Mit den steigenden Temperaturen fühlen sich in unseren Breiten immer mehr Tier- und Pflanzenarten wohl, die man bisher nur aus den Tropen und Subtropen kannte. Finden sie ein ähnliches Biotop wie zu Hause und ein ausreichendes Nahrungsangebot vor, erweisen sich diese Spezies häufig als übermächtige Konkurrenten, gegen die die heimische Fauna und Flora wenig Chancen hat.

Für den Menschen unmittelbar gefährlich wird es dann, wenn die Zuzügler Krankheiten im Schlepptau haben, auf die die Europäerinnen und Europäer nicht vorbereitet sind. Das trifft insbesondere auf einige Zeckenarten aus dem Süden und Osten zu, die in den letzten Jahren die heimische Zeckengemeinschaft "bereichert" haben.

Riesenzecke Hyalomma marginatum
Die Riesenzecke Hyalomma marginatum fühlt sich bereits in mitteleuropäischen Gefilden wohl.
Foto: Robert Koch-Institut

Tropenzecken im Rampenlicht

Von allgemeiner Prominenz war unter den 18 angestammten Zeckenarten bisher nur der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus). Er kommt mit Abstand am häufigsten vor und kann unter anderem Lyme-Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen. In den vergangenen Jahren gerieten jedoch einige Zecken aus den Tropen und Subtropen ins Rampenlicht, die sich in Mitteleuropa immer wohler zu fühlen scheinen.

Allen voran Hyalomma marginatum: Die subtropische Riesenzecke kam ursprünglich vor allem in Nordafrika, dem europäischen Mittelmeerraum und dem Westen und Zentrum Asiens vor. Mittlerweile jedoch hat sich das bis zu sechs Millimeter lange Tier auf seinen geringelten Beinen bis nach Mitteleuropa vorgearbeitet.

Per Vogelflug zu uns

Genau genommen kam es eigentlich auf Flügeln: Hyalomma marginatum reist im Larvenstadium mit den Vögeln zu uns, die im Frühjahr von Süden Richtung Norden ziehen. Inzwischen finden die Neuankömmlinge per Zugvogel eine gut entwickelte Community an Artgenossen vor. 2018 war Hyalomma marginatum erstmals in Österreich nachgewiesen worden. Im Jahr darauf wurde klar, dass die Riesenzecke gekommen ist, um zu bleiben, denn das Überwintern in unseren Gefilden scheint ihr keine Probleme zu bereiten.

Hyalomma marginatum saugt bevorzugt an großen Säugetieren wie beispielsweise Rindern, verschmäht aber auch den Menschen nicht. Im Unterschied zum einheimischen Gemeinen Holzbock, der im Gras auf seine Beute wartet, läuft die Riesenzecke auf ihren langen Beinen flott auf ihr auserkorenes Opfer zu, das sie mit ihren ungewöhnlich guten Augen aus bis zu neun Metern Entfernung wahrnimmt.

Exotische Krankheiten

Problematisch ist das vor allem deshalb, weil diese Zeckenspezies auch gefährliche Krankheiten übertragen kann. Manche Hyalomma-marginatum-Individuen tragen Erreger des Fleckfiebers, Rickettsia aeschlimannii oder des Krim-Kongo-hämorrhagischen Fiebers in sich. Beides sind Infektionen, die unbehandelt auch zum Tode führen können. Bisherige Untersuchungen von in Österreich und in Deutschland gefundenen Zecken brachten jedoch keine Nachweise für das Krim-Kongo-Fieber-Virus, wohl aber für das Bakterium Rickettsia aeschlimannii.

Dass sich dieser Blutsauger in unseren Breiten bereits dauerhaft etabliert hat, wird mittlerweile nicht mehr angezweifelt. Vorerst aber dürften die Populationen bei uns noch recht klein sein, Meldungen von Hyalomma marginatum in Österreich sind immer noch vergleichsweise selten.

Riesenzecke Hyalomma marginatum
Die Spezies Hyalomma marginatum unter der Lupe. Die Riesenzecke ist an ihren geringelten Beinen leicht zu identifizieren.
Foto: Adam Cuerden

Ausbreitung in Norditalien

Anders dagegen sieht es im angrenzenden Norditalien aus, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt. In der bei Urlaubern beliebten italienischen Provinz Triest scheint sich die Riesenzecke besonders wohlzufühlen. Hyalomma marginatum komme im Triester Karst mittlerweile in beträchtlichem Ausmaß vor, teilte das Triester Stadtmuseum für Naturgeschichte mit. Betroffen sei vor allem der Osten der Provinz.

Der felsige Triester Karst bietet ein günstiges Umfeld für die Riesenzecke, wie das Triester Museum erklärte: Sie bevorzugt nicht hohe, feuchte Wiesen und bewohnt lieber sonnige, offene Flächen mit kurzen Gräsern und Steinen – typisch für die Karstlandschaft. Die Ansiedlung von Hyalomma marginatum in der Region ist aus italienischer Perspektive letztlich nicht überraschend: Eine Übersicht der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC vom vergangenen August berichtete von der zunehmenden Ausbreitung der Riesenzecke in Teilen Portugals, Spaniens, Südfrankreichs sowie in Kroatien und Griechenland.

Wie sich die Situation in Österreich weiter entwickeln wird, ist noch unklar. Eine engmaschige Überwachung sei laut Fachleuten jedenfalls notwendig. Die österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (Ages) bittet daher gerade bei der Riesenzecke um Zusendungen von Bildmaterial per Mail an die Adresse zecken@ages.at, aktuell arbeite die Ages aber auch an einer Option, die Zecken selbst einzuschicken. (tberg, red, 29.5.2024)