Poesie DDR Thomas Kunst Erich Freid
Der Prosaautor und Lyriker Thomas Kunst, Jahrgang 1965, baut eine eigensinnige Welt – errichtet nicht nur aus DDR-Versatzstücken.
Sebastian Gollnow / dpa / pictur

Man hat rund vier Fünftel seines neuen Gedichtbuchs gelesen, atemlos und gerne – bis man Zeuge wird, wie dem ostdeutschen Lyriker Thomas Kunst unüberhörbar der Kragen platzt. Eben noch hat Kunst in einem seiner famosen Langgedichte das Fehlen einer kostbaren, weil seltenen Spezies beklagt: der des "widerspenstigen Sinnlichkeitsgauklers".

Zu diesem Zeitpunkt sind einem bereits eine Menge anderer Käuze, Menschen und Tiere von bizarrer Wesensart begegnet. In Kunsts Poesie wimmelt es von "pferdegroßen Wespen", von Greifvögeln, Seeadlern und Schlittenhunden. Pferde messen in der Kunst-Welt sieben Meter Länge und drei Meter Breite. Die Monster-Zossen können rund 600 Kilometer laufen. Praktischerweise assistiert ihnen beim Kotabwerfen eine fünfköpfige Besatzung von "Züchtern".

Eine solche Entgrenzung der geläufigen Größenverhältnisse hat eine einfache Ursache. Häufigster Ansprechpartner des lyrischen Ichs ist eine Katze namens WÜ: Bezeichnet wird die Titelheldin als "russische Diva". Mit natürlicher Anmut schmiegt WÜ sich in eine Gedichtlandschaft aus lauter "Hinterlassenschaften". Bei Kunst herrschen nämlich "wiederkehrende Verwandtschaftsmotive in den / Besiedelungsverkettungen".

Umgekehrt wird der Leser zum Zeugen einer Projektionsleistung. Er sieht mit eigenen Augen die nachgelassenen Landschaften der DDR. Er hört die alten "Mix-Tapes" von damals und bemerkt, wie noch unscheinbarsten Partikeln ein verblüffender Transfer zuteilwird: huckepack, getragen von den Arbeiterinnen eines Ameisenvolks.

Kaltstarthilfen

Der in Sachsen-Anhalt lebende Träger des Erich-Fried-Preises (2023) bewegt sich ebenso vers- wie leichtfüßig über wahre Abraumhalden. Man mag sich trösten: Nicht alles hat die Katze mit angesehen. In den flutenden Cantos Kunsts begegnet man – einzeln – Familienmitgliedern, alten wie neuen. Ein niedliches Auto der Marke Wartburg tuckert durch Ostdeutschland. Wie ein solches Gefährt braucht auch der Dichter hin und wieder eine "Kaltstarthilfe", um richtig in Fahrt zu kommen.

Dann klappern die Verse am rauschenden Strom des Bewusstseins: oft über viele Seiten hinweg. Jedes Mal wird dünenweise Wissensstaub aufgewirbelt: Der Blick fällt dann auf ein Cezanne-Bild im Arztwartezimmer; die Krümmung einer Mandarinenschale dient zur Lagebestimmung einer Toreinfahrt.

Nur Kommata trennen die Satzaussagen voneinander. Das Schriftbild mancher Gedichte lässt an den Umriss einer Urne denken, an die Fasson einer Sanduhr: zerbrechliche Gefäße allesamt. Das eine Mal scheint der Sprecher schon gestorben zu sein; bei anderer Gelegenheit trifft er einen Starfußballer des FC Chelsea auf einer Luxusyacht – oder jagt an der Seite eines "Flohs, den sie Gurkenhals nannten", nach New Mexico. Mittendrin im Wortgeplänkel: streng gebaute Sonette, so lakonisch dürr im Ausdruck wie leere Kleiderständer.

Hilbigs Nachfahre

ist ein atembenehmender Lyrikband, sein Autor ein verspielter Nachfahre des großen Wolfgang Hilbig. Und dann platzt Thomas Kunst doch noch der Kragen. Er vermisse, schreibt er in dem ihm eigenen Kunst-Parlando, "den Zorn auf die Zufriedenheit über alle schon mal / Da gewesenen Gedichte". Wohin seien sie verschwunden, "die Schmutzränder / Der Intellektualität in Texten, die veritablen / Zertrümmerungen des Ungefähren …"?

Ihn, Kunst, grause es vor "moralisch jederzeit abgesicherten Political- / Correctness-Posen harmlos kritischer / Welt-Anrufungen". Auch wenn man kein Freund binnenpoetisch angezettelter Literaturfehden ist: Wo Kunst recht hat, hat er recht. Sodass man dieses Buch nicht nur wärmstens empfehlen möchte, sondern ihm auch hinterdrein sagen kann: Gut gebrüllt, Katze! (Ronald Pohl, 17.5.2024)