Foto eines Schädels.
Dieser Schädel einer Frau zeigt nicht nur Spuren von Gewalteinwirkung (zu sehen im Stirnbereich), sondern auch ein großes Loch, das wohl infolge eines Tumors entstand. Es folgen weitere, teilweise drastische Fotos der Knochen.
Tondini, Isidro, Camarós, 2024

Die Geschichte des Menschen ist auch eine des Kümmerns. Bereits vor 30.000 Jahren führten unsere Vorfahren Amputationen durch, bei denen die Betroffenen durchaus überlebten. Ebenso gibt es tausende Jahre alte Versuche, Kranke durch Operationen am Schädelknochen zu heilen. Der Zweck ist meist nicht bestimmbar, infrage kommen etwa Epilepsie und andere neurologische sowie psychische Erkrankungen.

Eine neue Studie regt rund um ägyptische Schädel zur Diskussion um alte medizinische Behandlungen an. Denn auch Erkrankungen wie Krebs könnten durch Löcher im Kopf behandelt worden sein. Für die Fallstudie wurden zwei Schädel aus einer Sammlung der University of Cambridge in Großbritannien von der Erstautorin Tatiana Tondini, die zudem an der Universität Tübingen in Deutschland forscht, untersucht.

Wie die Archäologin mit zwei Kollegen im Fachblatt Frontiers in Medicine schreibt, zeigten die Knochen sowohl Verletzungen von Menschenhand als auch krebsartige Schädigungen am Knochen. In einem Fall handelte es sich bei den menschlichen Eingriffen womöglich um eine Therapie.

Schnittspuren an Metastasen

Der ältere Schädel stammt von einem Mann, der mit 30 bis 35 Jahren verstarb und im Zeitraum von 2700 bis 2300 vor Christus gelebt hatte. Unter dem Mikroskop erinnerten die Löcher das Forschungsteam an Spuren eines Neoplasmas: Das ist der Überbegriff für gutartige und bösartige Wucherungen, etwa Tumoren, die aufgrund einer Krebserkrankung entstehen. Dabei kann anderes Gewebe, in diesem Fall Knochen, zerstört werden.

Foto eines Schädels.
Am Schädel eines Mannes fand das Team etliche größere und kleine Löcher im Schädelknochen, die wohl auf Tumormetastasen zurückgehen.
Tondini, Isidro, Camarós, 2024

Etwa 30 runde Schädigungen sind über den Schädel verteilt, sie gehen wohl auf Metastasen zurück. Eine große Überraschung waren aber die Schnittspuren rund um einige Läsionen, die wohl von einem scharfen Metallwerkzeug stammen. "Als wir die Schnittspuren zum ersten Mal unter dem Mikroskop sahen, konnten wir nicht glauben, was wir da vor uns hatten", wird Tondini in einer Aussendung des Journals zitiert.

Dies sieht der leitende Autor und Paläopathologe Edgard Camarós von der Universität Santiago de Compostela in Spanien als "einzigartigen Beleg" dafür, dass in der Medizin des alten Ägypten vor mehr als 4000 Jahren versucht wurde, Krebs zu behandeln oder derartigen Wucherungen zumindest auf den Grund zu gehen. Lange dürfte der Patient die Schnitte nicht überlebt haben, da sich keine Spuren von Knochenheilung finden. Vielleicht schnitt man aber erst nach seinem Tod an den Schädellöchern herum.

Ein großes Loch im Kopf

Die altägyptische Kultur ist bekannt für bemerkenswerte Behandlungsmethoden. Zahnfüllungen waren dem damaligen medizinischen Personal beispielsweise nicht fremd, und Zehenprothesen stellten sie ebenfalls her. "Dies ist eine außergewöhnliche neue Perspektive für unser Verständnis der Medizingeschichte", befindet Camarós.

Foto der Knochenoberfläche, in der sich ein größeres Loch befindet, umgeben von vielen kleinen Löchern, und man kann Schnittspuren erkennen.
An diesem Loch im Schädeldes Mannes erkennt man oben links Schnittspuren.
Tondini, Isidro, Camarós, 2024

Der zweite untersuchte Schädel gehört zu einer Frau aus dem 7. bis 4. Jahrhundert v. Chr. Sie erreichte ein Alter von mehr als 50 Jahren. Auffällig ist ein immenses Loch in der Schädeldecke. Anhand der schieren Größe des Loches könnte man meinen, dass jemand versucht hat, ihr mit einer Bowlingkugel den Kopf einzuschlagen. (Tatsächlich stammen die ältesten archäologischen Indizien für Kegelspiele aus dem alten Ägypten und sind mehr als 5000 Jahre alt.)

Die Ursache dürfte laut den Fachleuten aber ebenfalls ein Neoplasma sein: Bösartige Wucherungen können das Knochenmark und verschiedene Teile von Knochen zerstören. Ob es sich dabei um einen Hirnhauttumor, ein Osteosarkom oder eine andere Variante handelte, lässt sich nicht genau sagen.

Scharfe und stumpfe Gewalt

Umso erstaunlicher ist, dass die Frau so lange mit der Erkrankung lebte – und noch dazu zwei Traumata überlebte. Denn an der Stirn verheilte eine massive Wunde, die auf eine Waffe mit scharfer Klinge zurückzuführen ist, zudem überstand sie einen Schlag mit stumpfer Gewalt, der den Schädel am Scheitelbein eindrückte.

Zwei Fotos von oben, man sieht ein Loch mit einem unregelmäßigen Durchmesser von mehr als 7 Zentimetern und eine kraterartige Übergangszone mit zahlreichen kleinen Löchern im Knochen, die nochmals mehrere Zentimeter breit ist.
Knochenloch von oben: Die Betroffene dürfte eine krebsartige Erkrankung durchlebt haben.
Tondini, Isidro, Camarós, 2024

Tondini wundert sich darüber, dass ein weibliches Skelett eine derartige Verletzung aufwies, da die meisten gewaltbedingten Blessuren dieser Zeit bei Männern vorkommen. Falls die Frau an kriegerischen Handlungen mitwirkte und sich so eine der Wunden zuzog, "müssen wir die Rolle der Frauen in der Vergangenheit und ihre aktive Beteiligung an Konflikten in der Antike neu überdenken", sagt die Archäologin. Schon in der Ur- und Frühgeschichte dürften Frauen öfter an der Jagd und an Kämpfen beteiligt gewesen sein, als viele glauben. Möglich ist auch, dass sie als Unbeteiligte angegriffen wurde.

Keine reine Zivilisationskrankheit

Die beiden Beispiele zeigen, dass Krebs auch frühere Generationen betraf – lange bevor so viele Menschen wie heute ein hohes Alter erreichten und durch krebserregende Stoffe in Nahrungsmitteln und Umwelt ein höheres Krebsrisiko haben. Dies "unterstreicht vorherige Beobachtungen, dass bösartige Krebserkrankungen bereits in prähistorischen Bevölkerungen aufgetreten sind und somit keine reine moderne Zivilisationskrankheit darstellen", sagt Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung des privaten Forschungszentrums Eurac Research im Südtiroler Bozen, der nicht an der Studie beteiligt war.

CT-Scan eines der Schädel.
Das Forschungsteam untersuchte die beiden Schädel per Mikroskop und Computertomografie (CT).
Tondini, Isidro, Camarós, 2024

Das Forschungsteam schreibt von einem "Meilenstein der Medizingeschichte", auch andere Fachleute halten die Funde für außergewöhnlich. Vor allem Fälle bösartiger Tumoren sowie Anzeichen für Knochenbehandlungen vor dem Ableben sind selten, betont Frank Rühli von der Universität Zürich. Zudem sind Fälle wie jener des jungen Mannes, der vor mehr als 4300 Jahren starb und somit dem Alten Reich zuzuordnen ist, "noch 'wertvoller' als die häufigeren Funde aus den späteren Epochen".

Die Interpretation der Ergebnisse sei valid, auch wenn "immer ein Grad von Unsicherheit bleibt", sagt Rühli. So ist eben nicht auszuschließen, dass die Tumoren nicht zeitlebens behandelt wurden, wie die Schnittspuren an zwei Knochenlöchern vermuten lassen, und der Mann kurz darauf starb. Womöglich wollte man erst nach dem Tod des Mannes mehr über seine Erkrankung herausfinden.

Krieg und Kooperation

Die genaue zeitliche Einordnung fehlt also, sagt Zink: "Somit kann nicht sicher belegt werden, dass es sich hier in der Tat um eine Art chirurgischen Eingriff gehandelt hat." Frühere Untersuchungen an ägyptischen Mumien hätten aber bereits auf die Therapie von Schädelverletzungen hingedeutet – wie nun auch bei der älteren Frau, deren Wunden, die durch Gewalteinwirkung mit scharfen Gegenständen entstanden sind, behandelt wurden.

Dass sich Menschen seit Jahrtausenden um Verletzte, Kranke und Ältere kümmern, könnte zum Erfolg der Spezies beigetragen haben. Die Kooperation und das Kümmern dürften – wie eben auch kriegerische Auseinandersetzungen, kann man realistischerweise anmerken – zum Kern des Menschseins gehören. (Julia Sica, 29.5.2024)