Smartphones iPhone Teenager
Teenager bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Bringt das Nutzen des Smartphones doch mehr Lust als Frust?
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Es gibt wenige Themen, die Eltern von Teenagern – sowie den Lehrenden in Schulen – mehr Kopfzerbrechen bereiten als die Smartphone-Nutzung von Kindern und Jugendlichen. Laut einer ganz neuen Umfrage verbringen junge Personen in Österreich im Schnitt immerhin 213 Minuten täglich am Handy. Doch welche Folgen hat dieser mehr oder weniger exzessive Gebrauch der Smartphones? Und warum hängen die Jugendlichen so sehr und so lange an den kleinen Bildschirmen?

Trotz intensiver Debatten und zahlreicher Studien sind eindeutige und evidenzbasierte Erkenntnisse überraschend rar. Die Spannbreite der Aussagen ist entsprechend groß: In der bisherigen medialen Diskussion scheint die Erkenntnis zu überwiegen, dass Smartphone-Nutzung Kinder und Jugendliche depressiv mache und andere negative Folgeerscheinungen habe, etwa Einschlafprobleme. Deshalb wurde in Großbritannien zuletzt sogar ein Smartphone-Kaufverbot für Jugendliche unter 16 Jahren diskutiert.

Smartphones für bessere Laune?

Es gibt aber auch Untersuchungen, die zu einem anderen Schluss kommen – wie etwa Untersuchungen des Projekt Awesome der Universität Amsterdam. Bereits im Jahr 2020 berichteten Awesome-Forschende im Fachblatt Scientific Reports darüber, dass sich 46 Prozent der Heranwachsenden nach der passiven Nutzung von sozialen Medien besser fühlen, 44 Prozent weder besser noch schlechter und nur zehn Prozent schlechter. Zu ähnlich positiven Ergebnissen kam eine Studie an der Università della Svizzera italiana: Jugendliche würden sich nach der Smartphone-Nutzung besser fühlen; und eine bessere Stimmung würde umgekehrt vermehrt zum Smartphone greifen lassen.

Eine neue US-amerikanische Studie scheint diese eher positiven Befunde zu bestätigen: Wie Matt Minich und Megan Moreno (beide vom Department für Pädiatrie der University of Wisconsin-Madison) im Fachblatt PLoS One berichten, könnte die Nutzung von Smartphones mit einer besseren Stimmung bei Zwölf- bis 17-Jährigen einhergehen – und zwar je länger die Nutzung, desto besser die Stimmung. Fachleute in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die zu diesen Ergebnissen vom Science Media Center Germany befragt wurden, zeigten sich allerdings vor allem hinsichtlich der Generalisierbarkeit der Aussage skeptisch.

Regelmäßige Befragungen

Was konkret haben Minich und Moreno untersucht? Vor allem über die Plattform Facebook rekrutierten die Forschenden Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren, von denen insgesamt 253 in die Analyse aufgenommen wurden. Die jungen Probandinnen und Probanden wurden regelmäßig über ihr Smartphone befragt, ob und wie lange sie gerade ihr Smartphone benutzen und wie ihre Stimmung ist beziehungsweise vor der Nutzung war. Konkret erfolgte die Befragung 30-mal in einem Zeitraum von sechs Tagen, bei der die Jugendlichen innerhalb einer Stunde einen kurzen Fragebogen ausfüllen mussten.

Diese Art der Datenerhebung wird Ecological Momentary Assessment (EMA) genannt und gilt als Standardmethode. Dabei machen Personen spontan Angaben über ihren aktuellen Zustand, indem sie beispielsweise angerufen werden oder eine Nachricht auf ein mobiles Endgerät erhalten. Dadurch werden retrospektive Aussagen vermieden, bei denen Erinnerungsverzerrungen auftreten können. Allerdings wurde dabei lediglich erfasst, ob die Jugendlichen das Handy gerade benutzen – und nicht, was sie damit machen.

Die gute Stimmung während der Nutzung – das Kernergebnis der Befragungen – legt für die Forschenden jedenfalls den Schluss nahe, dass Smartphones von Jugendlichen zur Stimmungsregulierung verwendet werden könnten, was eine Komponente von Suchtverhalten ist. Die kleinen Bildschirme könnten laut der sogenannten Mood-Management-Theorie, die bereits in den 1980er-Jahren entwickelt wurde, als Bewältigungsstrategie für unangenehme Situationen dienen: Medieninhalte werden dahingehend ausgewählt, positive Stimmungen zu verstärken oder negative Stimmungen abzuschwächen.

Einwände von Fachleuten

Für ein gewisses Misstrauen könnte nicht nur die Rekrutierung der Jugendlichen über Facebook-Werbung sorgen, sondern auch, dass die Finanzierung der Studie durch den Facebook Youth Research Fund erfolgte – auch wenn die Forschenden versichern, dass Studiendesign, Datenerhebung und -analyse sowie alle weiteren Schritte nicht vom Fördergeber beeinflusst waren. Einig sind sich die nicht an der Studie beteiligten Expertinnen und Experten, die vom SMC befragt wurden, dass die Aussagen "aufgrund der willkürlichen Stichprobenziehung nicht repräsentativ für Jugendliche im Allgemeinen sind", wie es etwa die Medien(wirkungs)forscherin Kathrin Karsay (Uni Wien) formuliert.

Ein weiteres großes Problem der Studie sehen die Fachleute zudem darin, dass für die Studie zwar die Nutzung und die Stimmung zeitnah abgefragt wurden, nicht aber die gerade konsumierten Inhalte. Die Ergebnisse sind freilich auch für Karsay plausibel, zumal bekannt sei, "dass Jugendliche unterhaltsame und hedonistische Medieninhalte bevorzugen". Der schnelle und wiederholte Griff zum Handy bei Langweile, schlechter Stimmung oder anderen unangenehmen Gefühlen könne freilich auch dazu führen, "dass andere Aufgaben vernachlässigt werden – Stichwort: Prokrastination. Schuldgefühle ('Jetzt habe ich wieder so viel Zeit am Handy verschwendet') können diese positive Stimmung gegebenenfalls wieder mindern oder aufheben."

Trendwende in der Forschung

Für Karsay steht die neue Studie aber auch für eine gewisse Trendwende in der Erforschung der Smartphone-Nutzung durch Jugendliche: In der Vergangenheit hätten sich Forschende vor allem den negativen Aspekten gewidmet, und erst nach und nach würden Untersuchungen zu positiven Aspekten veröffentlicht.

Gemeinsamer Medienkonsum am Smartphone wirkt sich – so eine andere neue Studie – positiv auf Freundschaften aus.
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Dazu fallen ihr gleich mehrere Beispiele ein: So wurde in einer rezenten Studie ihres Wiener Kollegen Jörg Matthes gemeinsamer Videokonsum am Handy oder gemeinsame Recherchen mit einer höheren wahrgenommen Freundschaftsqualität in Verbindung gebracht. Und insbesondere für marginalisierte Gruppen böten digitale Medien die bedeutsame Möglichkeit, sich – gegebenenfalls anonym – auszutauschen und Probleme zu besprechen.

Auch der Psychologe Christian Montag (Uni Ulm) gesteht ein, dass in der bisherigen Forschung die Vorteile der Smartphone-Nutzung relativ wenig untersucht seien. Er selbst sieht aber "keine wesentlichen Vorteile durch die Smartphone-Nutzung bei Kindern und rät von eigenen Geräten jedenfalls in der Kindheit (also bis 14 Jahren) ab. Offensichtlich sei aber auch, dass das Smartphone mit all seinen Kanälen "einen Bestandteil der jugendlichen Popkultur darstellt". Einig sind sich die befragten Expertinnen und Experten auch, dass es dringend weiterer Forschung bedarf – nicht nur über die unmittelbaren Effekte der Handynutzung, wie Karsay ergänzt, "sondern auch die mittel- und langfristigen Effekte und Probleme wie späteres Zubettgehen und Aufschieben von Aufgaben". (Klaus Taschwer, 30.5.2024)