Wien/Leoben – Enormer Preisdruck, hohe Investitionen, hohe Zinsen, eine schwache Konjunktur und damit einhergehend eine ausgeprägte Nachfrageschwäche – es ist eine fast toxische Mischung, die den steirischen Leiterplattenhersteller AT&S in unruhiges Fahrwasser gebracht hat. Nun wird der im Vorjahr eingeleitete Sparkurs fortgesetzt, weitere tausend Stellen stehen auf dem Prüfstand. Ein Fünftel bis ein Viertel davon betreffe Österreich, kündigte der Chef des von Investor Hannes Androsch kontrollierten Technologiekonzerns, Andreas Gerstenmayer, am Dienstag an. Details, welche Jobs betroffen sind, stünden noch nicht fest, erst müssten Prozesse analysiert und verändert werden. In ein bis zwei Monaten werde man mehr wissen.

Luftaufnahme des neuen Werks von AT&S in Leoben.
Das neue Werk von AT&S in Leoben, das knapp eine halbe Milliarde Euro kosten und im Vollbetrieb Platz für etwa 700 Beschäftigte bieten wird, wird heuer hochgefahren. Im Gebäude sind inzwischen rund 130 Maschinen, darunter 30 Meter lange, installiert.
Foto: HO/APA/AT&S

Die in den vergangenen Jahren aufgrund der hohen Inflation um fast dreißig Prozent gestiegenen Lohnkosten in Österreich spielten dabei auch eine Rolle, betonte der AT&S-Chef. In Summe will AT&S mit dem Effizienzsteigerungsprogramm rund 450 Millionen Euro einsparen, wobei 250 Millionen Euro bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr 2023/24 (31. März) lukriert worden seien. Einzig die neuen Werke in Kulim in Malaysia und Leoben-Hinterberg, die heuer hochgefahren werden und die eine vielversprechende Diversifizierung des Produktportfolios bringen sollen, seien vom Personalabbau vorerst nicht betroffen. Insgesamt wurde die Belegschaft des Konzerns bereits um ein Zehntel auf 13.828 Beschäftigte verkleinert.

AT&S stellt neben Leiterplatten für Smartphones, Tablet-Computer, Spielekonsolen und Medizinprodukte auch sogenannte IC-Substrate her, wie sie in Notebooks verwendet werden und als Verbindungselemente zwischen Leiterplatte und Chip dienen. Zu den Kunden zählen Intel und Apple, aber auch die großen europäischen Autozulieferer. Im zweiten Halbjahr sei die Nachfrage nach mobilen Endgeräten und Industrieapplikationen deutlich schwächer gewesen. Bei Notebooks und PCs verzeichnete man wohl eine leichte Erholung, aber die Schwäche bei Servern, also Hard- und Software für Rechnernetzwerke, ließ sich dadurch nicht kompensieren, sie habe sich ausgeweitet.

Absturz

Die veröffentlichten Bilanzzahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Der Betriebsgewinn (Ebit) brach um 79 Prozent auf 31 Millionen Euro ein. Unterm Strich blieb ein Konzernverlust von 37 Millionen Euro, im vorangegangenen Geschäftsjahr 2022/23 hatte man 137 Millionen Euro Überschuss ausgewiesen. Die Umsatzerlöse schrumpften um 13 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro und mit ihnen das operative Ergebnis (Ebitda), das um ein Viertel von 417 auf 307 Millionen Euro einbrach. Preiserosion gepaart mit einem spürbaren mengenmäßigen Absatzrückgang hinterließen also deutliche Spuren. Wenig überraschend kommt daher, dass die Dividende gestrichen wurde, nachdem im Vorjahr 40 Cent je Aktie gezahlt worden waren.

Nun will und muss sich AT&S am eigenen Schopf in eine ertragreichere Zukunft ziehen. Liquide Mittel sollen aus dem Verkauf des auf Medizintechnik spezialisierten Werks in Südkorea kommen. Man habe den Markt bereits sondiert und reges Interesse am Standort Ansan, an dem bei 76 Millionen Euro Umsatz ein operatives Ergebnis von 38 Millionen Euro erwirtschaftet wurden, registriert, versicherte Gerstenmayer. Die Sachanlagen beliefen sich auf 37 Millionen Euro. Teil des Plans ist, dass jetzt verbindliche Angebote eingeholt und Verkaufsverhandlungen geführt werden. Der Verkaufserlös dürfte willkommen sein, denn die Vermögens- und Finanzlage des Konzerns war von hoher Investitions- und Finanzierungstätigkeit geprägt, die durch steigende Zinsen nicht erleichtert wurde. Der Bestand an Zahlungsmitteln reduzierte sich gegenüber dem Bilanzstichtag des Vorjahres von 792 auf 676 Millionen Euro. AT&S verfüge darüber hinaus über ausreichend Kreditlinien im Volumen von 582 Millionen Euro, betonte die AT&S-Führung.

Ohne Investor kein frisches Geld

Ob das die ursprünglich angepeilte Kapitalerhöhung dauerhaft ersetzen kann, bleibt abzuwarten. Die Kapitalerhöhung wurde jedenfalls vorige Woche abgeblasen. Der Markt sei aktuell nicht in der entsprechenden Verfassung. Auch ein Einstieg der österreichischen Staatsholding Öbag wurde verworfen. Der Aufsichtsrat habe entschieden, sagte Gerstenmayer. Dem Vernehmen nach war es die Androsch-Privatstiftung, die direkt und indirekt 64,32 Prozent hält, die sich gegen eine Staatsbeteiligung querlegte. Damit wäre die Anfang der 1990er-Jahre von Androsch und Willibald Dörflinger aus der zerfallenen Austrian Industries herausgekaufte und zu einem Weltkonzern geschmiedete AT&S gewissermaßen zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Aber das ist vorerst vorbei.

Die Börsianer honorierten die angekündigten Schritte, der Kurs der AT&S-Papiere stieg zeitweise um mehr fünf Prozent auf 20,72 Euro.

Sofern die Konjunktur mitspielt, soll AT&S heuer wieder auf Wachstumskurs zurückkehren. Große Hoffnungen liegen auf dem neuen Werk in Kulim in Malaysia, wo AT&S für den US-Prozessorenhersteller AMD, einen der Weltmarktführer, sogenannte IC-Substrate für die nächste Generation von Mikrochips für Rechenzentren und Anwendungen der Artificial Intelligence (KI) produziert. Der Substrate-Markt komme langsam zurück, betonte Gerstenmayer, von 2022 bis 2024 sei er um 26 Prozent geschrumpft (davon 16 Prozentpunkte im Volumen und zehn im Preis). Den Konzernumsatz sieht die AT&S-Führung heuer wieder auf 1,7 bis 1,8 Milliarden Euro, ein Nachlassen des Preisdrucks sei bis dato aber nicht absehbar. Auch die Ebitda-Marge soll wieder auf das gewohnte Niveau zwischen 25 und 27 Prozent zurückkehren. Zuletzt lag sie bei 19,8 Prozent und kam an das Vorjahresniveau nur unter Herausrechnung der Anlaufkosten für die Expansionsprojekte (80 Millionen Euro) halbwegs heran.

Für Investitionen in Kulim und Leoben hat AT&S rund eine halbe Milliarde Euro budgetiert – etwa die Hälfte der Vorjahre. Mit den Anlagezugängen und notwendigen Technologie-Updates steigen auch die Abschreibungen, im abgelaufenen Jahr beliefen sie sich auf 276 Millionen Euro. "AT&S wird mit Artificial Intelligence wachsen", gab sich Gerstenmayer überzeugt, denn AT&S liefere auch dafür die richtige Technologie, von Prozessoren bis zu Energiemanagement-Systemen für Server und Datenzentren. (ung, 14.5.2024)