Ein Detail des nun neu beschriebenen Papyrus. Das Wort in der obersten Zeile ist das griechische "Jesus".
Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg/Public Domain Mark 1.0

Um die Kindheit des Jesus von Nazareth ranken sich viele Legenden. Während im Neuen Testament der Bibel der Geburt ebenso wie dem Tod von Jesus viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und mehrere Evangelisten darüber berichten, fehlt die Kindheit fast vollständig.

Doch Erzählungen über die Kindheit gibt es. Ein Text aus dem zweiten Jahrhundert, der einem Israeliten Thomas zugeschrieben wird und auch als Thomas-Evangelium bekannt ist, berichtet zahlreiche Episoden aus dem Leben des jungen Jesu. Sein Fehlen in der Bibel erklärt sich dadurch, dass im Zuge der sogenannten Kanonisierung, bei der im Lauf der ersten Jahrhunderte des Christentums entschieden wurde, welche Texte zur offiziellen Grundlage der Glaubenslehre werden sollten, das Kindheitsevangelium nicht aufgenommen wurde. Mehr noch, der Text wurde später sogar verboten. Er zählt damit zu den "apokryphen" Texten.

Papyrusfragment aus Bibliothek

Obwohl der Text vermutlich nur etwas mehr als hundert Jahre nach dem Tod von Jesus entstand, war die älteste bekannte griechische Fassung fast tausend Jahre jünger. Nun berichten aber zwei Forscher von der deutschen Humboldt-Universität Berlin und der belgischen Universität Lüttich im Fachjournal Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik von einer neuen Entdeckung. Sie konnten die Inschrift eines spätantiken Papyrusfragments, das in der Universitätsbibliothek Hamburg aufbewahrt wurde, entziffern und einer der Geschichten des Kindheitsevangeliums zuordnen.

"Das Fragment ist von außerordentlichem Interesse für die Forschung", sagt der Papyrusexperte Lajos Berkes von der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität. "Zum einen, weil wir es auf das vierte bis fünfte Jahrhundert datieren konnten und es damit die früheste bekannte Abschrift ist. Zum anderen, weil wir neue Erkenntnisse zur Textüberlieferung gewinnen konnten."

Der Papyrus wurde wegen der unsauberen Schrift bisher für unbedeutend gehalten. Doch eine genauere Analyse des Inhalts zeigte Elemente aus dem Kindheitsevangelium nach Thomas.
Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg/Public Domain Mark 1.0

Vermutetes Alltagsdokument

Das Fragment, das elf mal fünf Zentimeter misst, wurde bisher für einen Brief oder eine Einkaufsliste gehalten, weil die Schrift unbeholfen wirkt. Doch eine neue Analyse kommt nun zu einem anderen Ergebnis.

"Uns ist zunächst das Wort 'Jesus' im Text aufgefallen", sagt Berkes. "Dann haben wir durch den Vergleich mit zahlreichen anderen digitalisierten Papyri Buchstabe für Buchstabe entziffert, und uns wurde schnell klar, dass es sich nicht um ein Alltagsdokument handeln kann."

Die Schlüsselbegriffe "krähend" und "Zweig" brachten Klarheit: Es handelt sich nach der neuen Untersuchung um den Anfang einer Geschichte, die das "zweite Wunder" im Thomas-Evangelium darstellt. Dabei spielt Jesus an einem Fluss und formt aus weichem Ton zwölf Spatzen. Josef stellt ihn zur Rede, weil Sabbat ist. Statt zu antworten, klatscht Jesus in die Hände, und die Spatzen fliegen davon.

Für die schlechte Schriftqualität haben die Forscher eine Erklärung. Sie vermuten, dass es sich um eine Abschrift handelt, die in einem Kloster oder in einer Schule entstand und als Übung diente. Dafür spricht auch, dass die "falsche" Seite des Papyrus beschrieben wurde. Papyri bestehen aus Schichten mit längs und quer verlaufenden Fasern. Normalerweise wurden sie entlang horizontal verlaufender Fasern beschrieben, dieser Text füllt allerdings eine Seite mit vertikalen Fasern. Das ist bisher fast nur aus schulischen Schriften bekannt.

Die Rückseite ist vermutlich unbeschrieben. Sicher ist das nicht, der Papyrus wurde nämlich in einer heute nicht mehr denkbaren Praxis auf ein Blatt aufgeklebt. Falls sie tatsächlich nicht beschrieben ist, spricht das ebenfalls dafür, dass es sich nicht um eine Seite eines Buches handelt, sondern um eine Schreibübung. Es gibt verschiedene dokumentierte Beispiele, bei denen Bibeltexte zur Übung verwendet wurden.

Zudem lassen sich mehrere Löschungen von Buchstaben erkennen, die offenbar nach dem Schreiben durchgeführt wurden. Während das für einen ungeübten Schreiber und eine Schulübung spricht, ist die Schreibweise des Namens von Jesus ungewöhnlich. Dieser ist nämlich nicht, wie sonst üblich, abgekürzt.

Eine Statue eines Vaters mit einem Kind. Sie halten sich an der Hand und sehen sich an.
Diese Darstellung des kindlichen Jesu findet sich an der Fassade eines dem Heiligen Josef geweihten Konvents in der spanischen Stadt Avila.
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Rückseite unbekannt

Über die Herkunft des Papyrus gibt es keine genaueren Aufzeichnungen. "Die Hamburger Papyrussammlung wurde zunächst durch das Deutsche Papyruskartell zwischen 1906 und 1913 und später durch Einzelankäufe bis 1939 erworben", schreiben die Forscher in ihrer Studie. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass er vor dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kam. Die Datierung stammt aus Vergleichen des Schriftbildes, insbesondere Eigenheiten des griechischen Buchstabens Epsilon, die aus einem auf das vierte Jahrhundert datierten Papyrus bekannt sind. Auch die Buchstaben Eta und Kappa stützen diese Schlussfolgerung.

Der Text folgt der bisher ältesten bekannten Version der Geschichte, die vermutlich den Urtext aus dem zweiten Jahrhundert darstellt. Das ist bedeutsam, weil es bisherige Annahmen untermauert, sagt Berkes' Kollege Gabriel Nocchi Macedo von der Universität Lüttich: "Unsere Erkenntnisse zu dieser spätantiken griechischen Abschrift des Werks bestätigen die derzeit geltende Einschätzung, dass das Kindheitsevangelium nach Thomas ursprünglich auf Griechisch verfasst wurde."

Geschichte eines schwer Erziehbaren

Die Geschichte der Vögel ist eine der bekanntesten des Kindheitsevangeliums und steht beispielhaft für Konflikte des jungen Jesu mit seinem Ziehvater Josef. Die Probleme gehen in den Erzählungen aber noch tiefer, Jesus wird als jähzornig beschrieben, und es gibt mehrere Fälle, wo Kinder, die seinen Zorn auf sich ziehen, zu Tode kommen. Josef bittet daraufhin Maria, den jungen Jesus nicht mehr vor die Tür zu lassen, denn "die, die seinen Zorn erregen, sind des Todes".

Das Verbot des Kindheitsevangeliums im fünften Jahrhundert im sogenannten Decretum Gelasianum hatte nicht den gewünschten Effekt. Die Geschichten erfreuten sich weiterhin großer Beliebtheit. Übersetzungen ins Lateinische, Syrische, Äthiopische, Armenische, Arabische, Irische und Kirchenslawische sind bekannt. Später fanden sie Eingang in das sogenannte Pseudo-Matthäusevangelium, das bis heute in den christlichen Traditionen nachwirkt. So gehen etwa die bekannten Namen der Heiligen Drei Könige auf diese Schrift zurück. (Reinhard Kleindl, 6.6.2024)