Gelbe Plastikenten, vorne in einer geraden Reihe, im Hintergrund scheinbar chaotisch.
Es gibt Menschen, die brauchen das kreative Chaos regelrecht. Andere dagegen leiden unter zu viel Unordnung. Doch wie schafft man Ordnung und behält sie dann bei? Dabei helfen ein paar einfache Regeln.
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Auf dem Tisch liegen ein paar Papiere, ein Laptop und ein Kaffeehäferl stehen daneben. Über der Sessellehne hängt eine Jacke, auf der Anrichte steht eine Einkaufstasche, daneben liegen ein Buch und noch zwei, drei andere Dinge. Ein paar weitere Gebrauchsgegenstände sind locker im Raum verteilt. Es ist definitiv keine penible Ordnung, man sieht, dass hier jemand lebt und arbeitet. "Na klar, es ist ja auch mitten am Tag. Aber all das hat einen fixen Platz und ist am Abend in zwei Minuten weggeräumt. Komme ich am nächsten Morgen hierher, kann ich entspannt in den Tag starten", sagt Katrin Miseré.

Misére ist Ordnungscoach. Sie hilft Menschen, die sich in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr zurechtfinden, dabei, Klarheit in das Chaos zu bringen, bevor es sie überwältigt. Dabei trifft sie eine klare Unterscheidung. Nicht alle müssen ordentlich sein, "es gibt die glücklichen Chaotinnen und Chaoten". Diese Menschen, die ein gewisses kreatives Chaos brauchen, haben keinen Bedarf an ihren Diensten. "Bei mir melden sich die, die unter ihrer Unordnung wirklich leiden."

Protest und Krisen

Ein bisschen Unordnung, na gut, das kennen fast alle. Auch dass einem manchmal, in stressigen Phasen, das Chaos wirklich über den Kopf zu wachsen droht. Aber das bekommt man meistens wieder in den Griff, sobald es etwas ruhiger wird oder man Urlaub hat. Wie kommt es dazu, dass man in so eine Unordnung rutscht, dass man sich über das Aufräumen nicht mehr hinaussieht? Die allermeisten Menschen, die sich an Miseré wenden, sind nämlich keinesfalls das, was man als Messie bezeichnen würde, es ist auch nirgends, wo sie hinkommt, verdreckt. Es ist eher so, "dass die Dinge das Kommando übernommen haben", beschreibt sie.

Wann dieser Punkt erreicht ist, ist je nach Persönlichkeitstyp recht unterschiedlich. Für das Chaos gibt es einerseits sehr banale Gründe. "Nicht wenige berichten mir, sie hätten zu Hause einfach nicht gelernt, wie man Ordnung hält, sie haben kein Vorbild dafür." Dann geht es einfach darum, diesen Lernprozess nachzuholen.

Ein anderer Grund ist sozusagen Protest. "Bei einigen Menschen war es in der Kindheit und Jugend wirklich überordentlich, man durfte nie etwas herumliegen lassen", erzählt Miseré. Die Folge: Die Ordnung wurde als Einengung empfunden, in der eigenen Wohnung hat man erst einmal auf das Aufräumen gepfiffen, um sich entfalten zu können. "Das passt auch für einige. Andere kommen dann aber irgendwann drauf, mit diesem Zustand können sie in Wahrheit nicht gut leben."

Aber auch eine persönliche Krise kann so ein überbordendes Chaos auslösen, dass man sich nicht mehr darüber hinaussieht, da wieder Klarheit hineinzubringen: "Ich komme oft zu Menschen, die eine schwierige Trennung hinter sich haben, die länger krank waren, einen schweren Verlust erlitten haben oder vielleicht eine Depression hatten. Also Situationen, in denen man den Alltag nicht mehr so gut bewältigen kann", berichtet Miseré. "Irgendwann gibt es dann einen Kippmoment, man kann sich einfach nicht mehr vorstellen, dass jemals wieder Ordnung herrschen kann, und gibt sozusagen auf."

Innere Ruhe durch Ordnung

"Zwischen Psyche und Umgebung besteht aber eine Wechselwirkung", weiß die klinische und Gesundheitspsychologin Laura Stoiber. Die eigene Ordnung könne durchaus ein Spiegelbild der inneren Psyche sein und umgekehrt. "Eine ordentliche Umgebung kann auf gutes Stressmanagement und ein gesundes Maß an Kontrolle und Organisation hinweisen. Ein chaotisches Umfeld kann ein Zeichen für Stress, Unruhe und mangelnde Selbstfürsorge sein." Insofern kann Chaos eine Stresssituation noch verstärken, ein aufgeräumtes Zuhause kann dagegen das Wohlbefinden fördern. Das wichtige Wort dabei ist KANN. Das muss nicht zwingend so sein. "Das hängt stark mit der individuellen Persönlichkeitsstruktur zusammen", betont Stoiber. Es gibt auch Menschen, die sich in einer sehr ordentlichen Umgebung fast schon unwohl fühlen.

Das Ausmisten kann dabei recht schwer fallen. Warum, das wird klar, wenn man die psychologische Bedeutung dahinter versteht. Und damit einem das schwer fällt, muss man nicht gleich ein pathologisches Problem haben. Jeder Mensch, der schon einmal umgezogen ist und im Zuge des Packens Ordnung in den eigenen Besitz bringen musste, hat wohl schon erlebt, dass einen das emotional wirklich aufwühlen kann. "Ausmisten kann man als symbolischen Akt der Reinigung und Heilung betrachten, der uns dabei hilft, alte Wunden zu heilen, emotionale Blockaden zu lösen und Platz für persönliches Wachstum und Entwicklung zu schaffen", weiß Stoiber. "Wenn wir uns von unnötigem Ballast befreien, können wir uns innerlich und äußerlich klären und Raum für positive Veränderungen schaffen."

Das ist natürlich emotional anstrengend. Aber man wird belohnt durch das oft wirklich befreiende Gefühl, wenn man es geschafft hat, sich zu trennen. "Wieder Luft bekommen" nennen das Menschen oft, die schon einmal so richtig ausgemistet haben. Man könnte auch sagen, man kann wieder klar denken. Das kann schon in ganz kleinen Bereichen anfangen. Wenn man etwa ein neues Projekt angehen möchte oder eine berufliche Deadline ansteht und man einfach nicht in die Gänge kommt, kann es helfen, den Schreibtisch aufzuräumen. "Ausmisten ist ja auch ein Akt der Selbstpflege, es hilft uns dabei, den Geist zu klären und Raum zu schaffen", beschreibt Stoiber die Symbolik dahinter.

Zu viele Dinge, zu wenig Platz

Ist das Chaos größer, kann es aber passieren, dass es irgendwann auch das Kommando über das soziale Leben übernimmt. "Manche Menschen laden irgendwann einfach niemanden mehr zu sich nach Hause ein, weil es ihnen so unangenehm ist, wie es dort aussieht. Ich höre immer wieder die Erzählung, dass man eigentlich ein geselliger Typ sei, aber jetzt ginge das halt nicht mehr", berichtet Ordnungscoachin Miseré.

Dazu komme oft ein Gefühl der Unzulänglichkeit: "Alle bekommen es hin, nur ich bin zu blöd dafür." Oder auch der Gedanke, man sei doch ein erwachsener Mensch, so ein bisschen Ordnung werde man wohl hinbekommen. Miseré versteht das zwar, aber warnt auch davor: "Es liegt oft gar nicht an den Menschen selbst. Viele besitzen einfach zu viele Dinge im Vergleich zu dem Platz, den sie zur Verfügung haben."

Da wäre natürlich eine Lösung, in eine größere Wohnung zu ziehen. Doch die löse das Grundproblem nicht, nämlich das Bedürfnis danach, Dinge zu besitzen, die man in Wirklichkeit nicht braucht. Das beginnt bei so simplen Dingen wie Büchern. Die einen sagen, Bücher kann man nie zu viele haben. Miseré hält dem entgegen: "Wenn schon zehn ungelesene Bücher im Regal liegen, brauche ich dann wirklich jetzt, in diesem Moment, noch ein elftes?"

Das Gleiche gilt natürlich auch für alle anderen Gegenstände und Dinge. Hat man grundsätzlich ausreichend passende Hosen, Sportgeräte, Deko-Utensilien, Handwerkszeug oder was sonst noch Begehr erwecken kann, dann muss man nicht eine weitere Hose kaufen, nur weil dieses Blau besonders schön oder das Schraubenzieher-Set so ein tolles Angebot ist.

Ausmisten gefragt

Haben die Dinge das Kommando übernommen, heißt es ausmisten. Und besser radikal als zurückhaltend. Das ist oft nicht so leicht, sich von Dingen zu trennen kann eine enorme emotionale Herausforderung sein. "Hinter dem Festhalten an Gegenständen stecken emotionale Bindungen, Angst vor Verlust oder ein Bewältigungsmechanismus für tiefliegende, emotionale Konflikte. Loslassen hat auch viel mit innerem Vertrauen zu tun", weiß Gesundheitspsychologin Stoiber. Natürlich haben viele Gegenstände einen sentimentalen Wert. Aber man darf die Frage stellen, ob das Urlaubsouvenir aus Griechenland vor 15 Jahren wirklich noch so wichtig ist.

Und wie schafft man das Ausmisten nun? Dafür hat Miseré ein simples System. "Als Erstes ist eine umfassende Bestandsaufnahme nötig. Es geht ja nicht nur darum, sich von Dingen zu trennen, damit endlich wieder mehr Platz ist, sondern sich wirklich mit den Ursachen zu beschäftigen. Was macht es mir so schwer, loszulassen? Was geht mir dabei durch den Kopf? Da starten ja jede Menge innere Dialoge."

Dazu kommen ganz grundlegende, praktische Fragen. Was ist Schnee von gestern, was brauche ich in meiner jetzigen Lebensphase noch? "Das sollte man langsam und behutsam machen, es ist wichtig, dass man sich mit diesen Entscheidungen dann auch gut fühlt." Das heißt, man nimmt jedes Stück in die Hand und setzt sich damit auseinander.

Was vielen Menschen beim Ausmisten auch schwer fällt: Man will intakte, funktionierende Dinge nicht einfach wegwerfen, das tut manchen geradezu in der Seele weh, es geht dabei ja auch um Nachhaltigkeit. "Da sind oft sehr hochwertige Teile dabei", berichtet Miseré. Vielen fällt es leichter, wenn diese Gegenstände einer neuen Bestimmung zugeführt werden. Dafür hat sie eine umfassende Liste an Spenden- und Sammelstellen. Man kann natürlich auch selbst verkaufen, auf dem Flohmarkt oder im Internet.

Jedes Ding an seinen Platz

Ist das geschafft, geht es ans Einräumen. Und zwar mit System. "Jedes Ding braucht seinen Platz", betont Miseré. Oft entsteht Unordnung nämlich auch daraus, dass Utensilien keinen klar definierten Ort haben, wo sie hingehören. Es ist zum Beispiel kein Problem, sich die nötigen Utensilien dafür zusammenzusuchen, wenn man einen Kuchen backen will. Aber wenn der Kuchen fertig ist, die schöne Arbeit getan, muss man Schüssel und Mixer wieder irgendwo reinquetschen. "Das ist dann der Punkt, an dem es nicht mehr funktioniert. Deshalb achte ich immer darauf, dass das Wegräumen ganz leicht geht."

Diese Ordnung sollte natürlich ein System haben: Was brauche ich oft und muss es schnell zur Hand haben? Was kann weiter hinten oder oben stehen? Auch für den Kleiderschrank sollte man sich eine Ordnung überlegen, die für einen passt. Man kann nach Saison einräumen, nach Farben sortieren oder auch nach Kategorien. Wichtig ist dabei aber immer, dass man auf einen Blick sieht, was da drin vorhanden ist. Diese Regel gilt auch für alle anderen Bereiche.

Und dann gibt es immer noch ein paar Dinge, die scheinbar keinen richtigen Platz haben, dieser kleine Krimskrams wie Klebeband, Glühbirnen, Pflaster und mehr, also Dinge, die so klein sind, dass sie kein eigenes Regal füllen oder immer herumkugeln. Dafür empfiehlt Miseré, eigene Laden oder auch Schachteln und Boxen zu definieren, in denen nicht sterile Ordnung herrschen muss, aber in denen thematisch zusammenpassende Utensilien Unterschlupf finden. Hat man dann irgendwo noch einen Kleidersessel oder ein Eck, wo sich auch einmal Dinge stapeln dürfen, dann ist das auch in Ordnung.

Freiraum erhalten

Schließlich geht es noch darum, die neu gefundene Ordnung nicht wieder mit Dingen zuzuräumen – die Verlockung, Neues zu erstehen, könnte ja groß sein, wenn man auf einmal ausreichend Platz hat. Miseré betont: "Man muss sich immer vor Augen führen, wie viel Raum man hat. In meine Teelade passen zehn Sorten, in mein Bücherregal passen 70 Bücher. In meinem Kleiderschrank haben so viele Pullover entspannt Platz. Ist es gefüllt und man möchte etwas Neues, muss etwas anderes dafür Platz machen."

Doch was tun, wenn man aus diesem Werkstoff vielleicht ein Deko-Objekt bauen will? Oder wenn man sich genau aus dieser Schattierung an Merinowolle einen Pulli stricken möchte, irgendwann? Irgendwann ist in dem Fall das Zauberwort. "Habe ich einen unmittelbaren Plan der Umsetzung? Dann ist es in Ordnung, das zu kaufen. Wenn es diesen Plan nicht gibt, dann geht es eher um den Besitz dieser Sache per se. Und dann sage ich, die Wolle ist genauso schön, wenn sie im Geschäft ist." Beherzigt man diese Regeln, kann einem ordnungsmäßig eigentlich nichts mehr passieren, findet Miseré. (Pia Kruckenhauser, 30.5.2024)