Der Rapmusiker Sean
CNN veröffentlichte ein Video eines Gewaltausbruchs von Sean "Diddy" Combs.
Willy Sanjuan/Invision/AP

Es ist der nächste widerliche Fall von (sexualisierter) Gewalt eines prominenten Mannes gegen Frauen: In den USA hat der Nachrichtensender CNN das Video einer Hotelüberwachungskamera veröffentlicht, in dem zu sehen ist, wie der Rapmusiker und Unternehmer Sean "Diddy" Combs seine Ex-Partnerin Cassie Ventura 2016 brutal verprügelt. Er schubst sie, er tritt sie, er schlägt sie. Er wirft einen Gegenstand nach ihr. Flankiert wird die Veröffentlichung von Klagen wegen Nötigung, sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung mehrerer Frauen gegen den Musiker.

So schlimm der auf dem Video dokumentierte Gewaltausbruch ist, scheint er nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Dabei hatte Combs wie in solchen Fällen üblich zunächst alles dementiert. Nachdem Ende letzten Jahres klar wurde, dass sich die Anschuldigungen gegen ihn nicht mehr unter den Teppich kehren und mit außergerichtlichen Zahlungen ausräumen lassen würden, verkündete er auf Instagram, dass er jetzt genug habe. Krankmachende Anwürfe wären gegen ihn erhoben worden, um auf seine Kosten schnelles Geld zu machen und seinen Ruf zu zerstören. Nichts davon hätte er getan.

Zerknirschte Miene

Nach der Veröffentlichung seines Gewaltausbruchs durch CNN dann die Kehrtwende. Es sei "so schwierig, über die dunkelste Zeit in deinem Leben zu reflektieren", spricht Combs da mit zerknirschter Miene in seine Handykamera. Außerdem behauptet er, die "volle Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen". Mit Therapie, Entzug und Gott natürlich, bla, bla, bla, ich, ich, ich. Der Mann, dem es "aufrichtig leidtut", schafft es noch nicht einmal, den Namen seines Opfers in den Mund zu nehmen.

Und die "volle Verantwortung" zu übernehmen bedeutet offensichtlich, trotz "Therapie, Entzugs und Gottes Gnade" so lange wie möglich über das abermalige Leid der Opfer zu lügen und zu leugnen, bis es nicht mehr geht und man am Ende die "Ich arbeite hart daran, ein besserer Mann zu werden"-Reuekarte spielen muss.

Weil ich Ihnen hier an dieser Stelle leider versprechen kann, dass wir für einen sehr, sehr langen Zeitraum immer wieder solche Fälle haben werden, müssten wir uns über ein wichtiges Detail verständigen und klarstellen: Echte Männer schlagen Frauen!

Bei allem Verständnis für die Wut auf gewalttätige Männer und den nachvollziehbaren Impuls, sie für ihre Taten zu ächten und auszugrenzen, ist mit dem Verweis auf die mangelnde Echtheitszertifizierung von männlichen Gewalttätern niemandem geholfen. Am wenigsten den Opfern. Wenn es wirklich stimmen würde, dass echte Männer keine Frauen schlagen, dann wäre das Problem Gewalt gegen Frauen überhaupt nicht so virulent. Tatsächlich wäre es kaum existent.

Fortlaufende Erzählung

Der Slogan "Echte Männer schlagen keine Frauen" basiert auf denselben Stereotypen, die uns diese gewalttätige Misere überhaupt erst eingebrockt haben. Er versucht sie lediglich zu reframen, umzudrehen und neu zu deuten. Aber Männer, die bis ins Mark daran glaubten, ihre Männlichkeit durch Gewalt gegen Frauen belegen zu können und zu müssen, werden sich niemals durch eine weitere Aufforderung zur Echtheitszertifizierung davon abbringen lassen – egal, wie gut sie gemeint ist. Vor wenigen Wochen gab es in Australien landesweite Proteste an der systematischen Gewalt gegen Frauen, die dazu führt, dass jeden Tag 13 Frauen aufgrund häuslicher Gewalt im Krankenhaus landen.

Die Tatsache, dass der ehemalige australische Premierminister Malcolm Turnbull 2015 die Losung "Echte Männer schlagen keine Frauen" für seine Regierungszeit ausgegeben hat, hat daran nichts verändert und nichts verbessert. Bücher mit dem Titel bringen nichts. Und selbst wenn ich es absolut nachfühlen kann, dass der aktuelle Ehemann von Cassie Ventura schreibt, dass Männer, die Frauen schlagen, keine Männer sind, hilft es nichts.

Männer, die Frauen schlagen, sind Männer. Sie sind echte Männer. Sie sind im Übrigen auch oftmals authentische Männer. Auch wenn "authentische Männlichkeit" seit geraumer Zeit von einer erstarkenden Männerbewegung als Nonplusultra angepriesen wird, gibt es viel zu viele Männer, die sehr sie selbst und sehr authentisch gewalttätige Frauenhasser sind.

Es ist unumgänglich, dass wir uns der Realität stellen. Und in der Realität nehmen sich viel zu viele Männer das Recht heraus, gewalttätig gegenüber Frauen zu sein. Sie tun dies nicht zuletzt auch deshalb, weil wir ihr Mannsein nach wie vor so erzählen: eindimensional. Triebgesteuert. Gewalttätig. Die Formulierung, dass echte Männer keine Frauen schlagen, erzählt Männlichkeit nicht besser. Sie erzählt Männlichkeit fortlaufend quasi genauso schlecht. Das ist, als ob Sie im Kino während des Films den Sitzplatz wechseln. Es ist immer noch derselbe Film. Das reicht nicht. Für Cassie Ventura reicht es nicht. Für die 13 Frauen, die täglich in australischen Krankenhäusern landen, reicht es nicht. Und für jede einzelne Frau, die Gewalt erfährt, reicht es auch nicht. (Nils Pickert, 29.5.2024)