Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben sechs österreichische Unternehmen Russland verlassen, erhob das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. 13 Betriebe haben es noch vor, zehn warten zu, 44 bleiben. Zu Letzteren zählt die Agrana, die unter dem Dach der Raiffeisen zum Weltmarktführer für Fruchtzubereitung heranwuchs. Eine Trennung von ihrem Russlandgeschäft ist weiterhin nicht geplant. "Wir finden derzeit keine wirtschaftlich vertretbare Möglichkeit, um uns aus dem Markt zurückzuziehen", sagt Konzernchef Stephan Büttner.

Vor Jahren ein Wackelkandidat, derzeit gut ausgelastet: die Zuckerfabrik in Leopoldsdorf.
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Die Agrana verarbeitet seit 2005 in Serpuchow, 90 Kilometer südlich von Moskau, Obst zu Fruchtsäften und -mus, die Yoghurts oder Speiseeis verfeinern. Das Werk versorgt Büttner zufolge die lokale Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln. Es agiere weitestgehend autonom. Sein Konzern nehme von Österreich aus keinen Einfluss auf die Geschäftstätigkeit. Demnächst werde es auch von internen Rechnungskreisen entkoppelt.

Man halte sich an alle europäischen Sanktionen, diese gebe es auch von russischer Seite, betont Büttner. Das Unternehmen sorge für mehr als fünf Prozent des Konzernergebnisses. Auf sein Kapital habe die Agrana nur eingeschränkt Zugriff. Büttner stellt nicht in Abrede, dass es Kaufangebote für die Fertigung gebe – bisher sei jedoch kein seriöses darunter gewesen.

Neben Russland ist die Agrana auch in der Ukraine mit Fruchtsaft und -zubereitungen aktiv. Produziert wird 300 Kilometer westlich von Kiew. Das Werk sei trotz aller Widrigkeiten zu 70 Prozent ausgelastet, sagt Büttner. Seine Spuren hinterlässt der Krieg dennoch. Mitarbeiter würden an die Front eingezogen, einer sei verletzt, ein anderer vermisst. Als Exportmarkt ging Belarus verloren.

Volatiles Umfeld

Es sind globale Krisen, eine schwächelnde Konjunktur in Europa, die langsamer als erwartet sinkende Inflation und volatile Rohstoff- wie Energiemärkte, die das Umfeld der Agrana mit ihren weltweit 55 Produktionen und 9000 Beschäftigten prägen. In die Bredouille brachten sie die Gruppe nicht. Der Gewinn des Konzerns, der von Zucker, Früchten und Stärke lebt, ist im Geschäftsjahr 2023/24 deutlich gestiegen.

Das Ergebnis der Betriebstätigkeit erhöhte sich um 71 Prozent auf 151 Millionen Euro. Der Konzerngewinn schoss um 181 Prozent auf 69 Millionen Euro nach oben. Der Umsatz wuchs um 4,1 Prozent auf 3,79 Milliarden Euro. Der Vorstand der Agrana schlägt der Hauptversammlung heuer wie im Vorjahr die Ausschüttung einer Dividende von 0,90 Euro je Cent vor.

Belebt haben die Geschäfte vor allem höhere Preise für Früchte und Zucker. Heuer könnte es mit den süßen Gewinnen jedoch schon wieder vorbei sein. Büttner sieht Wolken über dem Himmel der Agrana aufziehen, die Konsumenten gemeinhin mit der Marke "Wiener Zucker" verbinden. Er rechnet nach einer zweijährigen "Verschnaufpause" mit Einbußen bei Umsatz und Ergebnis.

Günstiger Zucker aus der Ukraine

Was heißt das für die Zuckerfabrik der Agrana in Leopoldsdorf? Vier Jahre ist es her, dass ihr infolge zu geringer Mengen an Rüben die Schließung drohte. Viele Landwirte taten sich ihren Anbau in Österreich angesichts niedriger Preise nicht mehr an. Rentabel machen die zwei Zuckerwerke der Agrana hierzulande aber allein Erntemengen von jährlich drei Millionen Tonnen auf 38.000 Hektar.

Ein sogenannter Zuckerpakt ließ die Agrana von der Aufgabe der Produktion in Leopoldsdorf absehen. Für heuer vereinbarte sie mit den Bauern den Anbau von zusätzlich 8000 Hektar Rüben. Der Standort sei vollausgelastet und stehe nicht zur Disposition, versichert Büttner. Zucker sei "Bestandteil der DNA des Konzerns". Sie gehöre wie "die Butter aufs Brot".

Für Nervosität auf dem Markt sorgte in den vergangenen Jahren der rasante Anstieg von EU-Zuckerimporten aus der Ukraine. Zollfrei und günstig strömten diese in Länder wie Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Ab Juni gelten neue Importbeschränkungen. Büttner sieht darin nach den jüngsten "Marktverwerfungen" eine "halbwegs vertretbare Lösung".

Geradezu komfortabel seien heuer dank des trockenen warmen Märzes die Anbaubedingungen für die Rübe. 2500 Hektar gingen in Österreich zwar an den Rüsselkäfer, den Gottseibeiuns der Rübenbauern, verloren, was regelmäßig zu heftigen Debatten rund um den Einsatz umstrittener, bienengefährlicher Insektizide führt. Auf 2200 Hektar wurde die sensible Rübe dank Prämien im Rahmen des Zuckerpakts jedoch erneut angebaut. (Verena Kainrath, 14.5.2024)