Phil Spencer
Phil Spencer ist mit löblichen Vorhaben als Xbox-Chef angetreten – für die Perspektive eines Gamers, der unbedingt eine Xbox braucht, hat er bislang aber keine bahnbrechenden Erfolge vorzuweisen.
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Kann sich jemand noch daran erinnern, dass die Xbox einmal richtig cool war? Es gab tatsächlich eine Zeit, in der Microsoft Publisher mit offenen Armen auf der Plattform willkommen hieß – aber auch selbst mit Exklusivtiteln für die Xbox 360 gefühlt aus allen Rohren feuerte. Und vor allem für eine hohe spielerische Vielfalt sorgte. Nicht umsonst blickt der Autor dieser Zeilen auf einen sechsstelligen Gamerscore zurück. Damals wäre es unvorstellbar gewesen, dass man sich einmal Sorgen um die Zukunft der Konsolenmarke machen müsste: Halo, Fable, Gears of War, Mass Effect, Kameo, Forza, Too Human, Project Gotham Racing, Perfect Dark und wie sie alle heißen – was sollte da noch schiefgehen? Leider ziemlich viel.

Ein Frühjahrsputz bei Bethesda

Microsoft sorgte in der Gaming-Branche zuletzt für viel Aufsehen und Unverständnis. Man hatte auf den ersten Blick überraschend vier (eigene) Spielestudios von Bethesda geschlossen. Mit der Begründung, dass man sich künftig lieber auf Blockbuster konzentrieren wolle. Jene Blockbuster, denen man schon seit Jahren vergeblich hinterherjagt – und letztlich zu dem Schluss gekommen sein dürfte, dass man sie eben in einer aberwitzigen Shoppingtour einfach zukauft, wenn man sie aus unterschiedlichen Gründen gerade selbst nicht mehr zustande bringt.

Nun, auf den zweiten Blick ist es vielleicht nicht ganz so überraschend: Dass das Studio Arkane Austin nach dem gigantischen Flop mit dem Vampir-Shooter Redfall keine Zukunft haben würde, mag wegen des vorangegangenen Spitzentitels Prey wehtun, lässt sich aber noch einigermaßen nachvollziehen. Auch die Schließung des Mobile-Game-Entwicklers Alpha Dog (Mighty Doom) und die Fusion von Roundhouse Studios (ehemals die mäßig erfolgreichen Human Head Studios) mit Zenimax Online Studios verwundern nicht.

Wieso aber auch Tango Gameworks auf der Liste steht, wissen wohl nur die Verantwortlichen bei Microsoft. Und selbst die vermitteln nicht unbedingt den Eindruck, als wüssten sie, was da gerade passiert ist. Matt Booty, Chef der Xbox Game Studios, meinte kurz nach dem Bekanntwerden, dass man auch kleinere Spiele brauche, die Prestige und Preise bringen würden. Aha. Warum schließt man dann ausgerechnet den Entwickler von Hi-Fi Rush?

Ähnlich befremdlich war die Aussage von Xbox-Präsidentin Sarah Bond in einem Bloomberg-Interview. Auf die konkrete Frage, warum man sich dazu entschlossen habe, ein Studio zu schließen, das Microsoft einen Hit beschert und das eine "Tonne an Awards" gewonnen habe, folgte nur recht verlegenes Bullshit-Bingo über ihre Liebe zur Spieleindustrie als kreative Kunstform und individuelle Entscheidungen, die man eben treffen müsse. Fehlte nur noch die Musik der Benny-Hill-Show im Hintergrund, um der Glaubwürdigkeit der Aussage den richtigen Rahmen zu geben. Es war für Außenstehende schon schwer zu ertragen, für Betroffene muss es schrecklich gewesen sein.

Denn das rhythmische Actionspiel jüngerer Bauart war seit langem das einzige aus eigenem Hause, das genau die von Microsoft (zumindest nach außen) kommunizierten Anforderungen erfüllen konnte. Noch dazu steckt hinter dem Entwickler ausgerechnet auch ihr einziges japanisches Spielestudio – eine besondere Ironie, wenn man bedenkt, dass Microsoft jahrelang (mehr schlecht als recht) versucht hatte, seinem Spiele-Portfolio irgendwie auch eine kleine japanische Note zu verleihen. Mit Evil Within und Ghostwire: Tokyo hatte man zudem zwei weitere starke IPs im Gepäck. Wie Shinji Mikami, der einstige Tango-Gründer und Vater von Resident Evil, findet man dafür nur ein Wort: traurig.

Ein Fall mit Spencer

Klar ist aber auch, dass man sich um Microsofts Gaming-Ambitionen im Allgemeinen und die Geschichte der Xbox im Besonderen nicht erst seit kurzem Gedanken machen sollte – die jüngsten Maßnahmen sind dagegen vergleichsweise harmlos. Schon bevor man bei Microsoft den Stellenabbau von 1900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Gaming-Sparte angekündigt hatte und bevor man 2018 ankündigte, auf große Shoppingtour zu gehen, die in der Akquisition von Zenimax Media (2021) und Activision Blizzard (2023) ihren Höhepunkt fand, gab es genügend Anzeichen dafür, dass der Xbox der richtige Kurs abhandengekommen ist. Könnte es möglicherweise auch daran liegen, dass Xbox-Chef Phil Spencer nach außen den Anwalt für Gamerinnen und Gamer mimt, in seinen zehn Jahren Amtszeit aber gleichzeitig eine Reihe von Entscheidungen getroffen hat, die im direkten Widerspruch dazu stehen?

Spencer ist bereits seit Xbox-One-Ära die Leitfigur für Gaming bei Microsoft und hat sich seither in zahlreiche widersprüchliche Aussagen verstrickt, wie Kotaku ausführlich dokumentiert. Besonders bezeichnend im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen ist ein Interview mit Spencer vom Mai letzten Jahres, in dem er sich dafür ausgesprochen hat, den Entwicklern die Freiheiten zur Gestaltung von Spielen zu geben, die sie benötigen. Selbst wenn dies bedeute, unerwartete Projekte anstatt erwarteter Fortsetzungen zu unterstützen, und nannte dabei – kein Scherz – Tango Gameworks. Leider nur eines von vielen Beispielen.

Auch wenn er mit löblichen Vorhaben wie der Konservierung älterer Spieletitel oder der Stärkung von Indie-Titeln angetreten ist und mit Ideen wie dem Game Pass aus dem Tal der Tränen herausführen wollte, in das sich Microsoft seinerzeit mit dem idiotischen Konzept der Xbox One hineinmanövriert hat: In seiner bisherigen Amtszeit kann er – zumindest für die Perspektive eines Gamers, der unbedingt eine Xbox braucht – noch immer keine bahnbrechenden Erfolge vorweisen. Unter seiner Führung bei Xbox wurden tausende Mitarbeiter gekündigt, mehrere Studios geschlossen, Spieleprojekte eingestellt und DLCs gestrichen. Nicht zuletzt dadurch ist der Nachschub mit guten Exklusivtiteln gehörig ins Stottern gekommen.

(K)eine Zukunft ohne Xbox

Seit längerem kommen auch schwache Konsolenverkäufe der aktuellen Modelle Series X und Series S hinzu, die dazu führten, dass Spencer sogar vor versammelter Mannschaft bekräftigen musste, dass die Xbox-Konsolen nicht eingestellt werden. Aber werden sie das wirklich nicht? Führt man sich den peinlichen Xbox-Leak vor Augen, muss man freilich kein Hellseher sein, um festzustellen, dass Microsoft kurz- bis mittelfristig noch an der Hardware-Produktion festhalten wird.

Aber sollte der zahnlose Refresh, der durchgesickert ist, wirklich so oder so ähnlich vollzogen werden und Spencers Begeisterung für Handhelds möglicherweise in ein Produkt münden, das vielleicht doch nicht so gut beim Publikum ankommt – wer sagt dann, dass Microsoft nachfolgender Xbox-Hardware nicht doch lieber endgültig den Hahn zudreht? Auf die Worte der Xbox-Führungsetage sollte man sich offenbar nur eingeschränkt verlassen, wie die Vergangenheit eben schon mehrmals gezeigt hat.

Shoppingtour mit bösen Folgen

Durch die aggressive Akquisitionsstrategie hat man sich auch in eine Situation hineinmanövriert, die schwieriger scheint als je zuvor. Die Milliarden-Investitionen wurden zunächst positiv aufgenommen, da sie das Xbox-Portfolio erweiterten und die Attraktivität des "Heilsbringers" Xbox Game Pass steigern sollten.

Die Abo-Zahlen begannen zuletzt aber zu stagnieren und Analysten gehen davon aus, dass Abo-Modelle in der Spieleindustrie mittelfristig moderat wachsen werden, ohne eine dominante Rolle zu übernehmen. Hinzu kommt: Die hohen Kosten dieser Übernahmen setzen die Xbox-Sparte massiv unter Druck, entsprechende Einnahmen zu generieren, um die Investitionen zu rechtfertigen.

War man bislang ein vergleichsweise belangloser Posten im Konzern, der eben mitgetragen wurde, steht man nun unter intensiver Beobachtung der Unternehmensführung und der Investoren. Oder um es mit den Worten eines ehemaligen Xbox-Managers auszudrücken: "Das Auge Saurons hat sich gedreht." Man erwarte sich, heißt es weiter, dass die Xbox damit beginnt, die 70 Milliarden Dollar zurückzubekommen - oder bei diesem Versuch zumindest die Ausgaben "bis auf die Knochen" zu kürzen.

In diesem Kontext kann auch der Xbox Game Pass zu einem Problem werden. Obwohl er als spannende Idee für ein Abonnementmodell gilt, das den Zugang zu einer breiten Palette von Spielen ermöglicht, hat er Schwierigkeiten, direkte Verkäufe zu fördern. Viele Nutzer des Dienstes würden darauf verzichten, Spiele zu kaufen. Dies führt zu einer Situation, in der Spiele, die über den Game Pass vertrieben werden, häufig ihre Verkaufsziele verfehlen.

Obwohl der Game Pass also kurzfristig einen Umsatzschub für neue Spiele bieten kann, führt die schnelle Rotation innerhalb des Angebots dazu, dass Spiele nur kurz im Rampenlicht stehen und dann schnell an Sichtbarkeit verlieren. Diese Dynamik erschwert es, nachhaltige Einnahmen zu erzielen, was die finanzielle Last der teuren Studioübernahmen verschärft und den Druck auf das gesamte Geschäftsmodell erhöht. Ganz egal, ob auf einer Xbox – oder zukünftig vielleicht nur noch auf anderen Plattformen. (Benjamin Brandtner, 20.5.2024)