Der Vulkan Sif Mons auf der Venus
Der Vulkan Sif Mons auf der Venus, der lange als erloschen galt. Neu ausgewertete Radaraufnahmen zeigen nun rezente Lavaflüsse.
Nasa/JPL

Bewohnbar ist anders: Auf unserer sonnennahen Nachbarin Venus herrschen – anders als auf dem Mars – definitiv keine Verhältnisse, die einen Besuch durch Menschen als ratsam erscheinen lassen. Die Temperaturen liegen bei über 450 Grad Celsius und sind einem extremen Treibhauseffekt geschuldet. Die Atmosphäre der Venus besteht zu 96 Prozent aus Kohlendioxid, der Luftdruck beträgt knapp das 100-Fache desjenigen auf der Erde.

Dennoch gab es 2020 den Verdacht, dass es auf der Venus – konkreter: in ihrer Atmosphäre – Leben oder Vorstufen des Lebens geben könnte. Forschende hatten in den Wolken unseres Nachbarplaneten Phosphin gefunden, eine Biosignatur. In den Jahren darauf legte sich die Aufregung ein wenig. Phosphin scheint tatsächlich vorzukommen, doch in weitaus geringeren Konzentrationen als 2020 angenommen.

Aktive Venus-Vulkane?

Ebenfalls 2020 wurde eine weitere Annahme über die Venus infrage gestellt: Unsere Nachbarin galt als "toter" Planet, auf dem mögliche geologische Aktivitäten längst zum Erliegen gekommen sind. Eine Studie im Fachblatt Nature Geosciences kam damals zum Schluss, dass 37 Vulkane auf der Venus doch noch nicht tot sind. Diese Behauptung wird nun durch neue Daten erhärtet, die bei drei Überflügen zwischen 1990 und 1992 von der Sonde Magellan gesammelt wurden und nun durch Forschende um Davide Sulcanese (Universität D'Annunzio in Chieti) eine neue Auswertung erfuhren.

Der italienische Planetenforscher und seine Kollegen konzentrierten sich in ihrer im Fachjournal Nature Astronomy veröffentlichten Studie auf zwei verschiedene Gebiete der Venusoberfläche, die im Übrigen dreimal so groß wie die Landfläche der Erde ist: den Schildvulkan Sif Mons und eine Ebene im Osten, die als Niobe Planitia bekannt und mit Vulkankratern überzogen ist. Die Aufnahmen von Magellan, die im Abstand von acht Monaten gemacht wurden, zeigten deutliche Helligkeitsschwankungen – aufgrund von sich bewegenden Lavaströme, wie die Forschenden vermuteten.

Der Vulkan Sif Mons auf der Venus
Die von den Forschenden entdeckten, rot markierten Lavaströme am Westhang des Sif Mons.
IRSPS - Università d'Annunzio / Nasa/JPL-Caltech

Um diese Erklärung zu bestätigen, mussten Sulcanese und sein Team zunächst andere mögliche Erklärungen ausschließen, was ihnen auch gelang. Im zweiten Schritt errechneten sie die Eigenschaften der Lavaströme – also etwa, wie schnell die Lava produziert wurde. Die niedrigeren Schätzungen des Teams von 3,78 bzw. 5,67 Kubikkilometern pro Jahr für Sif Mons und Niobe Planitia entsprechen in etwa den Werten eines durchschnittlichen Vulkans auf der Erde. Sulcanese und sein Team verwendeten diese Zahlen auch, um die gesamte vulkanische Aktivität auf der Venus zu schätzen. Nach dieser Schätzung könnte die Venus vulkanisch weitaus aktiver sein als erwartet, sagt Sulcanese, und zwar in der gleichen Größenordnung wie auf der Erde.

Diese Erkenntnisse und die beiden Gebiete werden für zwei geplante Missionen zur Venus von Bedeutung sein. Dabei handelt es sich um Veritas der Nasa und Envision der Europäischen Weltraumorganisation (Esa), die beide Anfang der 2030er-Jahre starten sollen. Sulcanese geht davon aus, dass diese Gebiete auch in zehn Jahren noch aktiv sein werden, denn geologisch gesehen seien 40 Jahre wie ein paar Sekunden für die Aktivität von Vulkanausbrüchen. (Klaus Taschwer, 29.5.2024)