Illustration eines Gehirns, um das sich ein Bandwurm schlängelt
Es gibt Parasiten, die sich im menschlichen Gehirn festsetzen. Sie können Lähmungen, epileptische Anfälle und kognitive Probleme auslösen. Vor allem auf Tropenreisen sollte man deshalb besonders Hygieneregeln beachten und nur Dinge essen, die geschält oder gekocht wurden.
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Der US-Wahlkampf ist ein verlässlicher Lieferant skurriler Geschichten. Doch diesmal ist nicht Donald Trump der Verursacher, sondern der unabhängige Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy Jr. Der Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker ist mittlerweile so notorisch in seinen Wortmeldungen, dass sich der gesamte Kennedy-Clan öffentlich von ihm distanziert hat. Nun hat die New York Times (NYT) über eine Gesundheitsakte des Politikers berichtet, in der er sagt, Ärzte hätten einen Wurm in seinem Gehirn gefunden, der Teile davon gegessen haben soll.

So weit, so skurril. Doch was steckt dahinter? Zur Vorgeschichte: Im Jahr 2010 litt Kennedy an so starkem Gedächtnisverlust und kognitiven Problemen, dass die Sorge aufkam, er habe einen Gehirntumor. In bildgebenden Untersuchungsverfahren wurde auch ein dunkler Fleck im Gehirn festgestellt. Er habe schon einen Operationstermin gehabt, als ein Arzt die Vermutung äußerte, der Fleck stamme von einer Zyste, ausgelöst durch einen Parasiten.

Die Gesundheitsakte, über die die NYT berichtet, wiederum stammt aus dem Jahr 2012, als Kennedy die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau, Mary Richardson Kennedy, vor Gericht durchkämpfte. Er argumentierte damals, er habe durch seine kognitiven Probleme schlechtere Verdienstmöglichkeiten gehabt. Wie er sich den Parasiten zugezogen habe, wisse er nicht, vermute aber auf einer Reise nach Südostasien, teilte Kennedy der NYT mit. Eine Operation sei nicht nötig gewesen, da der Parasit inaktiv geworden sei. Er habe sich schon vor Jahren vollständig von den Symptomen erholt.

Unter Druck

Kann so ein Parasit aber tatsächlich Teile des Gehirns fressen? Nein. Ein Parasit kann sich im Gehirn einnisten, der Schweinebandwurm, der wahrscheinlich auch bei Kennedy Auslöser der Probleme war, schafft das am häufigsten. Doch das Gehirn anknabbern kann er nicht. "Ich würde es anders ausdrücken, so ein Parasit kann einen Teil des Gehirns verdrängen", sagt Heimo Lagler, Infektiologe und Tropenmediziner an der Med-Uni Wien.

"Das Gehirn befindet sich ja in einer ganz engen Kapsel. Kommt eine Parasitenlarve dorthin, erkennt das Immunsystem diese als Fremdkörper und schickt Immunzellen hin. Eine Entzündung entsteht, die kann eine Schwellung verursachen. Oder die Larve wird abgekapselt, dann entsteht eine Zyste." Weder für Schwellung noch für Zyste ist aber Platz vorhanden, es entsteht Druck, der neurologische Symptome auslösen kann, von kognitiven Problemen über Lähmungen bis hin zu Epilepsie. Die Symptome variieren dabei, je nachdem, wo im Gehirn der Druck entsteht.

Robert F. Kennedy bei einer Wahlveranstaltung in Austin, Texas
Der unabhängige Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy Jr. gilt als Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker. Ein Parasit im Gehirn hat bei ihm im Jahr 2010 massive kognitive Probleme ausgelöst. Mittlerweile sind die Symptome verschwunden, der Parasit wurde inaktiv. Eine Erklärung für seine kreative Weltsicht liefert der Bandwurmbefall aber ohnehin eher nicht.
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Bleibt die Frage, wie der Parasit überhaupt ins Gehirn gelangt – immerhin gibt es ja die Blut-Hirn-Schranke, die dafür sorgen soll, dass Dinge – und Lebewesen –, die dort nichts verloren haben, auch nicht ins Gehirn gelangen. Tatsächlich gibt es auch nur sehr wenige Lebensformen, die es dorthin schaffen, einige wenige Viren und Bakterien, die teilweise durch Zeckenstiche übertragen werden, wie FSME und Borrelien, aber auch Pneumokokken und Meningokokken. Und eben ein paar Bandwürmer, vor allem der Schweinebandwurm, seltener auch der Hunde- oder Fuchsbandwurm.

"Die winzigen Eier dieser Parasiten werden über die Nahrung aufgenommen und gelangen über den Darm in die Blutbahn", erklärt Lagler. Sehr oft landen sie dann in der Leber, und in manchen Fällen kommen sie eben auch ins Gehirn. Dort nisten sie sich dann ein und beginnen zu wachsen. Man darf sich aber nicht vorstellen, dass da tatsächlich ein Wurm oder Käfer mit Kopf und Schwanz im Gehirn sitzt, betont der Infektiologe, "es handelt sich dabei eher um Bestandteile des Parasiten, die in Form eines Tumors oder einer Zyste das Gehirngewebe verdrängen".

Tropenreise als Risiko

Oft kommt so etwas aber nicht vor, vor allem nicht in unseren Breitengraden. Hier fängt man sich am ehesten den Fuchsbandwurm ein, in Österreich gibt es im Schnitt 20 Fälle pro Jahr, bei denen solche Bestandteile vor allem in der Leber, selten im Gehirn festgestellt werden. Die allermeisten Wurm-Befallenen – die aber immer noch sehr wenige sind – haben sich den Parasiten auf einer Reise in ein tropisches Land eingefangen. Grund dafür sind unzureichende hygienische Zustände, durch die die Parasiteneier in den menschlichen Verdauungstrakt gelangen können.

Doch wie diagnostiziert man so einen Parasitenbefall? Das ist tatsächlich gar nicht so einfach, weiß Lagler, die Symptome sind meist sehr unspezifisch. "Lähmungserscheinungen oder epileptische Anfälle, für die man keinen anderen Grund finden kann, sind ein Hinweis." Hat sich der Parasit einmal verkapselt, kann man diese Zyste auch in bildgebenden Verfahren sehen. Oft genug kommt es aber auch zu einer Fehldiagnose, alleine schon deshalb, weil das Problem so selten vorkommt, dass man bei der Ursachensuche gar nicht daran denkt. Der Infektiologe kennt Fälle, in denen sich Betroffene einer vermeintlichen operativen Tumorentfernung unterzogen haben, und während des Eingriffs wurde festgestellt, dass es sich in Wirklichkeit um eine Parasitenverkapselung handelt.

Lagler pocht deshalb darauf, bei unklaren Symptomen nach einer Tropenreise Ärztinnen und Ärzte immer auch über diese Reise aufzuklären und sich im Zweifelsfall an ein spezialisiertes Institut zu wenden. Dort kann ein eventueller Parasitenbefall auch über spezielle Bluttests festgestellt werden. Ist so ein Befund positiv, wird man mit einem Anthelminthikum, einem Wurmmittel, behandelt. Gerade bei Parasiten im Gehirn kann das aber sehr langwierig sein, die Behandlung kann sogar mehrere Jahre dauern – anders als beispielsweise bei Wurmbefall im Darm, wo das Problem in wenigen Tagen erledigt ist.

Eine Operation ist dagegen nur in sehr seltenen Fällen nötig, "wenn etwa die Verkapselung so gelegen ist, dass sie immer wieder epileptische Anfälle hervorrufen kann", erklärt Lagler. In manchen Fällen passiert es auch, dass die Parasitenbestandteile von selbst absterben. "Der Mensch ist ja ein Fremdwirt, der für den Parasiten eigentlich nicht geeignet ist. Deshalb kann es sein, dass der einfach inaktiv wird, dann bleibt nur eine Läsion oder eine Art Narbe zurück. Entstehen dadurch keine Beschwerden, muss man auch nichts weiter tun."

Geschält oder gekocht

Wie kann man aber verhindern, dass man sich so einen Parasiten überhaupt einfängt? Hierzulande ist das, wie gesagt, nahezu unmöglich, die hygienischen Vorschriften sind so streng, dass es im Grunde ausgeschlossen ist. Am ehestens holt man sich eben den Fuchsbandwurm über essbare Waldfrüchte wie Heidelbeeren. Denn von dem Wurm wird vermutet, dass er über bodennahe Gewächse im Wald übertragen werden kann. "Gesichert ist dieser Übertragungsweg zwar nicht, aber ich würde trotzdem raten, nichts zu essen, was man nicht vorher gründlich gewaschen hat", betont Lagler.

Das ist generell die wichtigste Regel, mit der man auch in tropischen Ländern gut fährt. "In diesen Ländern gilt die Regel, dass man nur Lebensmittel isst, die zuvor geschält oder gekocht wurden. Dann reduziert man das Risiko maximal." Nicht nur für Bandwürmer, sondern auch für andere Parasiten, von denen es ja schließlich einige gibt. Und noch einen Rat hat Lagler: In den Tropen nie in stehendem Süßwasser baden. Denn dort kann man sich mit der Wurmerkrankung Bilharziose infizieren, die sich in Leber, Urogenitaltrakt oder auch dem Gehirn festsetzen kann. Anzeichen für den Beginn so einer Erkrankung können unklares Fieber und Lungenentzündung, für die man keine Ursache findet, sein.

Beachtet man diese beiden Regeln und wäscht sich auch noch sehr regelmäßig ausgiebig die Hände, ist man schon recht gut unterwegs auf solchen Reisen. Holt man sich dann im Vorfeld noch die verfügbaren Impfungen und setzt auf Malaria-Prophylaxe bei Reisen in jene Länder, in denen Malaria vorkommt, kann man sich ohne große Sorge in den Süden begeben. (Pia Kruckenhauser, 15.5.2024)