Narendra Modi weihte im Jänner höchstpersönlich den umstrittenen Ram-Tempel in Ayodhya ein.
EPA/INDIA PRESS INFORMATION BURE

Direkt anrufen könne er Gott nicht, gesteht Narendra Modi. Doch dieser Gott, "paramatma" auf Sanskrit, bringe ihn einfach dazu, Dinge zu tun. Er sei daher davon überzeugt, dass er von Gott gesandt sei.

Der indische Premierminister ist bereits seit zehn Jahren im Amt. So deutlich wie im aktuellen Wahlkampf sprach er aber selten noch über seine spirituellen Überzeugungen, wie etwa in einem Interview mit dem indischen Sender NDTV. Bereits im Jänner hatte ein religiöses Mega-Event in Indien für Furore gesorgt, als der seit Jahren umstrittene Ram-Tempel in der Stadt Ayodhya eröffnet wurde.

Kein hinduistischer Oberpriester, sondern Modi höchstpersönlich weihte den Tempel in einer riesigen im Fernsehen übertragenen Zeremonie ein. Der Politiker der Bharatiya Janata Party (Indische Volkspartei, BJP, Anm.) bezeichnete sich selbst als "Instrument Rams", also einer der beliebtesten Gottheiten Indiens. Der Tempel in Ayodhya steht wie kaum ein anderes Ereignis für religiöse Gewalt in der jüngeren Geschichte des Landes. Jahrhundertelang stand eben an jener Stelle eine Moschee, die 1992 aber von hunderttausenden Hindus abgerissen worden war. Das löste Unruhen im ganzen Land aus, bei denen über 2000 Menschen starben. Und auch die tödlichen Ausschreitungen von 2002 in Gujarat standen mit Ayodhya in Zusammenhang. Modi wird bis heute vorgeworfen, dass er damals als Chief Minister des Bundesstaates tagelang dabei zusah, wie Hindus Muslime abschlachteten. Jahre später, nämlich 2019, kam schließlich der rechtliche Sanktus von ganz oben: Der Tempel darf gebaut werden, entschied das Oberste Gericht; Modi war zu der Zeit längst Premierminister.

Die Einweihung des Ram-Tempels in Ayodhya wurde groß inszeniert.
AP/Rajesh Kumar Singh

Unter ihm werde Indien immer autoritärer, werfen ihm viele vor. Und vor allem verwische der Regierungschef in dem demokratischen Land immer mehr die Grenzen zwischen Politik und Religion. Dabei ist Indien per Verfassung eigentlich ein säkularer Staat – ein Fakt, der sich durchaus auch im demokratischen Selbstverständnis des riesigen Landes wiederfindet.

Pilgerreisen, Hindu-Ideale und Hardliner

Seit sieben Wochen wird im bevölkerungsreichsten Land der Welt ein neues Parlament gewählt. Modis BJP kann mit einem Sieg rechnen: Denn Modi beschert der hindunationalistischen Partei große Beliebtheit; und vor allem scheitert die Opposition seit Jahren an ihrem Vorhaben, der BJP-Maschinerie etwas entgegenzusetzen. Aktuell haben sich unzählige Oppositionsparteien zum "India"-Bündnis zusammengetan. Echte Siegeschancen werden dem Block aber nicht zugetraut.

Zum Wahlfinale am Dienstag sprach Modi in der oppositionellen Hochburg Westbengalen, wo sich die Partei vorgenommen hat, Fuß zu fassen. Herausforderer Rahul Gandhi von der Kongresspartei war zu der Zeit in der Stadt Varanasi anzutreffen, die ihrerseits eine Hochburg Modis ist – und eine er wichtigsten Pilgerstätten des Landes.

So durchdringen in Indien Religion und Hindu-Ideale immer schon die Politlandschaft. Der in Popularität schwächelnde Gandhi begab sich schon vor zwei Jahren auf große Indien-"Yatra", in Anlehnung an die Tradition der Art Pilgerreise durch das ganze Land. Und auch seine Großmutter Indira Gandhi hat in ihrer Funktion als Premierministerin immer wieder Hindu-Tempel besucht.

Rahul Gandhi von der Opposition pocht auf die indische Verfassung. Der BJP kann die Kongresspartei wenig entgegensetzen.
AFP/NARINDER NANU

Doch so prominent und vehement wie Modi selbst und seine Partei hat bisher keine Regierung Hinduismus mit Nationalstolz verwoben. Für die BJP-Partei aber stellt genau das ihre Kernpolitik dar. Hardliner wie Innenminister Amit Shah oder der Regierungschef von Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, heizen immer wieder mit aggressiven Ansagen Feindseligkeiten im Land an.

Meditieren in den Bergen

Modi selbst schreckt zumeist vor solchen Hardliner-Sprüchen zurück. Der unverheiratete 73-Jährige gibt sich moderat und bedacht, gibt nur selten Interviews, und wenn, dann nur unter streng reglementierten Bedingungen. Sein Aufstieg vom Chaiwallah, also Teekellner, aus Gujarat bis ganz hinauf soll ein ganzes Land inspirieren. Immer wieder zieht er sich zum Meditieren in die Berge des Himalaya zurück, ganz so, wie man es in Indien aus den alten Heldenepen kennt. Er sei ja als Jugendlicher durch ganz Indien gereist, erzählen sich die Menschen, daher kenne er das Land so gut. Der Mann ohne eigene Familie wurde so längst selbst zur Legende.

Besonders gern bezieht er sich dabei auf eben jene Gottheit, der auch der Tempel in Ayodhya geweiht ist: Ram, dessen "Ramayana"-Epos sich in Indien enormer Beliebtheit erfreut. Die feierliche Eröffnung des Ram-Tempels sei keine religiöse Zeremonie gewesen, sondern "die Implementierung der BJP-Agenda", sagt etwa ein Tempelwächter in Varansi zu The Wire. In der BJP-Parteizentral in Delhi befindet sich eine große Sammlung an Bögen – Rams bekanntestes Attribut.

"Als meine Mutter noch lebte", gab Modi Mitte Mai an, da dachte er noch, er sei "biologisch geboren". Doch nun sei er „überzeugt, dass Gott mich gesandt hat“. Und auch seine Parteikollegen unterstützen den Personenkult kräftig: So sei Modis enorme Energie ein klares Zeichen für seine göttliche Natur, gab ein BJP-Vertreter etwa an.

Nicht alle sind von dieser Anschauung überzeugt. Bei der Priorisierung von Hindu-Idealen fühlen sich nicht nur rund 15 Prozent Muslime, sondern auch diverse ethnische Minderheiten abgehängt – und all jene unwohl, die an der säkularen Auslegung Indiens festhalten wollen.

Gleich nach der ersten von sieben Wahlphasen Mitte April ließ Modi mit einer antimuslimischen Rede aufhorchen: Darin beschuldigte er die Kongresspartei, Muslimen im Land den Vorzug geben zu wollen. Diese plötzlich gewählte aggressivere Rhetorik sahen viele in Zusammenhang mit dem Wahlverlauf: Teilergebnisse dürfen zwar vor dem 4. Juli nicht veröffentlicht werden, aber Zahlen zur Wahlbeteiligung. Und die war um einige Prozentpunkte geringer als vor fünf Jahren ausgefallen. Scheinbar hat die Partei vor allem in ihren Kernbundesstaaten im Norden die Menschen nicht so mobilisieren können, mutmaßen Analysten. So habe sich Modi quasi auf die bekannte Strategie besonnen, Feindseligkeiten zwischen Hindus und Muslimen anzustacheln. Im Wahlfinale scheut er nun auch nicht davor zurück, göttlichen Klartext zu reden. (Anna Sawerthal, 29.5.2024)