Die Farnkräuter werden entlang der Schotterstraße immer höher, der Wald dichter. Wer sich von hier zur Hauptstraße nach Karlovac durchschlagen möchte, muss damit rechnen, Wildtieren zu begegnen oder sich in dem hügeligen Dickicht zu verirren. Das neue kroatische Aufnahmezentrum für Migranten in der Nähe des Dorfes Dugi Dol liegt versteckt unweit eines Truppenübungsplatzes, die nächsten Häuser sind ein paar Kilometer entfernt. Die Generatoren in dem umzäunten Aufnahmezentrum summen, mobile Toiletten wurden aufgestellt, doch die weißen Container sind leer. Seit das Lager im Februar eröffnet wurde, waren erst wenige Migranten hier. Die kroatische Flagge weht einsam am Eingangstor.

Lager Lipa
Das Lager Lipa an der kroatisch-bosnischen Grenze.
AFP/DAMIR SENCAR

In dem Zentrum könnten in Zukunft jene Migranten untergebracht werden, die im neuen EU-Grenzverfahren eine beschleunigte Screening-Prozedur durchlaufen. Dugi Dol liegt etwa 30 Kilometer nördlich der bosnisch-kroatischen Grenze – dort, wo seit etwa zehn Jahren jedes Jahr tausende Menschen Richtung EU wandern. Oft gehen sie in der Nacht los, zum sogenannten "Game", wie sie den Versuch, sich nicht von den kroatischen Grenzbeamten erwischen zu lassen, nennen.

Hier, nahe an der EU- und Schengen-Außengrenze, soll künftig rasch festgestellt werden, ob Asylanträge unbegründet oder unzulässig sind. "Wer voraussichtlich keinen Schutz benötigt, ein Sicherheitsrisiko darstellt oder die Behörden in die Irre führt, wird einem beschleunigten Grenzverfahren unterzogen", erklärt die EU-Kommission dem STANDARD. Die Regelung trifft alle, die aus einem Staat mit einer Asylanerkennungsquote von weniger als 20 Prozent kommen.

Dazu zählen Leute aus Nigeria, Pakistan, Ägypten, Kolumbien, Marokko, Algerien, Tunesien, Bangladesch, Georgien oder Venezuela. Prüft man die Herkunftsländer jener Menschen, die sich im Aufnahmezentrum Lipa in Bosnien-Herzegowina befinden – etwa eine Stunde von Dugi Dol entfernt –, dann kommt die Mehrzahl aus solchen Staaten mit geringer Asylanerkennungsquote. Viele der jungen Männer sind nicht aufgebrochen, weil sie in ihren Heimatländern verfolgt werden, sondern weil sie in der EU Arbeit suchen. Sie wollen gar keinen Asylantrag stellen, sondern auf dem Arbeiterschwarzmarkt untertauchen.

Transitzone für Migranten

Einer von ihnen ist der 36-jährige Mirza M. aus Islamabad, der nach Deutschland will. Er hat noch nichts von dem neuen EU-Migrationspakt oder Dugi Dol gehört. Nach der neuen Regelung sollen Migranten im Grenzverfahren bis zu zwölf Wochen festgehalten werden dürfen, bis das Verfahren zu Ende ist. Derzeit ist das noch anders. In Lipa etwa können die Migranten ein- und ausgehen, außerhalb gibt es ein Geschäft und ein Café. In dem von Bosnien geführten Zentrum bekommen sie nicht nur Verpflegung und medizinische Hilfe, sie werden auch von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) betreut.

Das Lager ist für viele eine Art Heimat geworden. Der 37-jährige Ibrahim S. aus Tunesien ist bereits seit einem Jahr hier. Er spricht gut Deutsch, weil er schon vier Jahre in Deutschland verbracht hatte, bevor er abgeschoben wurde. Nun sei er auf dem Weg in die Schweiz, erzählt er. Auch Ibrahim hat noch nichts von dem Lager in Dugi Dol gehört und davon, dass Migranten künftig festgehalten werden können, um dann abgeschoben zu werden.

Bis Juni will man einen Umsetzungsplan vorlegen, "ab 2026 soll dann mit der Anwendung der neuen Rechtsvorschriften begonnen werden", erklärt die EU-Kommission. Dugi Dol könnte dann zu einer Transitzone werden – so wie es sie bereits auf Flughäfen gibt. Die Leute, die sich in diesen Zonen befinden, sind offiziell gar nicht im Hoheitsgebiet. Bislang gab es derlei nur an der ungarisch-serbischen Grenze, bis der EU-Gerichtshof der ungarischen Regierung die Vorgangsweise untersagte.

Die EU-Kommission verweist nun darauf, dass die Mitgliedsstaaten "flexibel" agieren könnten, wenn es darum geht, direkt an der Grenze oder in einer Einrichtung in der Nähe der Grenze im Hoheitsgebiet die Schnellverfahren durchzuführen.

Zwischen der bosnisch-kroatischen Grenze und Karlovac sind schon seit Jahren permanent Polizeistreifen unterwegs. Sie durchkämmen die Wälder, stehen an Straßenübergängen und auf Hügelketten. Mit Wärmebildkameras und Drohnen wurden im Umfeld der Grenze zigtausende Migranten von den kroatischen Beamten aufgehalten, oft auch gejagt und geschlagen und wieder über die Grenze nach Bosnien und Herzegowina gebracht. Auch heute berichten die Migranten in Lipa von Gewalt.

Bürokratie und Kosten

Offen ist, ob die kroatischen Grenzbeamten diese Praxis in Zukunft beenden und die Migranten stattdessen etwa ins Lager Dugi Dol bringen werden. Für den kroatischen Staat würden mehr Asylverfahren nämlich mehr Bürokratie und Kosten bedeuten. Bislang hat man sich auch deswegen für Pushbacks nach Bosnien entschieden. Die EU-Kommission verweist auf die Verpflichtung der betroffenen EU-Staaten, "angemessene Aufnahmekapazitäten" für Grenzverfahren zu gewährleisten. Im Fall von Kroatien soll es sich um die Unterbringung von 1500 Migranten handeln.

Noch viel unwahrscheinlicher als eine Änderung der kroatischen Vorgangsweise ist jedoch, dass die Migranten selbst künftig an der Grenze einen Asylantrag stellen werden. (Adelheid Wölfl aus Dugi Dol und Lipa, 30.5.2024)