Eine Einkaufstasche mit Lebensmittel.
Bei "Allesverwerter" zahlt man pro Korb, der muss allerdings mit gemischten Produkten befüllt sein.
APA/EVA MANHART

Zwei Sozialmarkt-Filialen, gelegen in Favoriten und in Ottakring, betreibt der "Verein für sozial Benachteiligte": Im "Allesverwerter" gibt es Produkte des täglichen Bedarfs, wer dort einkaufen will, muss sich mit einem Einkommensnachweis registrieren. Der Preisauftrieb bei Lebensmitteln hat in Österreich zuletzt deutlich nachgelassen, meldete die Statistik Austria – doch noch immer ist die Teuerung eine der höchsten in der Eurozone. Das sorgt für Zulauf in den Sozialmärkten. Andrea Kotesovec, Obfrau des Vereins, zeigt sich besorgt, dass sie ihre Kund:innen bald nicht mehr versorgen können wird.

STANDARD: Die Lebensmittelpreise in Österreich sind anhaltend hoch, auch die Zahl der armutsbetroffenen Menschen ist gestiegen. Ist das bei Ihnen im Sozialmarkt spürbar?

Kotesovec: Ja, es kommen immer mehr Leute, weil sie sich das tägliche Leben in dieser Form nicht mehr leisten können. Wir sind ja einer der wenigen Sozialmärkte, die nicht pro Stück, sondern pro Korb verkaufen. Dafür zahlt man einen Beitrag von acht Euro pro Korb. Zu uns kommen die Leute, die sich die normalen Sozialmärkte nicht mehr leisten können.

STANDARD: Was dürfen Kunden und Kundinnen in einen Korb einpacken?

Kotesovec: Man darf bei uns den Korb nicht nur mit einer Ware vollpacken, es muss ein gemischter Korb sein. Also ein bisschen Gemüse, ein bisschen Obst, ein bisschen Joghurt. Wir haben auch Tiefkühlprodukte, Eis, manchmal bekommen wir auch Chips. Dann noch eingedepschte Dosen, die die Supermärkte nicht mehr verkaufen können, Gewürze, die wir zum Beispiel von Kontany gespendet bekommen. Wir betreiben einen ziemlichen Aufwand, um auch Gratisware noch gekühlt hinauszugeben. Und wir unterliegen genauso den Überprüfungen vom Marktamt wie jedes normale Geschäft, die machen das routinemäßig.

STANDARD: Wird mit dem gestiegenen Bedarf auch die Ware knapp?

Kotesovec: Wir kämpfen aktuell damit, genug Ware zu bekommen, weil die Firmen sie zum Teil reduzieren, auch über die App Too Good To Go wird einiges verkauft. Das soll kein Vorwurf sein, es ist einfach eine Feststellung. Jeder probiert, die Ressourcen so gut wie möglich noch zu vermarkten. Und das merken wir auch im Sozialmarkt.

STANDARD: Wer ist denn die typische Kundschaft im "Allesverwerter"?

Kotesovec: Mehrheitlich sind es schon Frauen, aber wir haben auch viele Männer als Kunden. Wir sind heißbegehrt, weil die Leute sich bei uns aussuchen dürfen, was sie mitnehmen, und sie dann gut versorgt sind. Viele ältere Leute kommen, überwiegend Pensionisten, auf der anderen Seite sind es viele Großfamilien.

STANDARD: Sie betreiben den Sozialmarkt als gemeinnützigen Verein. Was hat Sie dazu motiviert, die Initiative zu starten?

Kotesovec: Wir sind jetzt schon seit über acht Jahren aktiv, zuerst im 10. Bezirk, seit drei Jahren auch im 16. Bezirk. Ich wollte ursprünglich etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tun. Wir verkaufen an Menschen, die sich den Einkauf im normalen Supermarkt nicht leisten können. Ihnen wollen wir das Leben erleichtern.

STANDARD: Bereitet Ihnen die aktuelle soziale Lage Sorgen?

Kotesovec: Sorge bereitet mir, dass immer mehr kommen werden und ich irgendwann sagen muss: Bis dahin und nicht weiter, mehr Leute können wir nicht versorgen. Und die Grenze ist bald erreicht. Als kleiner, gemeinnütziger Verein können wir nicht uferlos abholen und Kooperationen dazunehmen, es gibt nicht mehr Ware am Markt.

Außerdem haben wir zu wenige ehrenamtliche Helfer. Bei uns helfen Menschen, die noch nicht lange im Land sind und eine Beschäftigung suchen, ein bisschen Deutsch lernen wollen. Und auch Pensionisten, die ehrenamtlich mitarbeiten. Aber kürzlich Eingewanderte oder Arbeitslose fallen auch relativ schnell wieder weg, weil sie Kurse machen oder Arbeit finden, die Fluktuation ist also hoch.

STANDARD: Gibt es denn auch Scheu, überhaupt in den Sozialmarkt zu gehen?

Kotesovec: Ja, bei der Bevölkerung, vor allem der inländischen, gibt es eine Hemmschwelle, der Sozialmarkt hat einen negativen Touch. Ich habe ganz alte Leute, über 75, die bei mir einkaufen, die sind in Kriegszeiten aufgewachsen, und die wissen ganz genau, dass auch Abgelaufenes genießbar ist. Aber für Jüngere ist das oft noch ein Lernprozess. Und natürlich gibt es die Leute, die nicht von den Nachbarn gesehen werden wollen, wenn sie in den Sozialmarkt gehen. (Brigitte Theißl, 15.5.2024)