach Österreich kämen. Sich an originales Wiener Schnitzel (Kalbfleisch) zu gewöhnen, ohne das Nationalgericht Indonesiens, Nasi Goreng, zu vergessen, sollte möglich sein.

Weil nichts von allein geschieht, will man nachhelfen. Im vorigen Herbst waren es die Philippinen, jetzt ist es Indonesien, in ein, zwei Jahren könnte es Brasilien sein: drei Länder, aus denen heraus auf Initiative Österreichs und mit Zustimmung der jeweiligen Regierungen eine strukturierte Arbeitsmigration erfolgen soll. Der Mangel nicht nur an Fachleuten, sondern generell an Arbeitskräften könnte, so die Befürchtung politisch wie wirtschaftlich Verantwortlicher im Land, angesichts der demografischen Entwicklung chronisch werden. Folge: Das Wirtschaftswachstum würde sich verstärkt einbremsen, der Wohlstand zurückgehen. Dem müsse vorgebaut werden.

Wirtschaftsmission

So haben Tourismusstaatssekretärin Susanne Kraus-Winkler (ÖVP) und Wirtschaftskammer-Generalsekretär Karlheinz Kopf, der für die ÖVP auch im Nationalrat sitzt, dieser Tage den Flieger nach Jakarta bestiegen, um in der indonesischen Hauptstadt 70 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der mittlerweile drittgrößten Demokratie der Welt ein Fachkräfteabkommen in Form eines Memorandum of Understanding (MoU) zu unterzeichnen. Mit dabei war auch eine Delegation von professionellen Personalvermittlern. Sie sollen die an einem Job in Österreich Interessierten, wenn es einmal so weit ist, zur Hand nehmen und durch den bürokratischen Dschungel führen.

Trotz der Hilfe, die man Antragstellern angedeihen lasse, sei der Zeitaufwand zum Erhalt einer Rot-Weiß-Rot-Karte, die Drittstaatsangehörigen das Arbeiten in Österreich erlaubt, gerade im Vergleich zu Ländern im Osten Europas noch immer viel zu groß, beklagen Personalvermittler. Statt zwei bis drei Monate ab Antragstellung müssten die Verfahren in der Hälfte der Zeit möglich sein. Mindestens.

Köche, Schweißer und Tischler

Eine vergleichbare Aktion wie jetzt haben Kraus-Winkler und Kopf vorigen Oktober in Manila gemacht. Für die Philippinen ist der Export von Fachkräften mehr noch und länger als für Indonesien ein lukratives Geschäftsmodell. Während man bei Philippinern und Philippinerinnen große Chancen vor allem bei der Besetzung vakanter Stellen im Gesundheitsbereich und in der Pflege sieht, hofft man in Indonesien insbesondere Personal für den heimischen Tourismus, metallverarbeitende Berufe oder Tischlereien rekrutieren zu können.

Während Deutschland mit dem Fachkräfte-Immigrationsgesetz Drittstaatsangehörige während der Dauer des Vertrags neuerdings nicht mehr an einen Arbeitgeber bindet, ist dies in Österreich anders. Gibt es Probleme im Job oder gefällt die Arbeit aus anderen Gründen nicht, muss der oder die betroffene Drittstaatsangehörige, ausgestattet mit einer auf zwei Jahre ausgestellten Rot-Weiß-Rot-Karte, zurück ins Herkunftsland und die Prozedur mit einem anderen Arbeitgeber von vorne beginnen. Das koste nicht nur Zeit, Geld und Nerven; manche würden sich wohl stark überlegen, ob sie sich das ein zweites Mal antun sollten, befürchten Kritiker. Das sei insofern auch kritisch, als Österreich beim Werben um qualifizierte Arbeitskräfte starke Mitbewerber habe.

Chancen nützen

Warum denkt man, bei der Suche nach Fachkräften ausgerechnet in Indonesien fündig zu werden, einem Land mit tausenden Inseln, noch weiter entfernt von Österreich als die Philippinen? "Weil wir uns überall bemühen müssen, wo sich Chancen auftun. Indonesien gehört dazu", sagt Kraus-Winkler zum STANDARD.

Eine wachsende Bevölkerung, emigrationswillige Menschen mit einer guten Basisausbildung und kulturelle Kompatibilität seien genau die Kriterien, die beim Anwerben zählten, ergänzt Wirtschaftskammer-Generalsekretär Kopf. Auf Indonesien treffe das zu, genauso wie auf die Philippinen, Brasilien, Albanien und den Kosovo, die vier weiteren als Fokusmärkte zum Anwerben von Fachkräften identifizierten Länder. Auch wenn es gelinge, mehr Teilzeit- in Vollzeitjobs umzuwandeln, Überstunden attraktiver zu gestalten und die Menschen länger in Arbeit zu halten – die Lücke an Fachkräften lasse sich ohne kontrollierten Zuzug aus Drittstaaten nicht schließen, ist Kopf überzeugt.

Rückfluss von Geld

Derzeit arbeiten offiziellen Zahlen zufolge rund fünf Millionen Indonesier, überwiegend Frauen, im Ausland. Mehr als 80 Prozent verdienen laut einem Bericht der Weltbank ihr Geld in Malaysia, Hongkong und Taiwan, viele als Hausangestellte. Sie schicken Jahr für Jahr umgerechnet gut 13 Milliarden Euro in die Heimat. Expats sind bereits die zweitwichtigste Einnahmequelle für den indonesischen Staat nach Öl und Gas.

Auch wenn Österreich keine Hausangestellten aus Indonesien ins Land holen will, sondern ausschließlich Fachkräfte, könnte sich ein Umstand als nachteilig erweisen: das Fehlen einer Community von Indonesiern und Indonesierinnen im Land, die den Aufbruch zu neuen Ufern erleichtern könnte. Die Zukunft wird es zeigen. (Günther Strobl, 13.5.2024)