Ist das problematische Verhältnis der grünen Spitzenkandidatin Lena Schilling zur Wahrheit politisch relevant? Darüber wird seit Bekanntwerden der Vorwürfe nach STANDARD-Recherchen viel diskutiert. Im Report am Dienstag kam das Thema aufs Tapet, man blieb sich beharrlich uneinig.

Journalistin Claudia Gigler, Susanne Schnabl und Politikberater Thomas Hofer im
Journalistin Claudia Gigler, Susanne Schnabl und Politikberater Thomas Hofer im "Report" zur Causa Schilling.
ORF Report Screenshot

Eindeutiger war und ist die Meinung über das Agieren der Grünen in der Affäre. Sich hinter die Spitzenkandidatin zu stellen, wie es bei der skurrilen Pressekonferenz stattfand, hatte sich Politikberater Thomas Hofer im Gespräch mit Susanne Schnabl "auch erwartet. Aber nicht auf diese Weise." Es seien Wordings ausgerechnet von rechtspopulistischen Parteien übernommen, Verschwörungserzählungen begonnen und Ausdrücke verwendet worden, die eigentlich von einem Vizekanzler nicht kommen sollten: "Da hat man das auf gut Österreichisch verschlimmbessert." Ein professionelleres Krisenmanagement wäre angebracht gewesen, sagte Hofer.

Schlichtweg "falsch" hätten die Grünen mit der Pressekonferenz reagiert, sagte auch die Journalistin Claudia Gigler, wiewohl sie Verständnis für das Zustandekommen zeigte: Sowohl Justizministerin Alma Zadić als auch Klubchefin Sigrid Maurer* wüssten aus Erfahrung mit Hass im Netz, welche "enorme Welle" eine Veröffentlichung der Vorwürfe mit sich bringen würde. Gigler: "Und davor hatten sie Angst."

In die "eigene Kommunikationsfalle" sei Werner Kogler in der Öffentlichkeitsarbeit über Schilling gestolpert, stimmte Heidi Glück im Beitrag davor zu. "Vermutlich aus einer gewissen Nervosität heraus", räumte die Politikberaterin ein: "Aber es war natürlich nicht gescheit, weil es die ganze Causa noch größer gemacht hat." Den Fehler eingestehen, zugeben, was passiert ist, sich gleich entschuldigen, Reue zeigen, empfahl Journalistin Anneliese Rohrer. Es wäre eine Möglichkeit gewesen zu zeigen, dass man einen anderen Umgang mit Vorwürfen praktiziere als andere Parteien und hätte Schilling die Chance gegeben, ihr Gesicht zu wahren. Diese Chance ist jetzt vorbei. (Doris Priesching, 15.5.2024)

*Korrektur: Sigrid Maurer wurde in einer früheren Fassung fälschlich als Parteichefin der Grünen bezeichnet.

Report: Der private Bereich als Inhalt von Politikberichterstattung
Die freie Journalistin Claudia Gigler, frühere Chefreporterin der "Kleinen Zeitung", und Politikberater Thomas Hofer diskutierten im ORF-Magazin "Report" am Dienstag in wie weit es legitim ist, Vorwürfe aus dem privaten Bereich zum Inhalt von Politikberichterstattung zu machen und welche Auswirkungen das auf den Wahlkampf haben könnte.
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