Es ist ein Abschied der bitteren Sorte: "Ich fühle mich vom Management verraten", sagte Luciano Benetton am Wochenende in einem Interview dem Mailänder Corriere della Sera, in welchem er seinen Rücktritt als Präsident des Aufsichtsrats ankündigte. Dem aktuellen Geschäftsführer der Benetton Group, Massimo Renon, warf Benetton vor, ihn bezüglich des realen Geschäftsgangs hinters Licht geführt zu haben: Im vergangenen Herbst habe sich in den Bilanzen plötzlich ein Loch von 100 Millionen Euro aufgetan, nachdem noch im Sommer von einem ausgeglichenen Ergebnis die Rede gewesen sei. Seinen Rücktritt als Präsident des Aufsichtsrats der Benetton Group wird der Patriarch anlässlich der Aktionärsversammlung am 18. Juni vollziehen.

Luciano Benetton unterhält sich mit einer Frau.
Auf der Benetton-Hauptversammlung am 18. Juni soll der Abgang von Firmengründer Luciano Benetton besiegelt werden.
AP/Luca Bruno

Gleichzeitig soll bei der Gelegenheit das gesamte Management ausgewechselt werden. Der Name des neuen CEO ist noch nicht bekannt, aber fest steht schon jetzt, dass nach dem Abschied von Luciano Benetton weder im Management noch im Aufsichtsrat ein Mitglied der Gründerfamilie sitzen wird. Das heißt: Die Benetton Group wird erstmals seit ihrer Gründung durch die Geschwister Luciano, Gilberto, Carlo und Giuliana im Jahr 1965 ohne ein Mitglied der Benetton-Familie auskommen müssen und von einem externen Management geführt werden. Oder zumindest fast: Die Benetton Group befindet sich zu 100 Prozent im Besitz der Familienholding Edizione – und diese wiederum wird in zweiter Generation von Lucianos Sohn Alessandro geführt.

Längere Krise

Die Krise bei Benetton dauert schon länger. Luciano, der Älteste der Benetton-Geschwister, hatte sich schon vor über zwanzig Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, kehrte dann aber 2017 im Alter von bereits 82 Jahren wieder ins Unternehmen zurück, nachdem sich in den Vorjahren kumulierte Verluste von 600 Millionen Euro angehäuft hatten. Wegen der Billigkonkurrenz durch H&M, Zara und andere Fast-Fashion-Ketten verblassten die United Colors of Benetton zunehmend. Heute trägt die Mode nur noch ein bis zwei Prozent zum Umsatz der Edizione-Holding bei, in der die Benetton-Familie ihre Beteiligungen bündelt. Diese reichen von Flughäfen über Autobahnraststätten, Duty-Free-Shops, Banken und Versicherungen bis hin zu Immobilien.

Zum schleichenden Niedergang des Modegeschäfts kam ein katastrophaler Imageschaden für die gesamte Familie: Im August 2018 stürzte in Genua das Morandi-Autobahnviadukt ein; 43 Menschen verloren dabei ihr Leben. Die Brücke gehörte dem privaten Autobahnbetreiber Autostrade d'Italia, der wiederum von Edizione kontrolliert wurde. Laut den Staatsanwälten hatte die Betreibergesellschaft, um Kosten zu sparen und den Aktionären fette Dividenden zu garantieren, den Unterhalt vernachlässigt. Über Nacht standen die Benettons in der Öffentlichkeit als raffgierige Kapitalisten da, die dem Profit zuliebe über Leichen gingen. Ihre Beteiligung an den Autostrade d'Italia mussten sie später dem Staat verkaufen. Im "Annus horribilis" 2018 starben auch Lucianos jüngere Brüder Gilberto und Carlo Benetton.

Trauriges Kapitel

Die Benetton-Saga, die nun um ein weiteres trauriges Kapitel reicher wird, war einst eine typische Erfolgsgeschichte des italienischen Familienkapitalismus. Der 1935 geborene Luciano hatte früh seinen Vater verloren und bereits als 14-Jähriger in seinem Geburtsort Ponzano in der Nähe von Treviso als Stoffverkäufer zu arbeiten begonnen. In Ponzano erregte der Jugendliche Aufsehen mit den bunten Pullis, die ihm seine Schwester Giuliana gestrickt hatte. Damit war die Geschäftsidee von Benetton geboren: Zusammen mit Giuliana und den beiden Brüdern begann er, zunächst Italien und dann die ganze Welt mit farbigen Pullovern zu überschwemmen. Bereits zehn Jahre nach der Firmengründung waren die Benettons die weltweit größten Hersteller von Strickwaren.

Es waren zwei clevere Schachzüge, die den Erfolg der Benettons begründeten: Zum einen waren sie die ersten, die ihre Pullis in Massen in ungefärbtem Garn herstellen ließen, um sie erst später, angepasst an die gerade aktuellen Modefarben, in etwa 15 verschiedenen Tönen einfärben zu lassen. "Beim Schnitt eines Pullovers hat man wenig kreativen Spielraum, bei den Farben dagegen viel", hatte Benetton einmal erklärt. Der zweite Schachzug bestand in der Zusammenarbeit mit dem Fotografen Oliviero Toscani. Dieser warb für United Colors of Benetton mit Sujets, die mit Mode nichts zu tun hatten, dafür aber umso mehr Gesprächsstoff lieferten: Mafiaopfer in Blutlachen, sterbende Aidskranke, blutverschmierte Shirts von toten Soldaten, kopulierende Pferde und küssende Priester und Nonnen.

Als Luciano Benetton 2017 zum Familienunternehmen zurückkehrte, um die Firma aus der Krise zu führen, hatte er erklärt, er wolle mit seinen Pullis und T-Shirts "die Welt wieder etwas farbiger machen". Es ist ihm nicht gelungen, und jetzt kehrt der Firmengründer den United Colors definitiv den Rücken. (Dominik Straub, 27.5.2024)